„Dann bin ich Richtung Europa geflohen“

Elombo Bolayela wurde 1965 als Sohn eines evangelischen Pastors in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) geboren. 1992 kam er als Asylbewerber nach Deutschland. In Syke wurde er Tischler, bis 2014 arbeitete er in einem Baumarkt in Bremen und war dort stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrats.
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Elombo Bolayela wurde

1965 als Sohn eines evangelischen Pastors in Kinshasa

(Demokratische Republik Kongo) geboren. 1992 kam

er als Asylbewerber nach Deutschland. In Syke wurde er Tischler, bis 2014 arbeitete er in einem Baumarkt in Bremen und war dort stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrats. Er ist seit 2011 Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft.

Herr Bolayela, Sie sind 1992 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen. Das war gerade der Höhepunkt der rechtsextremen Anschläge auf Asylunterkünfte. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Elombo Bolayela

: Von Deutschland wusste ich nicht viel und es war auch nicht mein Ziel. Als junger Mensch kam ich gerade von der Universität. Ich habe mir gesagt, wenn ich nach Europa gehe, dann nach Frankreich oder auch auf den amerikanischen Kontinent nach Kanada, um studieren zu können. Dass es dann Deutschland geworden ist, war ein Zufall, weil das Geld einfach nicht gereicht hat. Ich bin in Hannover angekommen. Dort sollte mich jemand abholen. Dieser Mann ist nicht aufgetaucht. Ich hatte keine richtige Winterjacke. Ich musste ein paar Afrikaner auf der Straße fragen, wo ich Asyl beantragen kann. Jeder, der Blau gekleidet war, war Polizist für mich, auch die Bundesbahnmitarbeiter. Wenn ich einen gesehen habe, musste ich mich verstecken. Bei der Caritas habe ich dann Asyl beantragt. Am Bahnhof war es wie in einem Film. Viele Menschen kamen an und verschwanden wieder. Das war für mich ein Kulturschock. Die Menschen waren fixiert auf ihre Richtung. Es war irgendwie alles gesteuert. Das waren meine ersten Beobachtungen.

Haben Sie damals von einer ablehnenden Haltung innerhalb der deutschen Gesellschaft etwas mitbekommen?

Damals gab es für mich keine Ablehnung. Die Menschen waren desinteressiert und haben mich nicht wahrgenommen. Die Ablehnung hat man gemerkt, als man mit den Behörden zu tun hatte. Ich fühlte mich wie in einem Film. Ich wurde fotografiert und es wurden Fingerabdrücke genommen, das kannte ich nur aus Filmen, aber diesmal war ich live dabei. Die Unfreundlichkeit der Behörde konnte man spüren. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keinen Kontakt mit deutschen Menschen. Den ersten Kontakt hatte ich dann in Syke.

Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen. Die Situation ist in etwa die gleiche. Es geschehen wieder Anschläge auf Unterkünfte von Asylbewerbern. Was fühlen Sie, wenn sie so etwas sehen?

1992 haben die Behörden und die Politik gesagt: Asylbewerber wollen wir nicht haben. Aber heute muss man ehrlich sagen, dass sich diese Einstellung zum Positiven geändert hat. Politisch gibt es Kompromisse zwischen den etablierten Parteien. Die Tendenz ist: Ja, wir wollen Flüchtlinge. Aber wir arbeiten nicht präventiv, sondern wir reagieren. Das ist der strukturelle Fehler. Meine Wahrnehmung ist, dass politische Initiativen, Kirchengemeinden und viele Menschen in Deutschland bereit sind zu helfen. Dafür bin ich dankbar. Daneben gibt es auch welche, die meinen, Deutschland ist kein Einwanderungsland. Gott sei Dank sind die meisten Menschen in Deutschland aber dafür. Die Akzeptanz ist hoch und die müssen wir politisch nutzen und das freiwillige Engagement der Ehrenamtlichen begleiten. Aber braune Soße gibt’s immer noch.

Schade. Das wirft leider ein schlechtes Licht auf Deutschland.Wurden Sie selbst Opfer von Diskriminierung und Rassismus?

Beispiele gibt es, ja. Aber ich habe Glück gehabt, dass ich das nicht so stark erlebe. Ich weiß, es existiert, aber ich stelle fest: Es ist ruhiger geworden. Ich möchte das auf gar keinen Fall in den Vordergrund stellen. Die meisten Deutschen, die ich kenne, haben andere Sorgen. In meiner Heimatstadt Syke habe ich 1993 Pastor Wilhelm Tesch getroffen. Da hat es sich für uns in Syke und in der Gemeinde sehr positiv entwickelt.

Sie haben gerade gesagt, Syke ist für Sie…

Heimat!

Was ist die erste Erinnerung an Syke?

Meine erste Erinnerung ist die Begegnung mit Pastor Tesch, ich nenne ihn Papa Tesch, der uns im Asylbewerberheim besucht hat. Ich kam in sein Pfarrhaus. Da waren ein paar afrikanische Trommeln. Bevor wir angefangen haben zu reden, haben wir ein bisschen Musik gemacht und ich habe mich wie zu Hause gefühlt. Drei, vier Wochen später haben wir einen großen afrikanischen Gottesdienst gefeiert. Vor 300 weißen Leuten zu sprechen und zu trommeln, das war für mich etwas Neues und ich war nervös und aufgeregt, aber auf der anderen Seite auch glücklich. Seitdem bin ich in der Gesellschaft in Syke aufgenommen worden und ich fühlte mich langsam sicherer und entwickelte Selbstbewusstsein.

Wo waren Sie in Syke untergebracht?

In der Sulinger Straße 1. Das war ein Asylbewerberheim mit vielen verschiedenen Nationen. Ich hatte ein Zimmer mit einem Landsmann aus dem Kongo. Wir haben ihn Präsident genannt, er war älter und breiter. Die Mitarbeiter kannten uns nur dem Namen nach. Dann sollte der ältere Mann ein Hochbett bekommen und sollte oben schlafen. Aus Respekt zum Älteren habe ich gesagt: Großer Bruder, ich gehe oben schlafen und du bleibst unten. Wir haben getauscht, aber auf dem Papier war das anders. Alle sechs bis sieben Wochen bin ich in Syke und besuche meine alte Heimatstadt.

Warum mussten Sie aus dem Kongo fliehen?

Ich musste als Student aus dem Kongo fliehen. Nach meinem Abitur habe ich das erste Mal das Wort Demokratie im kongolesisch-zairischen Kontext gehört, als der Präsident im Fernsehen sagte: Wir müssen mehr Parteien im Land ausprobieren, der Westen wolle das so. Und man konnte sehen, der Präsident wollte das nicht. An einem Montag bin ich zu meinem Professor gegangen und habe gefragt: Was bedeutet das für uns konkret? Was müssen wir dafür tun? Die Antwort lautete: „Wir müssen eine neue Verfassung haben“. Aber Mobutu wollte das nicht. Die Partei hatte immer 99,9 Prozent bei der Wahl. Ich habe mich gefragt, warum die 0,1 Prozent fehlten. Der Professor sagte mir, da Mobutu nicht will, müssen wir sehen, dass wir uns politisch organisieren. Am 16. Februar 1992 gab es eine große Demo der Kirchen, Hilfsorganisationen, aber auch der Moscheen. Viele Menschen wurden erschossen. Einer meiner Brüder war verschwunden und ich wurde am linken Bein verletzt. Ich habe die Verletzung immer noch. Heute frage ich mich: Was haben wir da getan? Es wurde zwar im Kongo zwei oder drei Mal gewählt, und es gab auch einen Putsch. Von damals bis heute gab es zwölf Millionen Tote, was hat das für die Menschen im Kongo konkret gebracht? Ich konnte mein Studium nicht beenden und floh ins Nachbarland Kongo-Brazzaville. Ich konnte nicht in ein Krankenhaus gehen, weil ich kein Unbekannter war. Viele der Geflüchteten wurden durch den zairischen Geheimdienst verhaftet. Dann bin ich Richtung Europa geflohen.

Wie würden Sie für sich selbst Heimat definieren?

Heimat ist, wo ich mich wohlfühle und keine Angst haben muss. Wo meine Familie, meine Verwandten sind. Meine Frau kommt aus Bremen, meine Kinder sind in Bremen geboren. Meine Interessen und beruflichen Kontakte sind in Bremen und Syke. Ich bin in Bremen zu Hause. Meine Freunde sagen immer: ein Bremer aus Syke. Und darauf bin ich stolz.

Sie haben in Syke eine handwerkliche Ausbildung angefangen, das ist als Student schon ein großer Schritt. Was hat Ihnen die Motivation gegeben?

Wo ich geboren bin, werden leider die handwerklichen Berufe nicht so ernst genommen. Die Väter wollen immer, dass die Kinder studieren. Ich habe geguckt, welche Möglichkeit habe ich? Was kann ich machen? Die Sprache war auch nicht die beste. Ich hatte immer die Idee, irgendwann nach Hause zurückzukehren. Trotz Familie und kleiner Wohnung wollte ich wieder in den Kongo. Ich habe gesagt, ich lerne etwas, was ich in beiden Ländern gebrauchen kann. Ich bin in die Tischlerlehre gegangen. 1999 habe ich im Baumarkt angefangen und dort bis ins vergangene Jahr gearbeitet.

Über die Arbeit in der Firma sind Sie in deren Betriebsrat gekommen.

Ja, zwei Jahre später wurde ich in den Betriebsrat gewählt. Da entwickelt man wieder ein anderes Selbstvertrauen. Wir waren ein Unternehmen mit rund 5000 Mitarbeitern. Der Baumarkt war damals eine reservierte Domäne für Bio-Deutsche. Ich hatte auch keine türkischen oder polnischen Kollegen. Alle hießen Meyer, Schmidt und Co. Und die haben mich trotzdem gewählt und ich habe sie gut vertreten. Dann haben sie mich wiedergewählt. Ich gehörte in das System und ich war nicht mehr ein Fremder.

Wann haben Sie sich entschieden, politisch aktiv zu werden?

Ich war immer politisch engagiert. Aber in eine Partei zu gehen, habe ich mich nicht getraut. Ich hatte keine Vorbilder. Es gab noch nie einen schwarzen Menschen in der deutschen Politik. Deswegen war es für mich einfach unvorstellbar. Ich hatte auch immer gute Kontakte in die Heimat. 2009 bin ich das erste Mal zurück und wollte dort eine Tankstelle eröffnen. Als ich da war, war ich schon am Flughafen geschockt. Ich habe mich gewundert, wie stark ich schon die deutsche Mentalität angenommen hatte. Die Abläufe waren einfach total anders. Ich habe festgestellt, ich gehöre nicht mehr hierher. Über einen Kunden im Baumarkt bin ich dann zur SPD gekommen.

Bremen ist meine Heimat.

Haben Sie manchmal die Befürchtung, dass Sie vielleicht nur als Imagepflege für die Partei ausgenutzt werden, als erster dunkelhäutiger Bürgerschaftsabgeordneter?

Unsere Gesellschaft hat sich geändert. Das müssen die Kirchen, die Parteien, die Kultureinrichtungen und alle anderen Institutionen wahrnehmen. Es gibt ja keine typischen schwarzen oder weißen Organisationen. Also, wie bekommen wir mehr Menschen mit Migrationshintergrund auch in den kulturellen Bereich? Man muss die Entwicklung sehen. In Bremen hat ein Drittel der Menschen einen Migrationshintergrund. Wenn Institutionen das nicht sehen wollen, zweifele ich an unserer gemeinsamen Zukunft. Unsere Gesellschaft ist bunt, und das muss man auch sehen. Bei der SPD bin ich nicht ganz vorne. Ich bin ein ganz normales Mitglied, das sich, wie viele andere auch, engagiert, und ich glaube, das hat mit meiner Hautfarbe nichts zu tun.

Vom Tischler zum Abgeordneten ist ein großer Weg. Wann standen Sie das letzte Mal an der Säge?

Im Job bis zum vergangenen Februar. Ich bin Handwerker. Vom Tischler zum Abgeordneten, da gehört Engagement dazu. Ich bin immer engagiert, bis heute. Für mich war es schwierig, mein christliches Engagement, das Musikalische, das Politische und die Arbeit zusammenzuführen. Es ist alles eins. Ich mache handwerklich viel alleine und werde von meiner Frau unterstützt. Sie ist für die Feinarbeit zuständig und ich für die grobe Arbeit. Wie in der Politik.

Seit 2002 sind Sie Leiter des Chors ohne Grenzen. Was bedeutet Musik für Sie?

Musik ist mein Halt, Musik ist mein Leben. Musik ist gut und in der Kirche kann ich Leute kennenlernen, die mich so annehmen wie ich bin. Da kann ich lachen und Gott loben. Der Chor ohne Grenzen singt für einen guten Zweck. Wir singen natürlich, weil wir selbst Spaß daran haben, aber wenn wir zum Beispiel eine CD verkaufen, geht das Geld an ein Projekt. Es ist Engagement, Spaß und Hilfe für die anderen, die es nicht so gut haben. Wir sind der Förderverein „Chor ohne Grenzen – Musik und Spaß mit karitativem Engagement“.

Sie betätigen sich in Ihrer Freizeit als Kleingärtner. Ein typisch deutsches Hobby. Wie kam es dazu?

Ein Kollege wollte seine Parzelle aufgeben. Die ist nicht weit von uns. Wir haben einen kleinen Garten und brauchten Platz für die Kinder. Wir haben dort ein kleines Holzhaus. Ein Mal im Sommer machen wir eine Party mit Freunden und Nachbarn. Jetzt im Oktober heißt es wieder: winterfest machen. Das ist für mich ein Rückzug. Dort habe ich keinen Fernseher, wir haben nur Radio. Und was ich toll finde: Das Handy funktioniert nicht so gut, also abschalten. (lacht)

Stichwort Handy: Heute kritisieren viele Menschen Flüchtlinge mit Smartphones, mit denen sie mit ihren Familien kommunizieren. Wie haben Sie den Kontakt nach Hause gehalten?

Erst mal: Ein Smartphone ist kein Luxus mehr. Zu meiner Zeit gab es das nicht. Wir mussten immer in eine Telefonkabine, die Verbindung war schlecht oder wir mussten warten. Ich musste nach Bremen und das war illegal, wegen der Residenzpflicht. Ich musste auf die Genehmigung warten. Das war schwierig als junger Mensch. Die Kommunikation war schwer. Heute sind Handys etwas Normales und es ist gut, dass es sowas gibt. Man muss sich vorstellen, alles zu verlieren, in einem fremden Land, die Sprache nicht zu sprechen, jetzt gerade im Winter und in einem Zelt zu leben. Das Handy ist wichtig. Es geht um ein menschliches Leben und Sicherheit. Ich bin ein Vater: Wie kann ich in mein Kind in ein Boot setzen, das nach Europa geht. Wie verzweifelt muss ich sein. Mit der Ungewissheit, dass es vielleicht nicht ankommt. Unsere Welt wackelt. Die wenigsten Flüchtlinge kommen nach Europa. Sie willkommen zu heißen, heißt ihnen einen Platz zu geben. Auch wenn es provisorisch eine Turnhalle ist.

Sie haben schon viel über Ihren Glauben erzählt. Ihr Vater war Pastor im Kongo. Was bedeute der Glaube für Sie?

Glaube ist für mich mein Halt. Ich bin durch die Familie zum Glauben gekommen. Ich fühle mich dadurch gut angenommen, weil die Leute mich nehmen, so wie ich bin. Neben Musik steht der Glauben an erster Stelle. Er ist für mich auch eine Dankbarkeit. Das gibt auch innere Ruhe.

Sie haben fünf Kinder…

Ja, Sie sehen, dass ich zur Bevölkerungssteigerung in Bremen beigetragen habe. (lacht).

Was geben Sie Ihren Kindern aus Ihren Erfahrungen mit auf den Lebensweg?

Respekt. Leistung und Glauben. Es kommt gar nichts von alleine. Du musst dich immer einbringen. Du musst etwas leisten, in der Schule oder der Arbeit. Von nichts kommt nichts. Respekt ist wichtig und man muss sich mit dem System, mit dem Land und den Menschen identifizieren. Ich lebe in dieser Gesellschaft und nicht parallel. Wenn eine Tür zu ist, geht die andere auf. Es gibt so viele Möglichkeiten. Und wenn das bei mir klappt, dann kann es bei jedem klappen. Manchmal gibt es den Moment, an dem man denkt, es geht nicht weiter. Daran glaube ich nicht. So viele Türen gehen zu, so viele gehen wieder auf. Wir haben viele Möglichkeiten, leben in einer offenen Gesellschaft. Hier kann man sogar im Alter die Schule von vorne anfangen. Hier kannst du alles lernen. Manchmal ist es schwer, aber wenn man will, schafft man es. Geschenke bekommt man selten.

Das Interview führte Eike Wienbarg

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