Ex-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul über den Umgang mit deutschen Kolonialverbrechen „Das Bewusstsein muss wach bleiben“

Sie haben die deutschen Kolonialverbrechen in Namibia schon vor zwölf Jahren als Völkermord bezeichnet und sich entschuldigt. Bundesregierung und Bundestag sind erst jetzt dazu bereit.
22.07.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Das Bewusstsein muss wach bleiben“
Von Steven Geyer

Sie haben die deutschen Kolonialverbrechen in Namibia schon vor zwölf Jahren als Völkermord bezeichnet und sich entschuldigt. Bundesregierung und Bundestag sind erst jetzt dazu bereit. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?

Heidemarie Wieczorek-Zeul: Ich engagiere mich seit Jahren für diese Weichenstellung. Es ist wichtig, dass sich die gesamte Bundesregierung zu dieser historischen Verantwortung bekennt – auch wenn seit meiner Entschuldigung erneut unnötig viel Zeit vergangen und es mehr als unrühmlich ist, dass dazu erst eine Debatte über den Völkermord an den Armeniern nötig war. Ich habe viele Amtsträger, darunter den Bundespräsidenten, angeschrieben und sie erinnert: Es geht hier um den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Umso wichtiger ist es, dass Frank-Walter Steinmeier die Initiative aufgegriffen hat.

Was versprechen Sie sich von einer solchen Erklärung?

Es ist dringend nötig, dass die Nachfahren endlich wissen, dass die historischen Tatsachen und die Schuld anerkannt werden. In meinen Gesprächen hörte ich von Herero-Vertretern immer wieder, wie diese Katastrophe ihr Volk traumatisierte: „Wir sprechen jeden Tag darüber, auch nach 100 Jahren.“ Aber es geht auch darum, dass unsere Bevölkerung die Kolonialverbrechen endlich wahrnimmt und sie im Bewusstsein aller Deutschen wach bleiben. Dass es gemeinsame Wiedergabe von Geschichte in Deutschland und Namibia gibt, die sich auch in Schulen und Universitäten auswirkt.

Warum hat sich weder die damalige rot-grüne Regierung noch eine der folgenden Ihre Entschuldigung zu eigen gemacht – sondern sie als Ihre persönliche Meinung relativiert?

Man hatte wohl immer Angst vor Entschädigungen, die danach einklagbar seien. Ich wählte die Formulierung, dass wir „im Sinne des gemeinsamen Vaterunsers“ um Vergebung unserer Schuld bitten. Ich sprach aber auch von Völkermord und davon, dass der Befehlshaber der kaiserlichen Truppen, General von Trotha, für seinen Vernichtungsbefehl heute von einem internationalen Strafgericht verurteilt würde. Das hatte ich vorher bewusst weder mit dem Außenministerium unter Joschka Fischer, noch dem Bundespräsidialamt abgestimmt. Sonst hätte es diese Rede so nicht gegeben.

Welche Folgen hatte Ihre Erklärung?

In Deutschland gab es sehr viel Zustimmung. Als Entwicklungsministerin habe ich dann eine „Versöhnungsinitiative“ angeschoben, durch die in erster Linie die Regionen der Opfer-Nachfahren finanzielle Hilfe für ein besseres Leben erhalten sollten, vor allem Schulen und ländliche Infrastruktur.

Die Bundesregierung hat gerade erklärt, dass Entwicklungshilfe kein Mittel historischer Entschädigung sei, sondern eigene Ziele hat. Sie sahen das anders?

Die offizielle Entwicklungszusammenarbeit und ihre Verdoppelung waren ein Signal des Respektes für das gesamte Land. Unabhängig davon halte ich es für wichtig, dass Deutschland den Nachfahren der Opfer des Völkermordes besonders hilft. Dass das nötig ist, merkte man auch daran, dass der Start unserer Versöhnungsinitiative verschleppt wurde. Die damalige namibische Regierung war skeptisch gegenüber der Förderung der Herero und Nama und wollte die Kontrolle über die Initiative behalten.

Das setzt sich bis heute fort: Die von der Bevölkerungsmehrheit der Owambo getragene Zentralregierung will keine Herero bei den deutsch-namibischen Verhandlungen dabei haben. Finden Sie es vertretbar, dass die deutsche Regierung das akzeptiert?

Es ist zwar richtig, dass es keine individuelle Entschädigung geben kann nach dieser langen Zeit. Aber es ist wichtig, dass die Nachfahren Hilfe für ein menschenwürdiges Leben erhalten. Sie gehören mit an den Verhandlungstisch, damit nicht länger nur über sie gesprochen wird.

Das Interview führte Steven Geyer

Zur Person

Heidemarie Wieczorek-Zeul war bis 2009 elf Jahre Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In diesem Amt entschuldigte sich die SPD-Politikerin im August 2004 in Namibia anlässlich des 100. Jahrestages der Massaker an den Herero und Nama für die deutschen Kolonialverbrechen – gegen die Linie ihrer Regierung.
Aufarbeitung der Vergangenheit in Bremen Bremer Museen beschäftigen sich immer wieder mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, zu der auch Kunstwerke und Sammlerstücke gehören, die die deutsche Kolonialgeschichte spiegeln. In der Kunsthalle Bremen forscht die Wissenschaftlerin Julia Binter unter dem Titel „Der blinde Fleck“ nach rassistischen und kolonialen Spuren, die sich in den Kunstwerken zeigen. Das Übersee-Museum arbeitet die Herkunft seiner Ausstellungsobjekte in einem Projekt der Provenienzforschung gezielt auf.
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