Krise in Großbritannien verschlimmert sich

Gesundheitssystem vor dem Kollaps

London ist das Epizentrum der Pandemie - jeder 30. Bewohner in der britischen Hauptstadt ist infiziert. Die Krankenhäuser arbeiten am Limit. Das Personal steht kurz vor dem Burn-out.
10.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Gesundheitssystem vor dem Kollaps
Von Katrin Pribyl

London. Auf dem Trafalgar Square steht noch der große Weihnachtsbaum wie ein Relikt aus hoffnungsvollen Zeiten, als leise Zuversicht herrschte angesichts des neuen Jahres. Der Baum lässt jeden Tag mehr die Äste hängen – und steht wie ein Sinnbild für London, das vor sich hinzusterben scheint. Die Straßen verlassen, die Pubs verriegelt, die Geschäfte geschlossen, die U-Bahn leer, Millionen von Menschen zu Hause. Wieder einmal hat sich eine dumpfe Stille über die Metropole gelegt, eine Dunkelheit, die besonders trostlos wirkt im nassen Wintergrau dieses Januars.

London ist das Epizentrum der Krise im Königreich. Bürgermeister Sadiq Khan hat am Freitag wegen der „schwerwiegenden Situation“ in den Krankenhäusern den Ausnahmezustand ausgerufen. Derzeit trägt hier jeder 30. Bewohner das Coronavirus. Die Zahl der eingelieferten Patienten mit Covid-19 hat sich in nur zwei Wochen verdoppelt. Landesweit ist laut offiziellen Daten jede 50. Person infiziert.

Immenser Druck auf Johnson

Die Pandemie ist auf der Insel völlig außer Kontrolle, seit sich eine deutlich ansteckendere Mutante des Virus mit dem Namen B.1.1.7. „in frustrierender und alarmierender Weise“ ausbreitet, wie Premierminister Boris Johnson warnte – und angesichts des immensen Drucks reagieren musste. Seit Dienstag dieser Woche gilt erneut ein harter Lockdown in ganz England, der, so die Befürchtung, bis Ostern andauern könnte. Die Menschen dürfen das Haus lediglich für notwendige Aktivitäten wie Arztbesuche oder die Arbeit verlassen. Schulen sind außer für Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen geschlossen, Freizeitsport ist nicht erlaubt. Kontakte zu anderen Haushalten ebenfalls nicht. Ähnliche Regeln wurden auch in Schottland, Wales und Nordirland verordnet.

Der Blick in die Krankenhäuser des Landes löst schieren Horror aus. Die Betten längst voll. Das Personal kurz vor dem Burn-out. Viele medizinische Angestellte in der Quarantäne oder selbst krank. Weniger dringende Eingriffe wie Knie- oder Hüft-Operationen seit Monaten schon abgesagt. Der nationale Gesundheitsdienst NHS steht mehr unter Druck denn je zuvor in der Pandemie. „Die Ärzte sind verzweifelt, manche vergleichen ihr Arbeitsumfeld mit einem Kriegsgebiet“, so Chaand Nagpaul, Vorsitzender des britischen Ärztebunds BMA (British Medical Association). „Ich bin sehr besorgt, dass viele Schwestern und Pfleger daran zerbrechen“, sagt beispielsweise Alison, eine der leitenden Schwestern im Londoner University College Hospital.

Ihre Stimme zittert, sie klingt niedergeschlagen. Wenn sie morgens zur Arbeit kommt, muss sie immer öfter weinende Kollegen trösten, die am Anschlag sind. Die plötzlich die Entscheidung treffen müssen, welche Patienten sie zuerst behandeln. „Die physische wie mentale Belastung ist massiv“, sagt Alison. Operationssäle sind mittlerweile vielerorts umfunktioniert in Intensivstationen. In Kinderabteilungen liegen nun schwer kranke Erwachsende. Der nationale Gesundheitsdienst NHS, so die Warnung, schlingert seinem Zusammenbruch entgegen. Die Realität offenbart: Er ist in manchen Teilen längst kollabiert. „Man weiß einfach nicht, wem man als Erstes helfen soll“, sagt eine der Intensivpflegerinnen in der Londoner Klinik. „Die Patienten verlieren in dramatischer Geschwindigkeit ihr Leben.“ Ihre Gefühle? „Verängstigt, traurig, erschrocken, besorgt.“

Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen erreichte am Freitag einen Rekordwert. 68.053 Fälle wurden binnen 24 Stunden im Vereinigten Königreich gemeldet. Zudem registrierten die Behörden 1325 neue Todesfälle – der höchste Wert seit Beginn der Pandemie. Insgesamt sind im Königreich mehr als 80.000 Menschen gestorben, die in den letzten 28 Tagen vor ihrem Tod positiv getestet wurden.

Weiterer Impfstoff zugelassen

Das Problem sei, so sagt Christina Pagel, die Chefin der Abteilung für klinische Forschung des University College London, dass „wir noch immer ein paar Wochen vom Schlimmsten entfernt sind“ – und das für den Fall, dass der Lockdown funktioniert. Was aber wenn nicht, wie viele Experten befürchten? „Wenn wir dieses Rennen für unsere Bevölkerung gewinnen wollen, müssen wir unserer Impfarmee einen Vorsprung ermöglichen“, sagte Regierungschef Boris Johnson. Ob in Krankenhäusern oder Hausarztpraxen, in Impfzentren oder Pflegeheimen – jegliche Möglichkeiten sollen jetzt für das Impfprogramm ausgeschöpft werden.

Am Freitag ließ Großbritannien mit dem Stoff von Moderna den dritten Impfstoff gegen das Coronavirus zu – nach jenem von Biontech/Pfizer sowie dem Mittel der Universität Oxford und des Pharmakonzerns Astra-Zeneca. Seit Anfang Dezember wird flächendeckend geimpft, mehr als 1,3 Millionen Menschen haben bereits den Piks erhalten, darunter fast ein Viertel aller Menschen über 80 Jahre.

Bis Mitte Februar will die Regierung mehr als 13 Millionen Menschen, die den höchsten Risikostufen angehören, zumindest eine erste Impfstoff-Dosis verabreicht haben. „Jede Nadel in jedem Arm macht einen Unterschied“, so Johnson. Die Frage bleibt, ob das System bis dahin durchhält.

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