Kommentar zur frühen Impfung gegen Corona

Die Briten haben bei Corona-Impfungen die Nase vorn

Die Stimmung zwischen London und Brüssel ist kurz vor dem Brexit angespannt. Kein Grund aber, dass die EU nicht anerkennt, dass die Briten bei der Impfung gegen Corona die Nase vorn haben, meint Katrin Pribyl.
04.12.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Briten haben bei Corona-Impfungen die Nase vorn
Von Katrin Pribyl
Die Briten haben bei Corona-Impfungen die Nase vorn

Bereits in der kommenden Woche beginnen in Großbritannien die Impfungen gegen Corona.

Victoria Jones / dpa

Großbritannien lässt als weltweit erstes Land den Impfstoff von Biontech/Pfizer zu. Und während im Königreich große Freude herrscht, hallt vom Kontinent harsche Kritik hinüber auf die Insel. Der Europaabgeordnete Peter Liese sprach von einer „problematischen Entscheidung“ und einer „überhasteten Notfallzulassung“. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte, es gehe nicht darum, wer Erster sei, sondern dass man „sichere und wirksame Impfstoffe“ erhalte. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) meldete Zweifel an. Die Mahner schufen damit in Europa die Legende: irgendwie fragwürdig, was da auf der Insel passiert. Doch dieses Briten-Bashing darf trotz des allgemeinen Trends als unfair bezeichnet werden.

Nach Jahren, die von Brexit-Dramen, Schuldzuweisungen und politischen Spielchen insbesondere vonseiten Londons geprägt waren, ist das Vertrauen Europas in Großbritannien offenbar völlig aufgebraucht. Die Reputation des Königreichs wurde so schwer beschädigt, dass selbst ein beeindruckender Erfolg wie die zügige Zulassung durch die medizinische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel in Großbritannien (MHRA) nicht mehr als solcher anerkannt wird. Dass einige Politiker, darunter Gesundheitsminister Matt Hancock, den Brexit als einen der Gründe dafür vorschoben, half keineswegs. Die Debatte ist genauso ermüdend wie öde. Großbritannien bleibt bis zum Ende der Übergangsphase am 31. Dezember noch immer an EU-Recht gebunden. June Raine, die Chefin der unabhängigen MHRA, betonte denn auch, man habe mit exakt den gleichen Standards gearbeitet, wie es international üblich sei.

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Mit dem Austritt aus der Staatengemeinschaft hat die Sache nichts zu tun, es handelte sich um das typische Getöse der europaskeptischen Hardliner, die jede Gelegenheit nutzen, um die angebliche britische Einzigartigkeit zu rühmen. Man sollte sie in diesem Falle ignorieren. Denn die seriösen Stimmen auf der Insel, ob aus der Wissenschaft oder der Politik, loben natürlich die internationale Kooperation bei der Impfstoffentwicklung und lassen das Thema Brexit beiseite.

Verfährt die EU wirklich sicherer, oder führt der „gemeinsame europäische Ansatz“ der 27 Mitgliedstaaten zu Verzögerungen? Gut möglich, dass die EMA einfach langsamer ist und nun rechtfertigen muss, warum im Königreich bereits nächste Woche mit den Impfungen begonnen werden kann. Alle Behörden folgen dem sogenannten Rolling-Review-Verfahren. Dabei erhalten die Aufseher die Daten aus den klinischen Studien, sobald diese verfügbar sind, und nicht erst nach Abschluss der klinischen Studienphase. Simon Clarke, Zellbiologe an der University of Reading, verweist darauf, dass die Forschungsarbeit von Biontech/Pfizer vorerst beendet sei, weshalb die Daten jeder internationalen Zulassungs- und Aufsichtsbehörde vorlägen. Alles, was die Regulatoren täten, sei, das Material zu prüfen. Sofern die EMA nun nicht Biontech/Pfizer beauftrage, weitere Forschung zu betreiben, müssten sie ihr Problem mit dem britischen Vorgehen klar bezeichnen.

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Clarke sind die Einwände deshalb zu vage. „Nur Kritik an der Geschwindigkeit zu äußern, reicht nicht“, sagt er. „Sie muss konkreter sein. Wenn angeblich ein Schritt ausgelassen wurde – welcher?“ Die Beanstandungen basierten lediglich auf Meinungen. Hinzu kommt, dass die MHRA weltweit einen ausgezeichneten Ruf als eine der „führenden Stimmen“ genießt. Die unabhängige Behörde gilt als äußerst effizient und erfahren. So handelte es sich nicht um einen Zufall, dass die EMA in London angesiedelt war, bis sie ihren Sitz wegen des Brexit nach Amsterdam verlegte. Gleichwohl ist bekannt, dass die EMA seit ihrem Umzug unter Personalmangel leidet und die britische Expertise schwer vermisst wird.

Um die Daten zu prüfen, hätten die Aufpasser „Tag und Nacht gearbeitet“, sagte MHRA-Direktorin Raine. Auch wenn der Druck im Königreich hoch gewesen sein mag angesichts von rund 60.000 Corona-Toten, verdienen es die Experten der Behörde bei aller gebotenen Vorsicht, ernstgenommen und respektiert zu werden, auch außerhalb Großbritanniens. Briten-Bashing hin oder her.

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