Meinungsumfragen

Wie es um die Seelenlage der Nation steht

Die Angst nimmt ab und ein Gewöhnungseffekt tritt ein: Was Meinungsforscher über die Gefühlslage der Menschen In Deutschland nach dem Lockdown herausgefunden haben.
18.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Maria Fiedler und Hans Monath
Wie es um die Seelenlage der Nation steht

Menschen laufen in Köln über die Hohe Straße, eine der Haupteinkaufsstraßen der Stadt.

Marius Becker /dpa

Das Gefühl kennt jeder. Es ist Sonntagabend und beim Gedanken an die neue Woche macht sich eine Mischung aus Nervosität und gespannter Erwartung breit. Vielleicht schläft man nicht ganz so gut, vor dem Einschlafen wird gegrübelt. Deutschland war aber nicht im Wochenende, sondern im Lockdown. Besonders angenehm war das für die meisten nicht. Dennoch beginnt für die Republik gerade die nächste Phase der Coronakrise. Langsam wird gelockert und geöffnet, es geht wieder los. Deutschland startet in eine neue Normalität – mit allen Risiken, die diese mit sich bringt. Und da darf man die Frage stellen: Wie geht es uns eigentlich? Wer Demoskopen dazu befragt, bekommt einen Eindruck von der Gemütslage der Republik.

Angst

Die ersten Wochen der Krise herrschte große Angst in der Bevölkerung. Hier beobachtet Annelies Blom die deutlichste Veränderung. „Wir sehen, dass allgemeine Gefühle der Angst seit Beginn der Corona-Maßnahmen sehr stark abgenommen haben – im Prinzip über alle Gesellschaftsgruppen hinweg“, sagt die Professorin von der Uni Mannheim. Sie leitet eine repräsentative Studie, bei der ihr Team seit dem 20. März pro Tag etwa 500 Personen befragt. Blom kann deshalb sehr präzise Auskunft darüber geben, wann sich Veränderungen in der Gefühlslage, aber auch im Verhalten der Befragten ergeben haben. Sie sagt: „Erklären lässt sich die Abnahme der Angst möglicherweise damit, dass eine Art Gewöhnungseffekt einsetzt. Aber auch damit, dass wir anfangs ja viel weniger wussten, was uns da eigentlich erwartet.“

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Unterschiede gebe es trotzdem, sagt Blom. So hätten Frauen deutlich mehr Angst als Männer. Und die Jüngeren zwischen 14 und 35 Jahren hätten deutlich weniger Angst als die Älteren. Zudem muss man auch bei der Angst selbst differenzieren. Während das Gefühl, die Corona- Pandemie sei eine Bedrohung für einen selbst, bei den Menschen im Laufe der Zeit abgenommen hat, fürchten laut Blom gleichbleibend viele, dass sie bei einer Ansteckung schwer krank werden und ins Krankenhaus müssen.

Bei der Angst vor Ansteckung sind die Deutschen realistischer geworden. „Zu Beginn der Pandemie wurde die Ansteckungsgefahr deutlich überschätzt“, sagt Blom. Am Anfang glaubten die Befragten, dass sich von 100 Menschen, die ihnen selbst ähnlich sind, binnen einer Woche 17 infizieren werden. Dieser angenommene Wert ist jetzt auf vier gesunken.

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Sorge

Auch wenn die Angst abgenommen hat, die Sorgen sind natürlich nicht verschwunden – im Gegenteil. Die Krise hat viele Menschen in Deutschland pessimistisch werden lassen. Die Stimmungslage in der Bevölkerung sei „eingebrochen wie nie zuvor, in kürzester Frist“, sagte die Leiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher. In einer Umfrage Ende März habe nur knapp jeder Vierte die Frage bejaht, ob er den kommenden zwölf Monaten mit Hoffnung entgegensehe. Zum Jahresbeginn war jeder Zweite zuversichtlich. „Innerhalb von zwei, drei Wochen Anfang März brach der Optimismus der Bevölkerung völlig zusammen“, berichtete Köcher.

Vor allem die Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung ist hoch bei den Deutschen. Beim Umfrageinstitut Infratest Dimap spricht man von einem „Rekordabsturz“. Nur noch ein Drittel der Deutschen bewertet die wirtschaftliche Lage im Land positiv. Es ist der niedrigste Wert im ARD- Deutschland-Trend seit der Finanzkrise.

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Genau hin schaut das „Covid-19 Snapshot Monitoring“, ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Erfurt, des Robert-Koch-Instituts und weiterer Einrichtungen. Weit vorne steht demnach bei den wirtschaftlichen Sorgen die Befürchtung, dass kleinere Unternehmen in Konkurs gehen und Deutschland in eine Rezession schlittert. Erst mit einigem Abstand folgen dann die Befürchtungen, die Befragten selbst könnten ihren Arbeitsplatz verlieren oder in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Viele bedrückt auch die Vorstellung, die Gesellschaft könnte egoistischer und die Kluft zwischen Arm und Reich größer werden. Und konstant geblieben ist zudem die Befürchtung, einen geliebten Menschen zu verlieren.

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Skepsis

Verschiedene Befragungen zeigen, dass Eingriffe wie die Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen, das Verbot von Versammlungen oder andere Einschränkungen von Freiheitsrechten auf erkennbar weniger Zustimmung stoßen als vor einigen Wochen. Noch überwiegt die Zustimmung. Das passt zur Zufriedenheit der Deutschen mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung: Diese ist nach wie vor hoch, fiel aber laut Infratest Dimap zwischen April und Mai um fünf Prozentpunkte auf 67 Prozent.

Hermann Binkert, der Chef des Meinungsforschungsinstituts Insa, hält das für normal. Wahrend die Bevölkerung am Anfang froh war, dass die Bundesregierung die Krise entschieden anging, werde jetzt genauer hingeschaut. Bemerkenswert findet Binkert, dass mittlerweile 20 Prozent der Menschen sagen, dass sie nicht glauben, dass es zu einer zweiten Infektionswelle kommt.

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Auch die Mannheimer Forscherin Blom beobachtet, dass sich das Verhalten der Menschen verändert hat. „Seit Ostern nimmt die Zahl der persönlichen Kontakte kontinuierlich zu. Wir sind jetzt auf einem Level, das höher liegt als zu Beginn der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen im März.“ Beachtenswert findet Blom die Antworten auf die Frage, ob im Kampf gegen das Virus der gesellschaftliche Nutzen größer sei als der wirtschaftliche Schaden. „Zeitgleich mit den Lockerungen stieg der Anteil der Menschen, die den wirtschaftlichen Schaden der Maßnahmen für größer halten als den gesellschaftlichen Nutzen. Dennoch überwiegt für mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Nutzen.“

Vorsicht

Auch wenn jetzt gelockert wird, wollen die meisten Deutschen nicht so weiter machen wie zuvor. Weil die Unsicherheit groß ist, wie sich Covid19 auf die Haushaltskasse auswirkt, wollen 28 Prozent der Deutsche auch dann weniger Geld ausgeben, wenn die Pandemie in Deutschland unter Kontrolle ist. Das ergab eine Umfrage der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Der gleiche Anteil geht davon aus, dass sich ihr Kaufverhalten nach frühestens einem Jahr normalisiert. Ein Drittel der Befragten kann sich vorstellen, nach ein paar Monaten wieder das Kaufverhalten von vor der Krise zu haben.

Wie ist also das Gefühl der Deutschen auf der Schwelle zur neuen Phase? Insa-Chef Binkert sagt, wenn es etwas wie ein Sonntagabendgefühl gebe, dann falle das bei jedem anders aus. Da sei die Fraktion derer, die sich der Gefahr nach wie vor sehr bewusst seien. Und auf der anderen Seite die der Risikofreudigen, denen die beschlossenen Lockerungen nicht weit genug gehen. Letztere seien aber eindeutig in der Minderheit, sagt Binkert.

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