Corona-Krise

Wie schwierig es ist, dringend benötigte Schutzausrüstung zu beschaffen

Georg Schacht kann Leben retten. Seine Mitstreiter und er lassen Atemschutzmasken in China produzieren. Doch die Geschäfte dort sind riskant.
02.04.2020, 19:47
Lesedauer: 6 Min
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Von Sebastian Leber
Wie schwierig es ist, dringend benötigte Schutzausrüstung zu beschaffen

Schutzausrüstung aus China landet in Europa: Der Bedarf ist immens und kaum zu decken.

Helmut Fohringer/APA/dpa

Die erste Maschine ist Mittwochabend gelandet. Flugnummer 7L621, von Hongkong über Baku nach Frankfurt am Main, 300.000 Masken sind durch den Zoll. „Ein kleiner Erfolg, immerhin“, sagt Georg Schacht am Telefon. Er sagt auch: „Diese Menge an Komplikationen, das Ausmaß an Chaos hätte ich mir nicht vorstellen können.“

Was vor Wochen als fixe Idee startete, ist für Georg Schacht, 31, längst Mission geworden. Eine, die Menschenleben retten soll. Und für die er persönlich ein hohes Risiko eingeht. Gemeinsam mit Freunden versucht Schacht, im großen Stil Schutzmasken aus China zu importieren. Die 300.000 sollen erst der Anfang sein. Solche vom Typ FFP2, die in deutschen Kliniken, Seniorenheimen, Arztpraxen gebraucht werden, weil sich der Vorrat an Schutzkleidung im Kampf gegen das Coronavirus dem Ende zuneigt.

Der Bedarf ist immens – und er steigt jeden Tag, weltweit. Allein die USA werden laut Berechnung des dortigen Gesundheitsministeriums, sollte die Pandemie ein Jahr andauern, 3,5 Milliarden Masken benötigen. Für Deutschland gibt es keine vergleichbare Schätzung. Innenminister Horst Seehofer hat an heimische Unternehmen appelliert, ihre Produktion auf Hilfsmittel umzustellen.

„Du kannst dich auf nichts verlassen“

Was Georg Schacht erlebt hat, ist eine rasche Abfolge widersprüchlicher Emotionen. Hoffen und Bangen, Zweifeln und Zuversicht, Unsicherheit und Enttäuschung und immer wieder der Impuls: jetzt erst recht. Er schlafe nur noch zwei Stunden pro Nacht, sagt Schacht. Seine Geschichte gewährt einen tiefen Einblick in das weltweite Ringen um Schutzausrüstung, Marktmechanismen in Krisenzeiten sowie ein Land, in dem abenteuerliche Geschäftspraktiken und Profitgier herrschen. Georg Schacht, der eigentlich Start-up-Unternehmer ist, sagt: „Du kannst dich auf praktisch gar nichts verlassen.“

Fabriken, die Masken produzieren, gibt es in China Hunderte, vor allem in der Nähe der Metropolen Hongkong und Schanghai. Manche stellen sie seit jeher her, andere erst seit Kurzem, weil sich Masken nun deutlich besser verkaufen als Schuhe oder Plastikverpackungen für Sushi. Die Schwierigkeit war, einen seriösen Hersteller ausfindig zu machen, der zu annehmbaren Preisen arbeitet – und der auch Masken produziert, die tatsächlich vor Viren schützen.

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Sie beauftragten einen Partner vor Ort. Ein zweites Problem war, dass die chinesische Regierung im Februar ein Exportverbot für FFP2-Masken verhängt hatte, um zunächst die Nachfrage des eigenen Landes zu decken. In Hamburg gründete Schacht mit zwei Mitstreitern eine Firma: die TLG Health GmbH. Die Buchstaben stehen für Tim, Lennart und Georg. Also Georg Schacht, ein befreundeter Unternehmer sowie Lennart Heldmann, 28. Seiner Familie gehört eine Textilfirma, die viel in Asien produzieren lässt, er selbst ist oft in China unterwegs. Er kennt die dortigen Gepflogenheiten unter Geschäftspartnern.

Einen Tag, nachdem die chinesische Regierung Anfang vergangener Woche das Exportverbot für FFP2-Masken aufhob, bestellten sie die ersten 300 000 Stück. Ihr Partner vor Ort hatte eine geeignete Fabrik in Shenzhen, der Millionenmetropole an der Südküste Chinas, direkt angrenzend an die Sonderverwaltungszone Hongkong, ausfindig gemacht. Nachdem Gutachter die Ware geprüft hatten, ließen sie die Masken im Lkw nach Hongkong bringen.

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Das Risiko, das sie eingehen, ist enorm: Denn wer überhaupt eine Chance auf einen Deal haben will, muss in Vorkasse gehen. „Erst wenn 50 Prozent des Geldes überwiesen sind, beginnt die Fabrik mit der Produktion.“ Bei Abnahme wird die andere Hälfte fällig. Geht auf dem Weg nach Deutschland etwas schief, etwa weil die Ausfuhr verweigert wird, bleiben die Hamburger auf allen Kosten sitzen.

Vor ein paar Tagen dann klingelte Schachts Handy. Unbekannte Nummer. Wer will mich jetzt wieder nerven?, dachte Schacht und ging ran. Es war Jens Spahn. Der Gesundheitsminister hatte von den Plänen der Hamburger erfahren und wollte sie ermuntern: „Die Bundesregierung steht hinter Ihnen.“ Von diesem Moment an, sagt Heldmann, hätten sie definitiv gewusst, dass „dies jetzt wohl unsere Aufgabe ist“.

Georg Schacht sagt, er sei in den vergangenen Tagen mehrfach hereingelegt worden – und noch viel öfter habe es jemand versucht. Da war der Fabrikbesitzer, der am Telefon beteuerte, er habe bereits eine Million Masken auf Lager. Sollte Schacht umgehend überweisen, reserviere er sie gern. „Wir waren kurz davor, uns darauf einzulassen“, sagt Schacht. Dann habe er doch lieber seinen Experten vor Ort hingeschickt, um sich die Firma anzuschauen. Der Mann fand eine komplett leere Halle vor. Der Unternehmer, der sie dreist angelogen hatte, meinte nun, Georg Schacht müsse ihn irgendwie falsch verstanden haben.

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Sich deswegen an die chinesische Justiz zu wenden, sei aussichtslos, glauben die Hamburger. Einerseits sei es ein Krieg, in den sie da geraten seien. Andererseits eine wunderbare, spannende Zeit. Die Tage im Homeoffice verbringen sie mit Videokonferenzen und Telefonaten. Weil Hongkong sechs Stunden voraus ist, beginnen manche um 1.30 Uhr. Sie sprechen mit ihren Partnern, Anwälten, Banken, Herstellern und potenziellen Kunden. Unterstützung bekommen sie vom Logistikkonzern Kühne + Nagel.

Es gebe da noch ein weiteres Risiko, sagt Georg Schacht. Eines, das er besonders fürchte. „Sollte alles gutgehen, sollte unser Plan am Ende tatsächlich aufgehen, kann es passieren, dass wir in der Öffentlichkeit dumm dastehen.“ Dass sie dann als die Jungs gelten, die in dieser Krise Geld verdient haben – nicht helfen, sondern nur Profit machen wollten. Er hoffe, dass dann nicht vergessen werde, welche Risiken sie eingegangen seien.

Manche haben Koffer voll Geld bei sich

In Kürze wird ein zweiter Flieger starten, diesmal von Schanghai. Mehrere Hunderttausend Masken haben sie dort bereits im Zwischenlager deponiert, weitere sind inzwischen auf dem Weg aus Guangzhou dorthin. Die Fahrt dauert 16 Stunden, sie hoffen, dass die Lkw nicht geklaut werden. „Undenkbar ist für uns gar nichts mehr“, sagt Schacht. Insgesamt haben sie, Stand Donnerstagabend, eine Million Masken in ihrem Besitz, bereit zum Export.

Die Szenen, die sich vor und in den Fabriken jetzt abspielen, seien abenteuerlich. Die Areale werden von Bewaffneten bewacht, Lieferanten dürfen ohne Sicherheitscheck nicht mehr auf den Hof. Vor den Eingängen stehen potenzielle Kunden Schlange, Unternehmer aus den USA, Italien, Kanada, Großbritannien. Manche hätten Koffer voller Geld bei sich. „Ich weiß, es klingt absurd“, sagt Schacht. „Aber Geldkoffer sind dort jetzt Normalität.“ Kunden versuchten, sich gegenseitig zu überbieten. Auch Bestechungsgelder fließen. Besonders die Amerikaner gingen dabei rabiat vor. „Das Klima ist aggressiver als alles, was ich in meinem Berufsleben je erlebt habe.“

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Vor Beginn der Krise produzierten die Hersteller vor Ort die FFP2-Masken für 40 Cent pro Stück, ohne Lieferkosten. Als die Hamburger vor zwei Wochen einstiegen und ihren ersten Deal machten, zahlten sie bereits deutlich mehr, aus heutiger Sicht war es dennoch ein Schnäppchen. Die Masken, die Mittwochabend auf dem Flughafen in Frankfurt ankamen, sind jetzt auf dem Weg nach Hamburg.

Der größte Teil geht an eine Klinik, ein kleinerer an ein Seniorenheim, auch Ärzte werden beliefert. Von den Masken, die mit der nächsten Maschine folgen sollen, gehen 400 000 an einen Dax-Konzern, der benötigt sie für seine Mitarbeiter im Außendienst. Inzwischen stehen die drei Hamburger mit einem großen chinesischen Unternehmen in Kontakt. Das könnte Masken in riesigen Mengen herstellen. Gutachter aus Deutschland bewerten gerade Stichproben. „Wenn das klappt“, sagt Schacht, „können wir in ganz anderen Größenordnungen denken.“

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Rüstungskonzern liefert Masken

Der Konzern Rheinmetall liefert der Bundesregierung Atemschutzmasken. Dem global aufgestellten Unternehmen ist es vor allem in China gelungen, Lieferquellen für diese dringend benötigten Schutzausrüstungen zu erschließen. Bereits in wenigen Tagen soll eine Million Atemschutzmasken (Schutzkategorie FFP2) aus der Fertigung eines dortigen Unternehmens an die zuständige Bundeswehr-Beschaffungsbehörde in Koblenz ausgeliefert werden. Der Vertrag zwischen Rheinmetall und dem Koblenzer Amt enthält außerdem eine Option über die Lieferung von weiteren fünf Millionen Atemschutzmasken. Das Bundesgesundheitsministerium hatte das Verteidigungsministerium Anfang März 2020 um Amtshilfe bei der Bewältigung der Corona-Pandemie gebeten.

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