Kommentar über Lockerungen in der Krise Familien brauchen Unterstützung

Nicht nur die Wirtschaft, auch Familien brauchen dringend Unterstützung in der Krise. Sie sind nicht weniger das Rückgrat der Gesellschaft als die Unternehmen, meint Silke Looden.
29.04.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Familien brauchen Unterstützung
Von Silke Looden

Im Krisenkabinett der Bundesregierung sind vor allem Gesundheitsminister Jens Spahn, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Arbeitsminister Hubertus Heil zu hören. Aber wann dringt Familienministerin Franziska Giffey endlich durch? Schließlich sind Familien nicht weniger das Rückgrat unserer Gesellschaft als die Wirtschaft. Seit sechs Wochen sind die Kindertagesstätten geschlossen. Seither sind Eltern auf sich allein gestellt. Das Homeoffice, das lange als Baustein für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefeiert wurde, wird nun für viele zum Fluch.

Homeoffice bei geschlossenen Kitas ist eine Herausforderung, die selbst geübte Multi-Tasker wie Mütter und Väter an ihre Grenzen bringt – zumal die Großeltern als Teil der Risikogruppe nicht bei der Kinderbetreuung einspringen können. Die Notbetreuung in Kitas und Schulen ist eben nur eine Notbetreuung für Eltern mit systemrelevanten Berufen. Zu Recht fühlen sich Familien von der Politik allein gelassen.

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Der Schulbeginn nach sechs Wochen Corona-Pause ändert an der Situation in den Familien wenig. So werden zunächst nur die Abschlussklassen unterrichtet. Wann die ersten und zweiten Klassen wieder zur Schule gehen, ist noch nicht einmal entschieden. Der Unterricht findet in kurzen Blöcken statt und konzentriert sich auf die Kernfächer. An Ganztagsschule ist gar nicht zu denken. Wegen des Abstandsgebots kann nur abwechselnd eine Hälfte einer Klasse in der Schule unterrichtet werden, die andere Hälfte bleibt im Homeschooling. Schule in Corona-Zeiten wird also weiterhin vor allem zu Hause stattfinden und Familien auf die Probe stellen.

Hinzu kommen häufig finanzielle Sorgen, wenn Eltern wegen der Krise im besten Fall in Kurzarbeit und im schlimmsten Fall arbeitslos sind, wenn Selbstständige nicht wissen, wie die Firma überlebt. Es gehört schon viel Besonnenheit dazu, unter diesen Voraussetzungen ruhig zu bleiben, damit sich existenzielle Ängste nicht auf die Kinder übertragen. Die Kernfamilie, die uns normalerweise den Rücken stärkt, ist in Anbetracht dieser Situation nicht selten überfordert. Die Isolation birgt gesellschaftlichen Sprengstoff. Hatte man zu Beginn des Lockdowns noch gewitzelt, dass es bald viele Corona-Kinder geben werde, sind Corona-Scheidungen inzwischen viel wahrscheinlicher.

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Es ist schon erstaunlich, dass es bislang keinen größeren Eltern-Protest gegen die Kontaktsperren gibt. Langsam aber formiert sich Widerstand. In einer Online-Petition fordern Eltern aus Lilienthal Lockerungen für Kinder, wenn diese nicht dauerhaft Schaden nehmen sollen. Sie fragen zu recht, warum Geschäfte und Schulen wieder öffnen, Kitas und Spielplätze aber geschlossen bleiben.

Eine Betreuung in kleinen Gruppen wäre sinnvoll, um Kindern die Interaktion mit Gleichaltrigen zu ermöglichen. Vor allem aber fragen sich Eltern, warum ihnen nicht geholfen wird, etwa mit einem Recht auf Teilzeit während der Krise und einem Rückkehrrecht in die alte Arbeitszeit nach der Krise. In der Petition, die sich an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil richtet, fordern die Eltern zudem ein Corona-Elterngeld. Auch darüber sollte man zumindest einmal nachdenken.

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Es geht um das Grundrecht auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit. Denn Kitas und Schulen sind nicht nur Betreuungs- und Lernanstalten. Sie fördern die soziale Kompetenz und tragen zur gesunden Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bei. Was wird aus Kindern, die ihre Großeltern nur via Telefon und im Videochat erleben, die Freundschaften nur noch über soziale Medien pflegen? Die Konzentration auf die Kernfamilie als Schutz vor Infektion darf nur eine temporäre Lösung sein, sonst ist der Schaden für die Gesellschaft am Ende größer als wir heute ahnen.

Wir können es uns schlicht nicht leisten, dass die Bildung auf der Strecke bleibt und Eltern wie Kinder reif sind für eine Kur, die es nicht geben wird. Dann fehlen der Wirtschaft nicht nur die Fachkräfte von heute, sondern auch die von morgen. Das Krisenkabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel darf die Familien nicht länger mit Durchhalteparolen hinhalten. Eltern und Kinder brauchen jetzt Unterstützung, bevor sie unter der Last des Corona-Alltags zusammenbrechen.

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