Nach Messerattacke Danzigs Bürgermeister gestorben

Danzigs Bürgermeister Pawel Adamowicz (53) ist tot. Er erlag am Montag den schweren Verletzungen, die er bei einer Messerattacke am Sonntagabend erlitten hatte.
14.01.2019, 03:49
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Der Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz ist am Montag seinen schweren Verletzungen erlegen, die er bei einer Messerattacke am Sonntagabend während einer Benefizveranstaltung erlitten hatte. Das bestätigte Gesundheitsminister Lukasz Szumowski am Montag im polnischen Fernsehen TVN24.

Zum Zeichen der Trauer wurden in Danzig die Flaggen auf halbmast gesetzt, viele Anwohner zündeten vor dem Rathaus Kerzen an. Die Danziger seien fassungslos und könnten ihren Schmerz nicht in Worte fassen, berichteten polnische Medien. Präsident Andrzej Duda sprach bei Twitter Adamowiczs Familie sein Beileid aus. „Ich stehe in Trauer und im Gebet bei seinen Angehörigen, Freunden und allen Menschen guten Willens“, schrieb das Staatsoberhaupt. Auch der Chef der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit PiS, Jaroslaw Kaczynski, bekundete „tiefe Trauer.“

Racheaktion wird vermutet

Pawel Adamowicz war auf offener Bühne von einem Mann mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt worden. Hinter der Tat wird eine Racheaktion vermutet. Der Täter soll während des Angriffs gerufen haben, dass er unschuldig in Haft gewesen sei, hieß es unter Berufung auf Augenzeugen. Der 27-jährige Danziger, der Berichten zufolge wegen Banküberfällen eine mehr als fünfjährige Haftstrafe abgesessen hatte, wurde festgenommen. Am Montag will ihn die Staatsanwaltschaft vernehmen. Polnische Politiker verurteilten die Tat.

Adamowicz gehörte bis 2015 der derzeitigen Oppositionspartei Bürgerplattform PO an. Nach Angaben des Warschauer Innenministeriums wurde der Politiker nach dem Angriff reanimiert. Anschließend kam er ins Krankenhaus und wurde operiert, wie Adamowiczs Sprecherin Magdalena Skorupka-Kaczmarek sagte. Dort erlag Adamowicz nun seinen Verletzungen.

Auf in polnischen Medien verbreiteten Aufnahmen war zu sehen, dass der Angreifer nach der Tat auf der Bühne blieb und triumphierte, bis er vom Sicherheitspersonal überwältigt wurde. "Er hat sich gefreut", sagte eine Augenzeugin dem Sender TVN24. Der Mann sei nach seiner Haftstrafe noch nicht lange wieder auf freiem Fuß, berichteten Medien unter Berufung auf Ermittlerkreise. Der Pole soll mit einer Medienakkreditierung in die Nähe der Bühne der Spendengala, auf der Adamowicz eine Rede gehalten hatte, gekommen sein.

Die Tat während einer bekannten Benefizveranstaltung der Organisation WOSP erschütterte ganz Polen. Bei dem jährlichen Event wird Geld für die Ausstattung von Kinderkrankenhäusern gesammelt.

Sieling und Weber: Erschüttert und schockiert

In Danzigs Partnerstadt Bremen hat die Nachricht vom Tod Adamovicz' große Bestürzung hervorgerufen. "Ich bin tief erschüttert über diese grausame und sinnlose Tat. Mit meinen Gedanken bin ich bei seiner Frau Magdalena und der Familie", teilte Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) mit. "Mit Pawel Adamowicz verlieren wir einen Freund, einen aufrechten Demokraten und überzeugten Europäer.

Pawel Adamowicz habe für ein weltoffenes und liberales Polen eingestanden, "für ein Europa der Völkerverständigung, für eine offene und tolerante Gesellschaft, eine Gesellschaft der Bürgerrechte in der auch Minderheiten geschützt werden", so Sieling. Seitdem er 1990 in das Stadtparlament von Danzig gewählt wurde, habe Adamowicz "durch zahlreiche Projekte und Initiativen Kontakte und Freundschaften zu Bremen geknüpft", so Sieling.

„Ich bin zutiefst schockiert. Mit Pawel Adamowicz verband mich seit mehr als 20 Jahren auch persönlich eine deutsch-polnische Freundschaft", äußerte sich Bürgerschaftspräsident Christian Weber in einer schriftlichen Stellungnahme zum Tode des Danziger Bürgermeisters. Die europäische Idee sei zwar größer als eine einzelne Person. "Trotzdem: dieser Verlust wiegt unendlich schwer. Denn Pavel Adamowicz hat wie kaum ein anderer an ein liberales und weltoffenes Europa geglaubt und dies gegen alle Widerstände in seinem Heimatland verteidigt", so Weber. Adamovicz habe keine Auseinandersetzung mit den nationalistischen Kräften in Polen gescheut - "worin ihn die Danziger Bürgerinnen und Bürger unterstützt haben, nicht zuletzt durch seine Wiederwahl im vergangenen Jahr".

Zäsur für Städtepartnerschaft

Der Tod von Adamowicz "bedeutet auch für unsere Städtepartnerschaft eine Zäsur", betont der Bürgerschaftspräsident weiter. "In seiner langen Zeit als Bürgermeister hat er die Verbindung zwischen Bremen und Danzig maßgeblich mitgeprägt. Es ist uns deshalb eine Verpflichtung und ein Anliegen, diese Partnerschaft in seinem Sinne fortzusetzen. Unsere Gedanken sind in diesen Stunden bei seiner Familie, seinen Freunden und Weggefährten.“

Grüne: Ein überzeugter Europäer

Pawel Adamowicz "war ein überzeugter Europäer und eine starke Stimme für ein weltoffenes und vielfältiges Polen", erklärte die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende und europapolitische Sprecherin Henrike Müller. Adamowicz habe sich mit aller Kraft für eine liberale und tolerante Gesellschaft eingesetzt, "die gerade auch Minderheiten achtet". Ebenso sei ihm der deutsch-polnische Austausch ein wichtiges Anliegen gewesen. Müller: "Wir können diese sinnlose Gewalttat nicht fassen und sind in Gedanken bei seiner Familie.“

CDU: Kluger und besonnener Mensch

"Wir sind in Gedanken bei seiner Familie und den Menschen in unserer Partnerstadt", teilte der Bremer CDU-Landesgeschäftführer Heiko Strohmann mit. "Ich behalte Pawel Adamowicz durch zahlreiche Begegnungen und Gespräche als klugen und besonnenen Menschen und Politiker in Erinnerung, dem der Austausch und die deutsch-polnische Partnerschaft immer ein wichtiges Anliegen war." Pawel Adamowicz habe sich immer wieder nachdrücklich "für Minderheiten und ein offenes und liberales Europa eingesetzt“, so Strohmann.

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Auch die Bremer CDU-Bundestagsabgeordnete Elisabeth Motschmann hatte Adamowicz im Rahmen der Städtepartnerschaft kennengelernt. "Pawel Adamowicz hat Polen eine starke Stimme gegeben und sich couragiert und unermüdlich für ein geeintes und weltoffenes Europa eingesetzt", sagte Motschmann. "Wir trauern um einen überzeugenden Europäer."

FDP: Ein Schock

„Der Tod des Danziger Bürgermeisters Pawel Adamowicz ist ein Schock", teilte der stellvertretende FDP-Fraktionschef in der Bürgerschaft Magnus Buhlert mit. "Das zeigt, wohin aufgeheizte Stimmung führt und wie wichtig der demokratische Diskurs ist. Gewalt darf aber niemals Mittel der politischen Auseinandersetzung sein. Unser aufrichtiges Beileid und Mitgefühl gilt seiner Familie.“

Linke: Ein großer Verlust

"Wir sind schockiert von dem feigen Attentat und trauern mit der Familie, Freundinnen und Freunden sowie politischen Partner*innen von Paweł Adamowicz", hieß es in einer Mitteilung von Sofia Leonikadis, europa- und queerpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke in der Bremischen Bürgerschaft. "Er war ein Oberbürgermeister, der sich auch in schwierigen Zeiten nicht entmutigen ließ. Auch deswegen ist dieser Mord so tragisch und Adamowicz’s Tod ein großer Verlust, für die Rechte von queeren Menschen und Migrant*innen und für Polens Demokratie.“

Kondolenzbücher im Rathaus und Bürgeschaft

Im Foyer der Bürgerschaft wurde am Montag ab 17 Uhr ein Kondolenzbuch für Pawel Adamowicz ausgelegt – außerdem wird am morgigen Dienstag, 15. Januar, halbmast geflaggt, kündigte Weber an. Von Dienstag bis Donnerstag, 17. Januar, können Bremerinnen und Bremer ihrer Anteilnahme zudem jeweils in der Zeit von 7.30 bis 19 Uhr im Rathausfoyer in einem Kondolenzbuch Ausdruck verleihen.

Das EU-Parlament hat des nach einer Messerattacke gestorbenen Danziger Bürgermeisters am Montag zu Beginn der Plenarsitzung in Straßburg gedacht. "Wer ihn kannte, wusste um seine Bürgernähe und um seine Fähigkeit zuzuhören", sagte EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani am Montag zu Beginn. Anschließend hielten die Abgeordneten eine Schweigeminute ab - auch für die Opfer des Terrorangriffs von Straßburg vor rund einem Monat.

(dpa/rab)

++ Diese Meldung wurde um 18.39 Uhr aktualisiert. ++

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