Johnson auf Intensivstation

Führungsloses Königreich

Er gab sich nach seiner Corona-Infektion noch optimistisch, wirkte aber schon angeschlagen. Jetzt hat sich Boris Johnsons Zustand so stark verschlechtert, dass er auf die Intensivstation musste.
06.04.2020, 23:13
Lesedauer: 3 Min
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Führungsloses Königreich
Von Katrin Pribyl

Eigentlich sollten die Briten am Sonntagabend mit den mitfühlenden wie aufmunternden Worten von Königin Elizabeth II. aus einem weiteren Wochenende im Lockdown verabschiedet werden. „Es werden wieder bessere Tage kommen, wir werden mit unseren Freunden vereint sein, wir werden mit unseren Familien vereint sein“, versicherte die Queen in ihrer bewegenden Rede an die Nation, in der sie angesichts der Corona-Krise zum Durchhalten aufrief und mit einer Zeile aus einem berühmten britischen Lied aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs schloss: „Wir werden uns wiedersehen.“

Doch nur wenige Minuten nach der als historisch bezeichneten Ansprache wurde bekannt, dass Premierminister Boris Johnson ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Am Montagabend dann verschlechterte sich sein Gesundheitszustand so, dass er auf eine Intensivstation gebracht wurde, wie eine Regierungssprecherin mitteilte. Johnson habe Außenminister Dominic Raab damit beauftragt, ihn zu vertreten, wo es notwendig sei. „Der Premierminister ist in hervorragenden Händen und dankt allen Mitarbeitern des (Gesundheitsdiensts) NHS für ihre harte Arbeit und ihr Engagement.“ Medienberichten zufolge ist Johnson bei Bewusstsein.

Der Regierungschef wurde bereits vor knapp zwei Wochen positiv auf Covid-19 getestet, er befand sich seitdem in seinem Amtssitz in der Downing Street in Quarantäne. Stets hieß es, dass er lediglich unter milden Symptomen leide, auch wenn in der letzten Videobotschaft, die er aus der Selbstisolation abgab, trotz der vergnügten Anrede „Hi Leute“ deutlich zu erkennen war, dass es Johnson alles andere als gut ging. Laut einer Zeitung habe der Premier bei virtuellen Konferenzen mit seinem Team in den vergangenen Tagen pausenlos „gekeucht und gehustet“. Berichten zufolge hat Johnson eine Sauerstoffbehandlung erhalten. Der Premier meldete sich noch am Montagmittag via Twitter: er sei in „guter Stimmung“.

Johnsons Erkrankung kommt zum denkbar ungünstigsten Moment. „Wer hat das Sagen?“, fragte das Boulevardblatt „Daily Mail“ in Großbuchstaben. Außenminister Dominic Raab leitete am Montagmorgen stellvertretend die tägliche Kabinettssitzung zur Pandemie. Wird er in der nahen Zukunft die Rolle des Chef-Krisenmanagers einnehmen? Johnson verbrachte auch die Nacht auf Dienstag in der Klinik.

Der Zeitpunkt für einen Auftritt der Queen, der „Großmutter der Nation“, wie ein Kommentator sie nannte, hätte angesichts der aktuellen Schreckensmeldungen also kaum besser gewählt sein können. Zwei Wochen nach der Verordnung der strengen Maßnahmen benötigte das Volk dringend etwas Zuspruch. In der langen Regentschaft der 93 Jahre alten Königin gab es einige Reden, die sie zu schwierigen Zeiten hielt.

Man denke nur an ihre Ansprache nach dem Tod von Prinzessin Diana 1997, als die Queen nach dem Geschmack ihrer unglücklichen Untertanen zu lange gezögert hatte und erst auf massiven Druck aus der Bevölkerung schließlich ihr tiefstes Bedauern über den tragischen Unfall ausdrückte. Es war einer der raren Momente, als sich die Monarchin während ihrer 68-jährigen Amtszeit außerplanmäßig an die Briten wandte – zuvor einmal während des Golfkriegs 1991, letztmalig 2002 beim Tod ihrer Mutter.

Ihre Rede am Sonntag war anders, ambitionierter. Die Worte der Queen sollten die nervösen Briten beruhigen und sie inspirieren, die Bedeutung des Moments für die Nation hervorheben, in dem nur durch eine gemeinsame Kraftanstrengung das Leben vieler Menschen gerettet, die Krankheit besiegt werden könne. „Wenn wir vereint und entschlossen bleiben, werden wir sie überwinden“, sagte die Queen, im Grün der Hoffnung gekleidet, in ihrer gut vierminütigen Ansprache aus Schloss Windsor. Dort harrt sie mit ihrem 98-jährigen Ehemann, Prinz Philip, in Selbstisolation aus, was auch immer das im royalen Kontext heißen mag. „Ich hoffe, dass in den kommenden Jahren alle stolz darauf sein können, wie sie mit dieser Herausforderung umgegangen sind.“ Es handele sich um eine Zeit der Unterbrechung des Lebens; eine Unterbrechung, die manche in Trauer gestürzt habe, die für viele finanzielle Schwierigkeiten „und für uns alle enorme Veränderungen in unserem täglichen Leben bedeutet“. Ihre Majestät appellierte an die Selbstdisziplin, die Entschlossenheit und den Zusammenhalt der Menschen – Eigenschaften, mit denen die Briten in der Geschichte Krisen überstanden haben und die, so hoffe sie, „noch immer dieses Land charakterisieren“.

Für Beobachter kam es denn auch kaum überraschend, dass sie an ihre Radioübertragung im Jahr 1940 erinnerte. Damals sprach die 14-jährige Prinzessin zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Margaret den Kindern Mut und Trost zu, die im Zweiten Weltkrieg zum Schutz vor deutschen Luftangriffen von den Städten aufs Land gebracht und von ihren Familien getrennt wurden. Dieser Tage hagelt es zwar keine Bomben auf London. Aber auch jetzt gelte es, die Trennung von den Lieben geduldig zu ertragen. „Heute wie damals wissen wir im tiefsten Innern, dass es das Richtige ist.“

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