Kommentar über Kirchen und Corona Zurück zu Neuem

Die Kirchen haben im Corona-Jahr viele Abstriche von Altbewährtem machen müssen - vieles hatte sich überholt. Es gibt kreative Lösungen aus der Krise, die für die Zukunft helfen können, meint Benjamin Lassiwe.
27.12.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Benjamin Lassiwe

Für die Kirchen war es eine Herausforderung. Wie sollten sie in diesem Jahr Weihnachten feiern? Als Präsenzgottesdienst, als Online-Messe oder mit ganz anderen kreativen Aktionen? Je näher die Feiertage rückten, desto lauter wurden die Stimmen, die von den Kirchen forderten, auf ihr Recht zu Gottesdiensten zu verzichten.

Gut, dass sie es nicht getan haben. Gut, dass es überall in Deutschland eine große Bandbreite von Weihnachtsfeiern gab – vom Präsenzgottesdienst im Garten eines Pfarrhauses bis zur Andacht am Telefon, vom Segensspruch zum Mitnehmen bis zu ökumenischen Fernsehworten des Ratsvorsitzenden der EKD und des Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz.

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Natürlich: Auch an Heiligabend können sich schlimmstenfalls Menschen in Gottesdiensten mit dem Coronavirus angesteckt haben, sofern sie sich nicht an die Auflagen gehalten haben. Jedem, der einen Gottesdienst besuchte, war klar, dass Vorsicht geboten ist. Das ist anders als noch an Ostern, wo man nur sehr wenig über die Verbreitung des Virus durch Aerosole wusste. Und wo sich über Deutschlands Kirchen hinterher trotzdem ein Schwall der Kritik ergoss: Den Vorwurf, sie hätten zu früh aufgegeben und seien nicht für die Menschen da gewesen, hörte man damals häufig, etwa von der früheren thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU).

Nach diesem Weihnachtsfest wird man ihn angesichts der Vielfalt der kirchlichen Angebote diesen Vorwurf nicht machen können. Und das ist gut so. Denn wollen die Kirchen angesichts der schwindenden Mitgliederzahlen langfristig eine Zukunft haben, müssen sie wieder dichter an die Menschen heranrücken. Die Kreativität aus der Corona-Krise muss zum bestimmenden Moment des Alltags in den Gemeinden werden, auch dann, wenn das Virus längst besiegt ist, in den Gottesdiensten endlich wieder das Abendmahl gefeiert und zur Orgelbegleitung selbstverständlich gesungen werden kann.

Eine Chance Dinge zu beerdigen

Ein Zurückfallen in alte Routinen darf es nicht geben – was übrigens nicht nur für die Kirchen gilt. Denn wenn die Krise etwas Sinnvolles bewirkt hat, dann doch, dass man nun eine Chance hat, auch Dinge zu beerdigen. Überflüssige Veranstaltungen mit immer denselben Menschen zum Beispiel, die man eigentlich nur noch durchgeführt hat, weil man sie jedes Jahr veranstaltet.

So sehr Jesus nach eigenen Worten „mitten unter ihnen“ ist, wo sich zwei oder drei in seinem Namen versammelten: Bewusst dafür sorgen, dass nur zwei oder drei zum Gottesdienst zusammenkommen, sollte keine Gemeinde. Angebote, die lediglich zehn oder 15 Menschen erreichen, braucht es nicht. Jedenfalls nicht, wenn mit anderen Abläufen, anderen Anfangszeiten und Terminen – und ja – auch mit moderner Technik mehr Menschen erreichbar wären.

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Wobei das auf keinen Fall ein Plädoyer dafür werden soll, alles ins Internet zu verlegen. Denn eines hat die Corona-­Krise auch gezeigt: Menschliche Begegnung ist nicht ersetzbar. Und Spiritualität ist am Laptop, im Arbeitszimmer oder auf der heimischen Couch nur sehr schwer zu finden. Videokonferenzen sind praktisch. Aber sie nutzen nichts, wenn es um Begegnungen zwischen Menschen geht, um die kleine Information in der Kaffeepause, die Planungen am Rande, kurz: um den Austausch von Menschen aus Fleisch und Blut.

Nach der ­Krise das rechte Maß finden

Ob sich der Ökumenische Kirchentag 2021 wirklich einen Gefallen damit tut, statt einer zwingend notwendigen Absage der Großveranstaltung einzelne Veranstaltungen ins Internet zu verlegen, wird man erst noch sehen müssen.

Wichtig wird es sein, nach der Corona-­Krise das rechte Maß zu finden – zwischen dem Wiederaufleben von Be­währtem, den neuen, kreativen Lösungen aus der Zeit der Krise und dem stillen Abschiednehmen von Dingen, die sich sowieso überholt hatten. Wenn die Kirchen das beherrschen, werden sie in den kommenden Jahren erfolgreich sein. Denn schon im Corona-Jahr 2020 haben sie es, allen Unkenrufen und Negativ­beispielen zum Trotz, eben doch geschafft, vielerorts für die Menschen da zu sein.

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