Corona

Kurzes Wunder auf Sardinien

Das Beispiel Sardiniens zeigt, was passiert, wenn die Bevölkerung Lockerungen als Freipass missversteht. Vor wenigen Wochen noch war die Insel fast coronafrei.
12.04.2021, 19:17
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Von Julius Müller-Meiningen
Kurzes Wunder auf Sardinien

Geöffnete Bars und Restaurants verleiteten zur Unachtsamkeit nach Monaten des Verzichts. Zudem feierten Inselbewohner auch größere Feste, etwa Hochzeiten und Taufen mit zu vielen Gästen und ohne entsprechende Sicherheitsmaßnahmen. Die Werbekampagne der Regionalregierung, die Sommerurlauber animieren sollte, tat das übrige.

CHRISTIAN RÖWEKAMP/DPA

Die Strände Sardiniens sind legendär, nicht nur in Italien. 2,3 Millionen Touristen, davon 800.000 Ausländer, besuchen die Ferieninsel und ihre Strände jährlich. Der Tourismus ist das wirtschaftliche Zugpferd der Insel. Und man hatte sich auf Sardinien schon auf die Hochsaison vorbereitet. Dank geringer Corona-Zahlen, einer guten Planung und einer intensiven Werbekampagne sollte der Sommer 2021 trotz Corona endlich die Rückkehr zur Ferien-Normalität bringen. Von März an hatte die italienische Regierung Sardinien zur einzigen „weiße Zone“ von 20 italienischen Regionen erklärt. Das ist seit diesem Montag vorbei. Die Fall-Zahlen sind so angestiegen, dass die Insel zur „roten Zone“ erklärt wurde, zum Corona-Hochrisikogebiet, als einzige Region des ganzen Landes. Nichts geht mehr auf Sardinien, vorerst, basta.

Der erneute Lockdown gilt nun vorübergehend bis zum 26. April, dann soll neu entschieden werden. Das bedeutet, wenn die Fallzahlen und Inzidenzwerte wieder sinken, ist die Saison vielleicht doch noch zu retten. Ostern fiel wegen des landesweiten Lockdowns flach, vielleicht kann der Fremdenverkehr um Pfingsten herum am 23. Mai wieder alte Standards erreichen. Alles hängt davon ab, was Sardinien aus der jetzigen Erfahrung machen wird, sich innerhalb eines Monats von einer beinahe Covid-freien Zone in einen Hotspot verwandelt zu haben.

Landesweite Ausgangssperre ab 22 Uhr

Die 1,6 Millionen Inselbewohner dürfen ihr Zuhause seit Montag wieder nur mit triftigem Grund verlassen, etwa für die Arbeit, einen Arztbesuch oder den Einkauf. Geschäfte, Restaurants und Bars haben zugemacht. Es gilt die landesweite Ausgangssperre zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens.

Gesundheitsminister Roberto Speranza begründete den Lockdown auf Sardinien mit dem massiven Anstieg der Fallzahlen auf der Insel, der R-Wert lag am Freitag bei 1,54. 100 Corona-Infizierte stecken demnach durchschnittlich 154 Menschen an, ab einem Wert von 1,25 folgt in Italien die Einstufung zur „roten Zone“. Seit März waren 40.000 Touristen nach Sardinien gekommen. Die mussten bei Einreise einen negativen PCR-Test vorlegen und sind offenbar nicht verantwortlich für den Anstieg der Fallzahlen.

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Regionalgouverneur Christian Solinas (Lega) sagte: „Wir bezahlen jetzt für ein Verhalten unserer Bevölkerung, das nicht wirklich als verantwortungsvoll bezeichnet werden kann.“ „Das Experiment der Insel in Weiß ist kläglich gescheitert“, schrieb die Zeitung Il Giorno.

Es gab größere Feste – ohne Sicherheitsmaßnahmen

Die Einstufung vom März zum Niedrigrisiko-Gebiet ließ die Sarden offenbar zu nachlässig werden. Geöffnete Bars und Restaurants verleiteten zur Unachtsamkeit nach Monaten des Verzichts. Zudem feierten Inselbewohner auch größere Feste, etwa Hochzeiten und Taufen mit zu vielen Gästen und ohne entsprechende Sicherheitsmaßnahmen. Die Werbekampagne der Regionalregierung, die Sommerurlauber animieren sollte, tat das übrige.

Auf Sardinien musste man zeitweise den Eindruck bekommen, die Pandemie existiere nicht mehr. Leider eine Fehleinschätzung. Allein am Freitag wurden 380 neue Ansteckungen und vier Todesfälle gemeldet, die Lage auf den Intensivstationen des als prekär bekannten sardischen Gesundheitssystems sei „besorgniserregend“, heißt es.

Impfpass soll Tourismus-Saison retten

Auch die Impfkampagne kommt auf Sardinien nur langsam voran. Bislang seien 290.000 Impfdosen verabreicht worden, gab der Sonderkommissar zur Covid-Bekämpfung General Francesco Paolo Figliolo bekannt. Nur in Kalabrien werden noch weniger Dosen verimpft. Das liegt nur teilweise am Mangel an Impfstoff, sondern auch an organisatorischen Schwierigkeiten, die ganz Italien betreffen. Sardische Lokalpolitiker drängen auf die Einführung des europäischen Impfpasses, damit die Tourismus-Saison doch noch gerettet werden kann.

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