Corona-Krise

Die Saison steht vor dem Aus

Die Corona-Krise trifft viele Branchen äußerst schwer: Hotellerie und Gastronomie haben mit existenzgefährdenden Umsatzeinbrüchen zu kämpfen, auch die Schausteller bangen um ihre Zukunft.
16.04.2020, 19:37
Lesedauer: 3 Min
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Von Alfons Frese, Georg Ismar und Johannes Nedo

Berlin. Zumindest eines bewirken die Beschlüsse von Bund und Ländern zum weiteren Vorgehen in der Corona-Krise: Es gibt mehr Planungssicherheit. Für viele von den Einschränkungen Betroffene gibt es aber keine guten Nachrichten. Reihenweise trudeln Absagen von Volksfesten und Festivals ein, und die Kirchen sind verstimmt. Auch der Sommerurlaub ist bedroht. Ein Überblick:

Stirbt das Volksfest?

Albert Ritter kann von seiner Terrasse in Essen-Altenessen jeden Morgen auf seinen Stillstand schauen. Alle Zugmaschinen und Verkaufswagen bleiben eingemottet, jetzt, wo eigentlich nach der Winterpause das große Geld verdient werden soll. Der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes war gerade in einer Telefonschalte mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), der seiner Branche wenig Hoffnung macht. Ritter bezeichnet die Beschlüsse von Bund und Ländern, alle Großveranstaltungen bis zum 31. August zu verbieten, als „schwarzen Mittwoch“. Sein Verband vertritt 5000 Schausteller, die mit über 55 000 Mitarbeitern auf Jahrmärkten, Volks- und Schützenfesten mit Karussells, Imbissen, Los- und Schießbuden vertreten sind.

Die gesamte Saison könnte ausfallen, auch das größte Volksfest der Welt mit sechs Millionen Besuchern, das Münchner Oktoberfest, steht vor dem Aus. Angebote wie das Kreditprogramm der staatlichen KfW-Bank helfen der Branche daher nicht weiter. „Wie soll ich einen Kredit finanzieren?“, fragt Ritter. Ohne Einnahmen im laufenden Jahr seien Kredite auch in den Folgejahren kaum zurückzuzahlen. „Deswegen fordern wir von der Politik einen echten Rettungsschirm.“ Denkbar seien auch Steuerstundungen. Ritter verweist auf Leitlinien des Robert-Koch-Instituts, das zwischen Drinnen- und Freiluft-Veranstaltungen unterscheide, wo das Ansteckungsrisiko geringer sei. Die Schausteller hätten eine Verdopplung der Sanitäranlagen, Desinfektionsstationen und die Nutzung von Masken angeboten sowie die Verpflichtung, auf Abstandsregeln zu achten. „Wir können nichts verschieben, weil wir seit Jahrhunderten am Kirchenkalender hängen: Osterkirmes, Pfingstkirmes, Liborikirmes, das ist alles weg.“ Es drohe das Ende einer 1200 Jahre alten Tradition.

Sommer ohne Urlaub?

Alle Reisebeschränkungen gelten weiter, ebenso das touristische Übernachtungsverbot in Hotels. Der Urlaub ist kaum zu planen – was die Unsicherheiten der hiesigen Branche dramatisch verschärft. Und so versuchen erste Ministerpräsidenten mit Blick auf die noch schwierigere Lage, für Ferien daheim zu werben. Dass Urlaube im Sommer in Italien, Spanien, Frankreich oder der Türkei möglich sind, hält Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für „eher unwahrscheinlich“. Er hofft deshalb, dass ein touristischer „Run auf Bayern“ entstehen könnte, der der Gastronomie und Hotellerie wieder auf die Beine hilft – doch auch diesbezüglich kann die Politik bisher keine Öffnungsperspektive bieten. Allein von den 19 500 Betrieben in Berlin wäre die Hälfte insolvenzgefährdet, wenn Restaurants und Hotels über den 4. Mai hinaus geschlossen bleiben müssen, heißt es beim Landesverband des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). In der Hauptstadt hängen rund 250 000 Arbeitsplätze an der Branche.

Hotels und Gasthäuser wurden als Erstes geschlossen und „sind nun die letzten, die wieder öffnen dürfen“, klagt Verbandspräsident Guido Zöllick. „Es darf nicht sein, dass nur Großkonzerne gerettet werden und 223 000 gastgewerbliche Betriebe mit 2,4 Millionen Beschäftigten das Nachsehen haben.“ Die Erlöse im Abhol- und Liefergeschäft sind in der Regel nicht kostendeckend.

Nach zehn guten Jahren mit reger Investitionstätigkeit und 300 000 zusätzlichen Arbeitsplätzen stürzt das Virus die Gastrobranche in eine Existenzkrise. Die Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges sagte dieser Zeitung, eine Reduzierung der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent würde sofort helfen, wenn die Betriebe wieder öffnen dürfen. Dazu wünscht sich die Branche einen Rettungsfonds, aus dem direkte Finanzhilfen fließen könnten.

Warum dürfen die Kirchen nicht öffnen?

Große Autohäuser dürfen ab 20. April wieder öffnen, Kirchen, Moscheen und Synagogen jedoch nicht – weil sich hier oft die besonders gefährdeten Gruppen treffen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, will Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) an diesem Freitag Lösungsvorschläge unterbreiten, hier ist man spürbar verstimmt.

Das Verbot gemeinsamer Gottesdienste greife tief in das Recht der freien Religionsausübung ein „und war insbesondere während der Kar- und Ostergottesdienste für viele Gläubige nur schwer zu ertragen“, betont Bätzing. Für Muslime wird in diesem Jahr wegen Corona das gemeinsame Fastenbrechen ausfallen – am 23. April beginnt der Ramadan.

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