Corona in Europa

Wie Portugal vom Hotspot zum Vorbild geworden ist

Vor drei Monaten verzeichnete Portugal eine Sieben-Tage-Inzidenz von fast 900. Inzwischen hat sich die Lage entspannt, die Inzidenz ist auf 40 gesunken.
12.04.2021, 19:16
Lesedauer: 4 Min
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Wie Portugal vom Hotspot zum Vorbild geworden ist
Von Ralph Schulze
Wie Portugal vom Hotspot zum Vorbild geworden ist

Deutschland schickte Ärzte und Sanitäter der Bundeswehr nach Portugal, um den medizinischen Notstand zu lindern.

Moritz Frankenberg

Entspannt in der Frühlingssonne auf einer gastronomischen Außenterrasse sitzen und einen Kaffee, einen Wein oder ein Bier zu trinken. Seit einigen Tagen ist dies in dem südeuropäischen Land Portugal wieder möglich. In Deutschland können die meisten Menschen davon derzeit nur träumen.

„Endlich“, jubelte im portugiesischen TV eine Frau. „Toll, dass wir draußen wieder einen Espresso trinken können. Das hat uns wirklich gefehlt.“ Der tägliche „Bica“, wie der Espresso genannt wird, gehört zur portugiesischen Tradition. Entsprechend groß war nun die Euphorie.

Bars und Restaurants wieder geöffnet

Die Bürger stürmten geradezu die Bars und Restaurants, die nicht nur in Lissabons Altstadt auf der Straße wieder ihre Tische aufstellen durften. Das Fernsehen berichtete live aus Lissabons City, in der man volle Straßencafés sehen konnte. Maximal vier Personen pro Tisch sind derzeit erlaubt. Bis 22.30 Uhr darf werktags geöffnet werden, am Wochenende aber nur bis 13 Uhr mittags.

Im Januar hatte Portugal mit einer 7-Tage-Inzidenz von annähernd 900 Fällen pro 100.000 Einwohner die höchste Ansteckungsrate der Welt. Die Hospitäler standen vor dem Kollaps. Vor den Krankenhäusern stauten sich die Ambulanzen, weil es keine freien Betten mehr gab. Auch die Leichenhallen waren überfüllt. Portugal musste sogar um internationale Hilfe bitten: Deutschland schickte deswegen Ärzte und Sanitäter der Bundeswehr, um den medizinischen Notstand zu lindern.

Drei Monate später hat sich die Lage in dem Land, in dem zehn Millionen Menschen leben, erstaunlich entspannt. Die Krankenhäuser leerten sich wieder. Die Bundeswehr, die in Lissabons Hospitälern aushalf, konnte wieder heimfliegen. Mission erfüllt, hieß es bei der Bundeswehr.

Niedrigste Inzidenz innerhalb der EU

Pro Tag werden derzeit nur noch ein paar hundert neue Infektionen und weniger als zehn Corona-Tote registriert. Die wöchentliche Fallhäufigkeit pro 100.000 Menschen belief sich zuletzt auf 40,5. Das ist die niedrigste Inzidenz innerhalb der Europäischen Union. In Europa steht nur das kleine Island noch besser da.

Wie hat Portugal es geschafft, die Ansteckungskurve auf dieses niedrige Niveau zu drücken? Die Antwort ist einfach: Mit einem sehr konsequenten, aber schmerzvollen Lockdown des öffentlichen Lebens, der ab Mitte Januar und landesweit galt. Und der die Infektionszahlen erstaunlich schnell fallen ließ.

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Die Kernelemente: Eine 24-Stunden-Ausgangsperre für alle Bürger, die nur aus zwingendem Grund, etwa zum Einkaufen, Arbeiten oder für einen täglichen kurzen Spaziergang in Wohnungsnähe gebrochen werden durfte. Eine gesetzliche Homeoffice-Pflicht für alle Unternehmen, in denen dies möglich war. Die Schließung von Kitas, Schulen, Universitäten, Gastronomie und Einzelhandel (außer Supermärkten). Und die Abriegelung der Grenzen, die nur für Personen mit Wohnsitz in Portugal und für Pendler durchlässig waren.

Bundeswehrarzt Ingo Weisel, der am deutschen Hilfseinsatz in Portugal beteiligt war, lobte zudem die große Disziplin der Portugiesen, die wesentlich zur Besserung der Lage beigetragen habe. „Jeder trug seine Maske, die Abstände wurden eingehalten.“ Auch das habe zum Erfolg Portugals beigetragen.

Schrittweise Rückkehr zur Normalität

Jetzt, nach der drastischen Senkung der Infektionen, wagt das Land eine schrittweise Rückkehr zur Normalität: Gastronomische Terrassen, Friseure, kleine Geschäfte bis 200 Quadratmeter und Schulen (für Kinder bis 15 Jahren) öffneten Anfang April wieder. Auch Museen sind wieder auf. Ebenso Fitnessstudios, wenn auch ohne Gruppenaktivitäten. Aber der Zwang zum Homeoffice bleibt. Genauso wie die Mahnung der Regierung, die zurückeroberten kleinen Freiheiten nicht zu missbrauchen und doch bitte möglichst zu Hause zu bleiben.

Am 19. April tritt eine weitere Lockerungsstufe in Kraft: Dann dürfen, wenn sich die Lage nicht verschlechtert, auch die Innenräume von Kneipen, Restaurants und Cafés wieder öffnen. In Kinos, Theater- und Konzertsälen soll der Betrieb wieder anlaufen. Größere Geschäfte und Einkaufszentren dürfen die Türen wieder aufmachen. Universitäten und Oberschulen sollen wieder Präsenzunterricht erteilen.

„Die Öffnung muss sehr vorsichtig geschehen“, warnt Portugals sozialistischer Regierungschef António Costa seine Landsleute. „Wir können kein Risiko eingehen, und wir dürfen das Erreichte nicht aufs Spiel setzen.“ Costa hofft, dass nun auch endlich die nationale Impfkampagne in Schwung kommt, die bisher eher schleppend verlief.

Astra-Zeneca nur für die über 60-Jährigen

Bis Sommeranfang soll die Hälfte der Bevölkerung geimpft sein. Doch von diesem Ziel ist Portugal noch weit entfernt. Bisher hat etwa sechs Prozent der Bevölkerung den kompletten Impfschutz bekommen. Wobei der Wirkstoff von Astra-Zeneca inzwischen wie in Deutschland nur noch für die über 60-Jährigen benutzt wird.

Die nächsten Wochen wird man sehen, ob Portugals Weg wirklich erfolgreich war. Denn die nationalen Gesundheitsbehörden warnen bereits, dass auch der Musterknabe Portugal nicht vor einer neuen Corona-Welle sicher und das „portugiesische Wunder“ möglicherweise nicht von allzulanger Dauer sei.

In Ferienregionen gehen die Ansteckungskurven wieder nach oben

Der nationale Reproduktionswert, der angibt, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt, steigt bereits wieder und hat die Grenzmarke von 1,0 übersprungen. Vor allem die Urlaubsküste Algarve und die Ferieninsel Madeira machen Sorgen, weil dort die Ansteckungskurven schon wieder bedenklich nach oben gehen.

Für ganz Portugal gilt übrigens derzeit immer noch ein Einreiseverbot für ausländische Urlauber: Das Auswärtige Amt schreibt entsprechend in seinen Reisehinweisen: „Für Einreisende aus Deutschland sind ausschließlich notwendige, nicht touristische Reisen erlaubt.“ Im Klartext: Eine Portugalreise aus zwingenden beruflichen oder familiären Gründen ist mit entsprechendem Nachweis möglich, ein Ferienaufenthalt derzeit aber noch nicht.

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