Corona-Impfung Das Forscher-Paar

Ein Ehepaar hat das Unternehmen Biontech gegründet - und viel Mut bewiesen bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffes. Aber wer sind Özlem Türeci und Ugur Sahin eigentlich?
18.03.2021, 21:03
Lesedauer: 5 Min
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Von Finn Mayer-Kuckuk

Die Empfänger der Ehrung haben einen „entscheidenden Beitrag zur Eindämmung der Pandemie“ geleistet: Diese Begründung ist schon fast eine Untertreibung. Özlem Türeci und Ugur Sahin haben sich als Gründer und aktive Leiter des Impfstoffspezialisten Biontech vermutlich mit den größten Einzelleistungen für eine Rückkehr zur Normalität verdient gemacht. An diesem Freitag erhalten die Ehepartner in Berlin das Bundesverdienstkreuz.

Der Kontrast zu anderen Pharmaherstellern zeigt, wie gut Biontech in dieser schwierigen Zeit organisiert war. Zwar haben die Regierungen beim Konkurrenten Astra-Zeneca mehr Dosen bestellt. Astra-Zeneca hat seine Lieferfähigkeit jedoch konstant überschätzt und auch durch seine Studienanordnung für Verwirrung gesorgt. Der französische Hersteller Sanofi ist mit seinem Impfstoffprojekt sogar komplett gescheitert. Biontech hält dagegen nicht nur seine Versprechen ein, sondern übertrifft sie sogar. In den kommenden Wochen erhält die EU zehn Millionen zusätzliche Dosen, die über den vorher mitgeteilten Lieferplan hinausgehen.

Auch die Kanzlerin will deshalb dabei sein, wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dem Forscherpaar in Berlin den Orden verleiht. Die Entscheidung für die Auszeichnung wird dem Bundespräsidialamt leicht gefallen sein. Selbst wenn sich im Laufe des Jahres noch Liefer- oder sonstige Probleme rund um Biontech auftun, ist die Bedeutung des Einsatzes von Türeci und Sahin jetzt schon offensichtlich. Das Wissenschaftler-Paar hat die Pandemie früh kommen sehen. Sein Unternehmen Biontech hat unter Führung des Paares schneller als andere einen Impfstoff entwickelt, hat besonders gezielte und glaubwürdige Tests vornehmen lassen und schließlich den schwierigen Übergang zur Massenproduktion vergleichsweise glatt gemeistert.

Geboren im Landkreis Cloppenburg

Die Freunde eines weltoffenen Deutschlands legen besonderen Wert darauf, dass diese Leistung von zwei Mitbürgern mit Migrationshintergrund erbracht wurde. Sahin (55) ist in der Türkei an der Grenze zu Syrien geboren – in Iskenderun, kaum 100 Kilometer von Aleppo entfernt. Türeci (54) ist in Lastrup im Landkreis Cloppenburg geboren, wuchs aber anfangs in Istanbul auf. Beide sind in Deutschland zu Schule und Uni gegangen und haben in der Wissenschaft Karriere gemacht. Gemeinsam haben sie zwei Firmen gegründet, um die Ergebnisse ihrer Grundlagenforschung in praxistaugliche Produkte umsetzen zu können. Das erste marktfähige Präparat ist jetzt der weltweit führende Corona-Impfstoff.

Beide sind uneitel, aber Türeci meidet geradezu die Öffentlichkeit. Sie schiebt oft ihren Mann vor, wenn es um Auftritte und das Rampenlicht geht – daher ist er in den Medien stärker präsent, zumal er bei Biontech die Rolle des Firmenchefs übernimmt. Türeci ist offiziell Forschungschefin. Doch es gibt die beiden nur im Paket, und sie treffen Entscheidungen gemeinsam. Sie teilen sich oft ein Videokonferenz-Fenster, wenn sie vom Homeoffice aus ihr Unternehmen lenken.

Türeci und Sahin haben 2002 ihr erstes Unternehmen gegründet: Ganymed Pharmaceuticals, das sie 2016 gewinnbringend an die Japaner verkauften. Schon ab 2008 haben sie parallel Biontech betrieben. Sie wollten die bis dahin gewonnenen Erkenntnisse über Boten-Ribonukleinsäure (mRNA) zur Heilung und Vorbeugung verschiedener Krankheiten nutzen. Sie haben das Verfahren zwar nicht erfunden, aber sie gehören zu einer Handvoll von Firmengründern weltweit, die den Mut hatten, ein Unternehmen um diese bisher unerprobte Technik herum aufzubauen. Bei Biontech in Mainz, wo Sahin bis heute auch Uni-Professor ist, befinden sich daher einige der modernsten Forschungsstätten für mRNA-Therapien.

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Der Aufstieg zum Professor und Unternehmer war Sahin nicht in die Wiege gelegt. Als die deutsche Industrie einst „Gastarbeiter“ anwarb, war Sahins Vater einer davon. Er hat bei Ford in Köln am Band gearbeitet. Türeci kommt dagegen aus einem Arzthaushalt in Niedersachsen; sie studierte Medizin, um in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Beide gingen Ende der 90er-Jahre an die Uniklinik des Saarlandes in Homburg, wo sie sich kennenlernten und ein Paar wurden. Den Wechsel an die Universität Mainz machten die beiden bereits gemeinsam. Dort fingen sie an, die Möglichkeiten gentechnischer Krebstherapien zu erforschen. Am Tag ihrer Hochzeit schauten sie nachmittags bei ihren Experimenten im Labor vorbei: Sie sind Forscher aus Leidenschaft.

Gute Wissenschaft allein reicht nicht – für eine Firmengründung ist reichlich Kapital nötig. Doch die Begeisterung für die Möglichkeiten moderner Biomedizin hilft auch hier. Sie überzeugten zur Jahrhundertwende die Pharma-Investoren Thomas und Andreas Strüngmann, bei ihnen einzusteigen.

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Die Brüder werden zu den wichtigsten Geldgebern von Biontech. Im Jahr 2019 kommen dann erste konkrete Erfolgsmeldungen: Die Forscher des Unternehmens heilen Krebspatienten mit ihrer experimentellen Therapie. Es erscheinen auch in der Publikumspresse erste Artikel über Biontech und das deutsch-türkische Forscherpaar.

Als die ersten Neuigkeiten von einem neuartigen Virus aus China kommen, setzen sich Türeci und Sahin noch in derselben Woche an die Spitze der Impfstoffforschung. Sie wissen, dass sich mit ihrer mRNA-Technik in kurzer Zeit Mittel gegen fast jeden Erreger bauen lassen. Sie wissen auch, dass Impfungen gegen Corona grundsätzlich möglich sind. Sie treffen eine gewagte Entscheidung – und stellen alle Ressourcen von Biontech hinter das Projekt „Lichtgeschwindigkeit“.

Risiko wird belohnt

Was im Rückblick klug und sinnvoll erscheint, ist in der damaligen Situation enorm riskant. Wenn der Impfstoff nicht funktioniert, wenn das Projekt sich als eine Nummer zu groß herausstellt, hat ein kleines Unternehmen sein Kapital verbrannt. Wenn der Impfstoff zwar funktioniert, hinterher aber Haftungsfragen auftauchen, hätte ein Mittelständler wie Biontech ebenfalls keine Chance, die Gerichtsverfahren intakt zu überstehen. Türeci und Sahin zeigen sich jetzt als Unternehmer im besten Sinn. Sie gehen Risiken ein, um ihre Firma voranzubringen – und nützen zugleich der Gesellschaft und der Gesamtwirtschaft. Die Entwicklung des Impfstoffs war auch nicht von Steuergeld finanziert, wie häufig angenommen wird, sondern rein privat.

Auch die frühe Entscheidung für den US-Konzern Pfizer als Partner erwies sich als richtig. Während Deutschland noch diskutierte, ob Corona überhaupt eine reale Gefahr sei, entwarf Pfizer bereits Studien, die genau die richtigen Fragen beantworteten. Anders als bei Astra-Zeneca lag ein Fokus durchaus bei älteren Testpersonen, die den Impfstoff tatsächlich am nötigsten haben. Die Partner organisierten da auch schon den Übergang zur Massenproduktion. Für Biontech war auch das ein riskanter Schritt. Das Unternehmen hatte bisher nur Einzeldosen seiner Wirkstoffe für Forschungszwecke hergestellt. Das Führungsteam um Türeci und Sahin arbeitete Tag und Nacht, um Herstellungspartner heranzuziehen.

Keiner bestreitet, dass der Einsatz sich für die Beteiligten üppig gelohnt hat. Die Gründer sind heute, nachdem der Aktienkurs so stark gestiegen ist, mehrfache Milliardäre. Wegbegleiter beschreiben die beiden jedoch weiterhin als „nettes Ehepaar“, das bodenständig weiterlebt – kein Vergleich mit den abgehobenen Entrepreneuren aus der Welt des Silicon Valley. So wird auch der Bundespräsident sie kennenlernen, wenn er das Bundesverdienstkreuz vergibt: bescheiden – und sichtbar überarbeitet.

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