Kommentar über Krisenmanagement in Großbritannien

Die britische Regierung gefährdet die Gesundheit der gesamten Bevölkerung

Die britische Regierung brauchte länger, um sich der Corona-Krise zu stellen. Die Kritik an Boris Johnson,dem Chef-Krisenmanager, wächst in der Bevölkerung von Tag zu Tag, stellt Katrin Pribyl fest.
06.04.2020, 08:17
Lesedauer: 3 Min
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Die britische Regierung gefährdet die Gesundheit der gesamten Bevölkerung
Von Katrin Pribyl
Die britische Regierung gefährdet die Gesundheit der gesamten Bevölkerung

Der britische Premierminister Boris Johnson führt die Regierungsgeschäfte aus einer Quarantäne heraus.

ANDREW PARSONS

Steuert das Vereinigte Königreich in eine Katastrophe? Bis Sonntagmittag sind 4934 mit dem Coronavirus infizierte Menschen in britischen Krankenhäusern gestorben – und die Zahl steigt weiter. Es herrschen Verunsicherung und Wut, Nervosität und Angst in der Bevölkerung, weil noch immer viel zu wenig getestet wird. Der nationale Gesundheitsdienst NHS ächzt bereits unter dem Patientenansturm. Daran tragen die konservativen Regierungen Schuld, derzeit mit Premierminister Boris Johnson an der Spitze. Mehr als zehn Jahre lang wurde im aus Steuermitteln gespeisten Gesundheitssystem an jeder erdenklichen Stelle gekürzt, bis es nichts mehr zu kürzen gab. Nun mangelt es an Personal und Schutzausrüstung, an Betten und Beatmungsgeräten.

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Wie der Rest der Bevölkerung applaudiert auch Johnson den Ärzten, Schwestern und Pflegern. Das zeugt von Heuchelei. Warum werden die Mitarbeiter in den Krankenhäusern plötzlich von der Politik als Helden gefeiert? Es wirkt wie ein zynischer Versuch, das eigene Versagen zu kaschieren sowie über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass das Gesundheitssystem kaputtgespart worden ist. Neben der Sozialfürsorge, zu der etwa die Altenpflege, die Behindertenbetreuung oder die Obdachlosenhilfe gehören, sind die Leidtragenden jene Menschen, die noch immer zu oft Schutzbrillen aus dem Chemieunterricht ihrer Kinder in der Notaufnahme tragen und kranke Patienten mit Mundschutzmasken behandeln müssen, die nicht den Standards der Weltgesundheitsorganisation entsprechen.

Gefährdung der gesamten Bevölkerung

Mediziner fühlen sich wie „Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank“, offenbarten kürzlich Tausende in einem Brief. Es ist ein Skandal, denn die Regierung riskiert mit ihrem fahrlässigen und verantwortungslosen Vorgehen nicht nur die Gesundheit des medizinischen Personals, sondern der gesamten Bevölkerung. NHS-Mitarbeiter klagen voller Verzweiflung, dass sie kaum getestet werden, selbst wenn sie Symptome zeigen oder ein Familienmitglied krank ist. Vielmehr werden sie nach Hause in die Selbstisolation geschickt, was wiederum Lücken in der Versorgung entstehen lässt. Kliniken melden einen Krankenstand von bis zu 50 Prozent der Belegschaft.

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Es ist mehr als zwei Wochen her, da kündigte Johnson an, täglich 25.000 Tests auf das Virus und Antikörper durchzuführen. Nun will man bis Ende April 100.000 Tests pro Tag schaffen. Doch noch wird gerade einmal die 10.000er-Marke erreicht. Zum Vergleich: In Deutschland finden laut Angaben des Charité-Virologen Christian Drosten pro Woche rund 500.000 Tests statt. In Großbritannien gibt es stattdessen jeden Tag dieselben sowie neue Versprechen, ohne dass diesen Taten folgen.

Die Geduld der Bevölkerung scheint aufgebraucht. Unaufhörlich wird in Medien Deutschland als Vorbild angeführt. Warum sterben in der Bundesrepublik viel weniger Menschen an den Folgen der Infektion als auf der Insel? Warum schaffen es die Deutschen, sieben Mal mehr zu testen? Die Minister schieben die mangelnden Kapazitäten auf den krisenbedingt verlangsamten Import von notwendigen Chemikalien – eine Behauptung, die die heimische Chemieindustrie zurückgewiesen hat. Das Problem liegt keineswegs nur an fehlenden Ressourcen und dem Mangel an Material, es ist auch politischer Natur. Downing Street hat zu Beginn die Risiken des Virus unterschätzt und zu langsam reagiert.

Was ist Johnsons Plan?

Die britische Regierung hinkte von Anfang an hinterher. Johnson, der positiv auf Covid-19 getestet wurde, befindet sich mit milden Symptomen in Quarantäne. Er führt aber die Regierungsgeschäfte und ist damit Chef-Krisenmanager. Wie sieht sein Plan aus? Ohne eine schlüssige Strategie würde Johnson am Ende nicht wie sein Vorbild, Winston Churchill, dastehen, schrieb eine Zeitung, sondern wie dessen Vorgänger Neville Chamberlain. Es wäre eine Katastrophe für das Königreich. Der Ex-Premier Chamberlain hatte wegen seiner Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler, seiner politischen Naivität und strategischen Blindheit, wie die Briten es nennen, das Land an den Rand des Abgrunds geführt.

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