Abwasserrecycling als Herausforderung

Das braune Gold der jordanischen Wüste

In Jordanien drohen menschliche Exkremente das überlebenswichtige Grundwasser zu verseuchen. Die Bremer Expertenorganisation Borda soll nun das Abwasser recyclen.
27.08.2019, 21:33
Lesedauer: 7 Min
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Von Annette Wagner
Das braune Gold der jordanischen Wüste

Getrockneter menschlicher Kot, so weit das Auge reicht: Darunter liegt einer von zwölf fossilen Wasserspeichern Jordaniens, aus denen sich das zweitwasserärmste Land der Erde versorgt.

Georg Schaumberger

Sie kennen weder Greta Thunberg noch die europäische Fridays-for-Future-Bewegung. Doch wenn das jordanische Borda-Team von seiner Mission in der Wüstenregion Azraq spricht, strahlt es die gleiche Entschlossenheit aus. Können sie verhindern, dass menschliche Exkremente das überlebenswichtige Grundwasser verseuchen? Wird ihre innovative Abwasserrecyclinganlage bald lokale Gemüsefelder bewässern? Das Wasserministerium von Jordanien hat der Expertenorganisation Borda (Bremen Overseas Research and Development) die Lizenz zum Handeln erteilt.

Wer von der Hauptstadt Amman Richtung Nordosten in die Wüste fährt, kann weder Augen noch Nase vor dem massiven Entsorgungsproblem in der Region verschließen. Zwei Kilometer vor der Provinzhauptstadt Azraq türmen sich meterhohe Müllberge entlang der Überlandstraße. Als das Expertenteam noch einen Kilometer weiter aussteigt, ist der Horizont zwar wieder frei, aber es stinkt noch erbärmlicher. Vorsichtig betreten Dana Barqawi und Ahmad Mas’oud eine von Schollen getrockneter Fäkalien bedeckte Ebene. „Achtung!“, ruft Mohammad Bassam Talafha vom Auto aus. Fast wäre die Reporterin knöcheltief in einer großen Lache menschlicher Exkremente versunken, offensichtlich kurz zuvor in die Landschaft geschüttet.

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Die nächste Kläranlage, Ain Ghazal, ist 101 Kilometer entfernt, viele Latrinenunternehmer entsorgen ihre gefährliche Fracht illegal vor der Stadtgrenze. Sickert die Kloake irgendwann in das überlebenswichtige Wasserreservoir unter der Gemeinde Azraq, hätten nicht nur deren 25.000 Einwohner und die 50.000 Flüchtlinge im nahe gelegenen Lager ein existenzielles Problem, sondern auch vier Millionen Menschen in der Hauptstadt. Denn Amman bezieht ein Viertel seines Wassers aus dem Grundwasser unter Azraq. Bizarrer Kontrast: Während in der City das Wasser noch unbegrenzt aus der Leitung fließt, haben die meisten Drusen, Beduinen und Tschetschenen, die hier draußen auf dem Frischwasserreservoir leben, weder sauberes Trinkwasser noch Zugang zu hygienischen Toi­letten.

Dana Barqawi deutet auf die stinkende Brü­he zu ihren Füßen und auf einen kleinen Hain mit grüngrauen Schilfpflanzen, die im heißen Wüstenwind rascheln. Aus den hochregenerativen Schilfrohrpflanzen soll eine innovative Pflanzenkläranlage fürs regionale Abwasser entstehen. Die kann zwar aus Scheiße kein Gold machen, aber Wasser für die lokale Landwirtschaft erzeugen. Für Borda sind menschliche Fäkalien in einer extrem wasserarmen Region wie Azraq ein kostbarer Rohstoff, quasi braunes Gold ‒ in einer Aufbereitungsanlage wird daraus Wasser gewonnen.

Die lokale Bevölkerung zum Mitwirken gewonnen

Auf der Weiterfahrt ins Stadtzentrum skizziert Projektingenieur Ahmad Mas’oud den genauen Wertstoffkreislauf. Ein ambitioniertes Vorhaben, für das man neben profundem Fachwissen über dezentrale Sanitäranlagen auch interkulturelle und kommunikative Kompetenzen braucht. Mas’oud ist Experte für Hydrologie und Ökologie in der Region, hat 2016 die Sanitärversorgung im Flüchtlingscamp Azraq mit aufgebaut. Barqawi ist Stadtplanerin. Sie strahlt: „Wir konnten die lokale Bevölkerung zum Mitwirken gewinnen.“

Bei Fremden anzuklopfen und zu fragen: „Können wir mal Ihre Toilette sehen? Entsorgen Sie auch korrekt?“, ist eine delikate Sache. Behutsam geht das Borda-Trio Hinweisen auf beschädigte Anlagen nach. Neben einem Haus am Stadtrand entdecken sie eine offene Latrine, nur notdürftig mit Palmwedeln abgedeckt – lebensgefährlich für Kinder und Tiere. „Aber das machen doch hier alle so“, verteidigt sich der Eigentümer irritiert.

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Sanitär noch schlechter ausgestattet sind die schlichten Würfelhäuser verarmter, sesshaft gewordener Beduinen außerhalb der Stadt. Auf Dana Barqawis Rufen kommt eine ältere Frau vors Haus. Salha Al Btoon ist die erste von zwei Ehefrauen, gemeinsam haben sie neun Kinder. Die ältere Frau holt den Wasserbedarf für die gesamte Sippe dreimal im Monat zu Fuß bei einem entfernten Nachbarn. Mit einem auf ihren Rücken gebundenen Zehnliterkanister läuft sie so oft hin und her, bis das blaue 500-Liter-Fass vor dem Haus gefüllt ist. Salha Al Btoon ergreift die Hand ihrer kleinen Tochter: „Ich schäme mich nicht, dass wir uns nicht vor jedem Beten waschen können. Wir haben ja kaum genug Wasser zum Trinken.“ Das Abwasser aus ihrer landestypischen Hocktoilette in einem Verschlag außerhalb versickert direkt im Wüstenboden.

Auf der Weiterfahrt gleitet das Auto an der eingezäunten Weinplantage einer offensichtlich wohlhabenderen Familie vorbei. Die Blätter tropfen noch vom Bewässern. Nach fünf Hausbesuchen und Aufklärungsgesprächen ist klar: Die Wasser- und Sanitärversorgung ist extrem ungleich verteilt. Und den meisten Einheimischen ist nicht bewusst, welche fatalen Folgen ihr sorgloser Umgang mit Abwasser haben kann. Mohammad Bassam Talafha informiert, dass die jordanische Regierung eine Abwasserrecyclinganlage für die Gemeinde bauen will und es dort Arbeitsplätze geben wird. Dana Barqawi berichtet, dass im staubigen Straßendorf ein kleiner Park entstehen soll. Wenn alle mithelfen, könnte der Wasserspiegel in der Oase wieder steigen, sodass Fische und Vögel zurückkommen.

Einst ein Naturparadies

Die Älteren, die sich an früher erinnern, lächeln. Einst war die Oasenstadt Azraq ein Naturparadies mit einem zwölf Quadratkilometer großen See, umgeben von weitläufiger Sumpflandschaft, in der Wasserbüffel grasten. Unzählige Fisch- und Vogelarten waren hier zu Hause. Nicht ohne Grund residierte Lawrence von Arabien vor rund 100 Jahren in der zugehörigen Burg. Doch 1990 war die Oase durch übermäßige Wasserentnahme und globalen Klimawandel fast ganz ausgetrocknet. Von der einstigen Üppigkeit der Oase zeugen nur noch verblichene historische Fotos entlang des schmalen Bohlenrundweges, der durchs hohe Schilf führt. Unter den Brettern ist nur vertrockneter, aufgesprungener Boden zu sehen. Erst am Ende taucht ein brackiger kleiner See auf.

Nur 300 Meter entfernt findet man eine Ursache für den drastischen Abfall des Grundwasserspiegels: Vor einer privaten Wassertankstelle mit zwei riesigen Speichertanks wird gerade ein Trinkwassertanklaster befüllt. „Sind Sie Deutsche?“ Der junge Chef tritt lächelnd aus dem Schatten einer großen Palme. Er erzählt, dass er seinem früheren Arbeitgeber, dem Technischen Hilfswerk, sein Wissen über Brunnenbohrungen und seinen Wohlstand verdankt. Stolz weist er auf die beiden blitzblank geputzten Mercedes-Tanklastwagen. Auf die überrasch­te Frage, ob er direkt neben der versiegenden Oase Wasser fördern und verkaufen dürfe, antwortet er, nicht minder überrascht: „Natürlich. Mir gehört dieses Stück Land. Und das Wasser darunter.“

Zwei Tage später im Ministerium für Wasser und Bewässerung bestätigt Staatssekretär Ali M. Subah, dass dieser private Quellenbesitzer kein Wasserpirat sei, sondern ein lizensierter Händler, der einen festen Gewinnanteil an die Regierung abgeben müsse. Wer anno 2019 weiter illegal Wasser verkaufe, dem drohe eine Haftstrafe. Subah bejaht, dass Jordanien in einem Teil seiner zwölf Wasserreservoirs bereits mit einem Fuß im Trocknen stehe. Mancherorts sei der Grundwasserspiegel durch Übernutzung derart gesunken, dass man kaum noch an das Wasser herankomme.

Der mithilfe von Experten der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), des Helmholtz-Institutes und Borda aufgestellte Nationale Wasserstrategieplan macht deutlich, dass Bevölkerung und Landwirtschaft drastisch Wasser sparen müssen. Und Jordanien braucht innovative Ideen, um Abwasser wiederaufzubereiten: das „schwarze Abwasser“ aus Toiletten ebenso wie das „graue Abwasser“ aus Waschbecken, Duschen und den fünfmal pro Tag vor dem Gebet genutzten Wascheinrichtungen der Moscheen.

Die ländliche Bevölkerung in Entscheidungsprozesse einbeziehen

Staatssekretär Ali M. Subah lächelt anerkennend zum Borda-Team hinüber: „Wir brauchen simple, einfach zu wartende Anlagen, die nahe an der natürlichen Landschaftsgestaltung bleiben, keine komplizierte kostspielige Technologie. In den letzten 20 Jahren hat Jordanien viel Geld in High-Tech-Anlagen verloren, die bald schon irreparabel waren.“ Subah ist vom Fach, wurde von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Jordanien zum Ingenieur ausgebildet. Borda sei besonders versiert darin, die ländliche Bevölkerung nachhaltig in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.

93 Prozent der Jordanier sind Muslime, der Islam ist ihre Staatsreligion. Wann immer die Moderne neue Fragen aufwirft, gibt das Fatwa-Ministerium gläubigen Jordaniern Ratschläge zur Lebensführung. Wer hier eine Aufbereitungsanlage für menschliche Jauche bauen und mit dem gewonnenen Wasser örtliche Obst- und Gemüsefelder bewässern will, tut gut daran, vor Baubeginn zu klären, ob die oberste Religionsbehörde dieses Projekt für haram (verboten) oder halal (erlaubt) hält.

Deren Pressesprecher ist Scheich Dr. Hassan Abu Arqoub, ein eloquenter Imam. Er berichtet von großen ökologischen Fortschritten: Den Segen für Solaranlagen auf den Dächern von Ämtern, Polizeistationen und Moscheen habe man schon vor vier Jahren gegeben. Inzwischen gibt es sogenannte Blaue Moscheen mit wassersparenden Armaturen und Regenauffanganlagen. Aber wie steht die Behörde zum sensiblen Thema Fäkalienrecycling? Abu Arqoub lächelt gewinnend: „Das Komitee sieht kein Problem darin, wenn gläubige Muslime in Azraq ihre Felder auf diese Weise bewässern, solange alle hygienischen Vorschriften eingehalten werden. Auch der Verzehr der geernteten Produkte ist halal.“

Im per Klimaanlage gekühlten Büro koordiniert das Borda-Team die nächsten Schritte für Azraq. Dana Barqawi bereitet den Kooperationsvertrag mit Unicef für die Schulen in Südazraq vor, wo ökologische Verantwortung künftig von klein auf gelehrt werden soll. Ahmad Mas’oud arbeitet an den letzten Details für den Konstruktionsplan des künstlichen Sumpfgebietes. Im Wasserministerium wartet man schon neugierig darauf. Bis Anfang 2020 der Bau der Wiederaufbereitungsanlage in Azraq beginnt, die braunes Gold in Wasser für die Wüste verwandeln soll, werden sie weiterhin jede Woche mit den Menschen reden.

Info

Zur Sache

Borda ‒ Hilfe aus Bremen

In dieser Woche findet in Stockholm die UN-Weltwasserwoche statt, der jährliche Austausch von Fachleuten und Regierungsvertretern zur Umsetzung des Nachhaltigen Entwicklungsziels Nummer sechs, an der auch die Bremer Expertenorganisation Bor­da arbeitet: Menschen weltweit mit Wasser und hygienischen Sanitäranlagen zu versorgen.

Mit 400 Kollegen in 25 Ländern arbeitet Borda (Bremen Overseas Research and Development) an passgenauen Klär- und Recyclinganlagen, die mit lokalen Materialien gebaut und von Einheimischen betrieben werden können. Ihren Anfang nahm die sanitäre Entwicklungsunterstützung made in Bremen 1977 in einem Nebenzimmer des Überseemuseums. Seit 2017 residiert die Zentrale zwischen Jacobs Kaffee und Beck’s Bier mit Blick auf jenes Weserwasser, dessen unbegrenzter Fluss das deutsche Spültoilettensystem ermöglicht. Finanziert wird die Arbeit von Borda unter anderem aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit, des Landes Bremen, der Swiss Development und der Bill & Melinda Gates Foundation.

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