Fragen und Antworten

Viele Menschen sind nur bedingt impfbereit

Eine Umfrage zeigt die relativ hohe Skepsis in Deutschland gegenüber Coronavirus-Impfungen. Warum ist das so – und was kann dagegen getan werden?
20.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sascha Karberg und Thomas Trappe
Viele Menschen sind nur bedingt impfbereit

Viele Menschen sind skeptisch auf Grund des hohen Entwicklungstempos eines COVID-19-Impfstoffes. Andererseits ist eine hohe Durchimpfungsrate notwendig um wieder zur Normalität zurückkehren zu können.

Clara Margais / dpa

Die Zulassung eines Corona-Impfstoffs rückt näher. Die Mainzer Biotechfirma Biontech und ihr Partner Pfizer haben bereits die wichtigste Hürde für eine mögliche Zulassung ihres Corona-Impfstoffs in den USA genommen. Nach einer finalen Studienanalyse habe der Impfstoff einen Schutz von 95 Prozent vor Covid-19 gezeigt, teilten die Unternehmen mit. Auch die Impfstoffentwicklung bei Moderna ist bereits weit fortgeschritten. Zugleich aber hat die Hälfte der Deutschen Angst vor Nebenwirkungen, wie eine Umfrage zeigt. Das gefährdet die benötigte breite Impfbereitschaft.

Warum ist eine hohe Impfbereitschaft so wichtig?

Am Wochenende sagte der US-Immunologe Anthony Fauci, er rechne mit ersten Impfungen schon in einem Monat, mit einer Rückkehr zur „relativen Normalität“ schon im April 2021. Auch Biontech- Chef Ugur Sahin prognostizierte eine Rückkehr zum „normalen Leben“ im Winter 2021. Sowohl Fauci als auch Sahin machten dabei eine wichtige Einschränkung: Voraussetzung für ein Ende der pandemischen Bedrohungslage sei eine hohe Durchimpfungsrate.

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Wie hoch ist die Impfbereitschaft beim neuen Coronavirus-Impfstoff?

Laut einer repräsentativen Civey-Umfrage befürchtet jeder Zweite, dass ein neuer Coronavirus-Impfstoff aufgrund des nie da gewesenen Entwicklungstempos „mit unvorhersehbaren Risiken und Nebenwirkungen einhergehen wird“. Knapp vier von zehn Befragten beantworteten diese Frage mit Nein. Der Stichprobenfehler liegt bei 3,3 Prozent. Besonders hoch ist die Skepsis bei Frauen, von denen 56 Prozent ungeklärte Risiken fürchten. Bei Männern sind es 42 Prozent. Bei den Älteren, also jenen, die wahrscheinlich zuerst geimpft werden sollen, überwiegt die Hoffnung: Nur 38 Prozent der über 65-Jährigen gehen von unabsehbaren Risiken aus. Bei allen anderen Altersgruppen jedoch stellt diese Gruppe die Mehrheit, vor allem bei den 40- bis 49-Jährigen, hier sind es 60 Prozent.

Wie sehen das die Ärzte?

In der Ärzteschaft scheint es mehr als nur vereinzelte Vorbehalte gegen Corona-Impfungen zu geben. So ergab eine nicht-repräsentative Umfrage des Fachärzteportals und -forums „Ärztenachrichtendienst“ in der vergangenen Woche, dass sich nur jeder zweite befragte niedergelassene Arzt selbst sofort nach Zulassung eines Corona-Vakzins impfen lassen wolle – und dies auch den eigenen Patienten nahelegen wolle. Die Patienten der anderen Hälfte werden eine solche Empfehlung damit wohl erst einmal nicht zu hören bekommen.

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Wie sicher sind Impfstoffe?

Wie bei jedem wirksamen Medikament kann es auch bei Impfstoffen unter Umständen zu Nebenwirkungen kommen. Während man bei Medikamenten aber mitunter selbst schwere Nebenwirkungen in Kauf nimmt, um etwa sonst tödliche Krankheiten behandeln zu können, sind die Zulassungsbehörden (in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut) bei Impfstoffen weit strenger, da sie zumeist an gesunde Menschen verabreicht werden. Gängige und im Zuge der später schützenden Immunreaktion auf den Impfstoff gewissermaßen erwünschte Reaktionen sind Rötungen, Schwellungen und leichte Schmerzen an der Impfstelle. Auch Symptome wie leichtes „Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und Unwohlsein“, die nach wenigen Tagen abklingen, bezeichnet das Robert Koch-Institut als „Impfreaktionen“ – im Unterschied zu „unerwünschten Arzneimittelwirkungen”. Solche sind in der Regel sehr selten und seitens des diagnostizierenden Arztes auch meldepflichtig. Die Daten werden vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gesichtet, das bei einer erkennbar mehr als zufälligen Häufung einer Nebenwirkung Untersuchungen und sogar den Entzug der Zulassung für einen Impfstoff anordnen kann.

Warum sind einige bei der Coronavirus-Impfung skeptisch?

Die Wahrscheinlichkeit, nach einer kaum einjährigen Zulassungsphase bei einem Impfstoff alle Risiken und Nebenwirkungen zu kennen, geht gegen null. Umgekehrt proportional steigt die Angst vieler potenzieller Impflinge. Sie müssen sich auf Statistiken aus Zulassungsstudien verlassen, die auf einer sehr viel geringeren Grundgesamtheit an Daten beruhen als bei Impfstoffe, die seit Jahrzehnten im Einsatz sind. Aufgegriffen wird das Problem auch im dritten Bevölkerungsschutzgesetz, das am Mittwoch verabschiedet wurde. Mit diesem wird unter anderem ein „Monitoring-System“ am Robert Koch-Institut (RKI) eingerichtet. Dies sei nötig, heißt es in der Gesetzesbegründung, „angesichts einer beschleunigten Entwicklung und aktuell noch nicht umfassender Daten zur klinischen Wirksamkeit und zum Nebenwirkungsprofil der Covid-19-Impfstoffe“.

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Was ist über Nebenwirkungen der Covid-19- Impfungen bekannt?

Dass es Meldungen geben wird, sobald Hunderttausende die ersten Covid-19-Impfstoffe bekommen, liegt auf der Hand. Zumal nicht nur Ärzte, sondern jeder Bürger Komplikationen melden kann. Das allein ist aber kein Grund zur Besorgnis, da gesundheitliche Beeinträchtigungen auch zufällig zeitnah zur Impfung auftreten können. Hellhörig wird das PEI erst, wenn eine Häufung gesundheitlicher Beeinträchtigungen auftritt, die auch in einem Zusammenhang mit der Impfung stehen könnte. Solche seltenen Nebenwirkungen sind in den klinischen Zulassungsstudien aufgrund der geringen Zahl an Probanden – 30.000 bis 60.000 – statistisch nicht zu erwarten, sondern erst bei einer sehr viel größeren Zahl Geimpfter. Dafür wird eben nach der Zulassung weiter überwacht. Bislang sind keine gravierenden, gegen eine Zulassung sprechenden Nebenwirkungen aufgetreten. Die am Mittwoch veröffentlichten Daten der abgeschlossenen Tests des Biontech-Impfstoffs an 44.000 Probanden nennen „Müdigkeit“ bei 3,7 Prozent und „Kopfschmerzen“ bei zwei Prozent der Teilnehmer.

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