USA

Biden spricht von Kapitulation

Donald Trumps Stabschef deutet den Kontrollverlust über das Virus an, mehrere Mitarbeiter von Vize-Präsident Pence sind positiv getestet - die politische Situation in der Corona-Krise der USA spitzt sich zu.
27.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Biden spricht von Kapitulation
Von Thomas Spang

Washington. Das Eingeständnis rutschte Mark Meadows fast nebenbei heraus. „Wir werden die Pandemie nicht kontrollieren“, verteidigte der Stabschef im Weißen Haus den Versuch, die neuen Covid-19-Infektionen im engsten Kreis des Vizepräsidenten zu verstecken. Ohne das Wort Herden-Immunität zu gebrauchen, räumte er damit ein, was sich abzeichnete, seit Scott Atlas die beiden Top-Infektiologen Anthony Fauci und Deborah Birx im Weißen Haus zur Seite drängte. Der Radiologe, der seit zehn Jahren nicht mehr praktiziert und kein Experte für Infektionskrankheiten ist, gehört zu der kleinen Minderheit an Medizinern, die dem potenziell tödlichen Virus freien Lauf lassen will.

Diesem Glauben hängt auch Marc Short an, der den Mitarbeiterstab von Vizepräsident Pence führt und das Risiko der Pandemie für „übertrieben“ hält. Am Wochenende wurde Short nun selbst positiv auf den Erreger getestet, wie auch der Mitarbeiter des Vizepräsidenten, Zach Bauer, und zuvor schon Berater Marty Obst. Zwei weitere Personen aus dem Mitarbeiterstab infizierten sich ebenfalls. Pence selber wurde am Sonntag negativ getestet.

Nach US-Medienberichten verhinderte Meadows wegen der möglichen Auswirkungen in der Schlussphase des Wahlkampfs eine Pressemitteilung zu dem erneuten Covid-Ausbruch im Weißen Haus. Der Stabschef sei damit dem Wunsch Trumps gefolgt, der angesichts täglich immer neuer Rekorde an ­Covid-19-Infektionen mit bereits mehr als 225 000 Toten das Augenmerk nicht erneut auf den laxen Umgang mit der Pandemie im Zentrum der Macht selbst lenken möchte.

Trump hatte während der zweiten Präsidentschaftsdebatte in Nashville erklärt, die Amerikaner müssten lernen, „mit der Pandemie zu leben“. Nach seiner eigenen Erkrankung spielte er das Virus herunter und behauptete wiederholt, „wir sind über dem Berg“. Tatsächlich baut sich gerade erneut eine bedrohliche Infektionswelle auf. Zurzeit nehmen in 35 Staaten die Fallzahlen dramatisch zu, mit jeweils mehr als 80 000 Neuerkrankungen pro Tag Ende vergangener Woche.

„Wir stehen vor einem perfekten Sturm“, warnt die Expertin für öffentliche Gesundheit der renommierten Brown University, Megan Ranney: „Im Moment brennen überall im Land kleine Feuer, die mit dem Wind des Thanksgiving-Fests zu einem absoluten humanitären Desaster für dieses Land werden.“ Eine Einschätzung, die angesichts ausgelasteter Intensivbetten in Krankenhäusern im Mittleren Westen und Texas von vielen Epidemiologen geteilt wird.

Nicht so vom US-Präsidenten, der seine Kundgebungen ohne Maske und sozialen Abstand fortsetzt und seine Anhänger nach Ansicht von Faktencheckern offen belügt. „Covid, Covid. Covid, Covid, Covid, Covid“, jammerte Donald Trump bei einer Kundgebung in North Carolina spöttisch über den Fokus der Medien auf die außer Kontrolle geratene Pandemie. „Selbst wenn ein Flugzeug mit 500 Leuten abstürzt, sprechen sie nur darüber.“

In Umfragen bleibt der Umgang mit der Pandemie das alles dominierende Thema im Wahlkampf. Rund sechs von zehn Amerikaner geben dem Präsidenten schlechte Noten, eine große Mehrheit hält dessen Herausforderer Joe Biden für besser qualifiziert, die Pandemie-Krise in den Griff zu bekommen. Biden kritisierte das Eingeständnis Meadows auf CNN als „Schwenken der weißen Flagge der Kapitulation“. Die Politik des Weißen Hauses bestünde darin, darauf zu hoffen, dass das ­Virus durch Ignoranz einfach verschwinde. „Es war nicht so und wird auch nicht passieren.“

Vizepräsident Pence folgt dem Vorbild Trumps und hält trotz des eigenen Kontakts zu seinen an Covid erkrankten Mitarbeitern seinerseits an den geplanten öffentlichen Auftritten im Wahlkampf fest. Auf die Frage, warum Pence nicht in Quarantäne gehe, wie es die Richtlinie der Gesundheitsbehörde CDC vorsieht, erklärte der Nationale Sicherheitsberater, Robert C. O’Brien, der Vizepräsident sei unverzichtbar. „Es gibt nichts Essenzielleres für Amerikaner, als Wahlkampf zu machen und wählen zu gehen.“ Der Minderheitsführer der Demokraten im Senat kommentierte die Absicht Pence, das Risiko in Kauf zu nehmen, andere im Kongress zu infizieren mit den Worten: „Gott helfe uns.“

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