Kommentar über Corona in den USA

Das Fehlen an Führung kommt wie ein Bumerang zurück

Die Corona-Pandemie testet den Zusammenhalt der US-Gesellschaft wie keine andere Krise zuvor. Das Virus kann nur geschlagen werden, wenn Amerika die Schwächsten schützt.
07.04.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Das Fehlen an Führung kommt wie ein Bumerang zurück
Von Thomas Spang
Das Fehlen an Führung kommt wie ein Bumerang zurück

US-Präsident Donald Trump veranstaltet bizarre Briefings im Weißen Haus, Führungsstärke zeigt er nicht.

Alex Brandon /dpa

Die im Stich gelassenen Menschen der Corona-Krise sitzen nicht wie bei Hurrikan Katrina auf den Dächern. Sie stehen in der South Bronx, in Elmhurst und anderen armen Stadtteilen New Yorks in der Schlange, um auf das Virus getestet zu werden. Hier leben die Küchenhilfen, Reinigungskräfte, Verkäuferinnen, Parkhauswächter, Uber-Fahrer und Scheinselbstständigen der Gig-Economy (Teil des Arbeitsmarktes, bei dem kleine Aufträge kurzfristig an unabhängige Selbstständige vergeben werden).

Neue Statistiken aus dem Epizentrum der Pandemie in den USA belegen, dass es eine von Menschen gemachte Komponente in der Covid-19-Katastrophe gibt. Demnach tragen vier Mal so viele Bewohner einer Nachbarschaft südlich des LaGuardia Flughafens in Queens den Erreger als im gentrifizierten Viertel von Brooklyn. 19 der 20 wohlhabendsten Nachbarschaften New Yorks haben die niedrigsten Infektionsraten.

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Dieses Drama zeichnet sich nun auch in anderen Großstädten ab. Von Atlanta und Baltimore über Chicago und Detroit bis nach New Orleans und Los Angeles sehen sich die Stundenlöhner, Einwanderer und Minderheiten einem unvergleichlich höheren Risiko ausgesetzt. Sie haben keine großen Wohnungen, in die sie sich zurückziehen können, keine Ersparnisse, von denen sie nun zehren und keine öffentliche Infrastruktur, auf die sie zurückgreifen könnten.

Derweil fehlt es an der Front im Kampf gegen das Virus an allem: Schutzmasken, Beatmungsgeräte, Krankenbetten. Während Ärzte, Schwestern und Pfleger heroisch ihr Leben riskieren – oft auf freiwilliger Basis – hält Präsident Donald Trump bizarre Briefings im Weißen Haus, in denen er sich als „Kriegspräsident“ inszeniert, aber Führung vermissen lässt.

Unbesorgtes Händeschütteln statt frühzeitiger Kontaktsperren

Wie George W. Bush einst in zehntausend Meter Höhe über das von Katrina verwüstete New Orleans flog, schaute Trump in der Corona-Krise wochenlang untätig zu, wie sich der Erreger ausbreitete. Statt frühzeitig Kontaktsperren zu verhängen und testen zu lassen, schüttelte er unbesorgt Hände und verhieß, das Virus werde “wie magisch” verschwinden. Zu Ostern wünscht er sich “volle Kirchenbänke”, während ihm nicht verborgen geblieben sein dürfte, dass zu diesem Zeitpunkt die Leichenhallen New Yorks voll sein werden.

Dass Trump nun eine Kehrtwende vollzieht und die Amerikaner auf sehr schwierige Wochen mit laut Schätzungen 100.000 bis 240.000 Toten einstimmt, hat vor allem damit zu tun, dass er die Opfer der Pandemie nicht aus der Welt reden kann. Wie sich auch nicht verbergen lässt, dass dem reichsten Land der Welt schon jetzt die medizinischen Ressourcen ausgehen.

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Der Präsident muss erfahren, wie das Fehlen an Führung nun selbst wie ein Bumerang zurückkommt. Nirgendwo auf der Welt steigen die Neuinfektionen in dem Maße wie in den USA. Trump realisiert, dass Macht und Geld nicht vor dem Virus schützen. Auch wenn es Arme, Arbeiter und kleine Angestellte viel härter trifft, macht Reichtum nicht immun. Mehr als einmal erwähnte der Präsident, dass einer seiner Freunde im Koma liegt.

Ein Kontrastprogramm in Führung

Trump sucht Trost im Krisenbonus der Umfragen, der mehr ein Zeichen des guten Willens seiner Landsleute als nachhaltige Zustimmung ist. Zumal der “Trump-Ruck” mit 55 Prozent viel geringer ausfällt als der für Bush junior, der nach dem 11. September 2001 auf 90 Prozent Unterstützung kam. Ein Kontrastprogramm in Führung liefert hingegen der Gouverneur von New York. Andrew Cuomo spricht unangenehme Wahrheiten aus, zeigt Anteilnahme und packt mit an.

Die USA gewinnen den Kampf gegen das Virus nur, wenn es sich vom Credo Trumps abwendet. “Amerika zuerst”-Nationalismus macht die Nation nicht sicherer, sondern behindert die Suche nach erfolgreichen Strategien. Das Paradox der Pandemie lehrt, dass physische Abgrenzung voneinander lokal nötig ist, um die Verbreitung global zu stoppen. Alternativ müssen die Menschen enger zusammenrücken, einen Impf- oder Wirkstoff finden, die Wirtschaft wiederbeleben und eine Rückkehr des Virus verhindern. Jenseits einer Impfung verspricht Solidarität den besten Schutz in der Krise.

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