Kommentar zur Corona-Krise

Die Pandemie der Armen

Schlachtfabriken, Wohnblocks, Flüchtlingsheime: Die Schauplätze der Pandemie zeigen, wie falsch das Bild von Corona als Gleichmacher ist. Die Risiken sind ungleich verteilt. Ein Kommentar von Nico Schnurr.
02.07.2020, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Pandemie der Armen
Von Nico Schnurr
Die Pandemie der Armen

Einsatzkräfte der Polizei stehen vor einem unter Quarantäne gestellten Wohngebäude in Göttingen.

Swen Pförtner/DPA

Zu den großen Irrtümern über die Corona-Krise gehört die Annahme, vor dem Virus seien alle gleich. Man hat diesen etwas kitschigen Satz immer wieder lesen können, vor allem in den ersten Wochen der Pandemie. Da dachte man, alle seien gleichermaßen betroffen, weil einem Virus egal ist, welchen Körper es gerade angreift. Doch wie falsch das Bild von der Krise ist, die eint statt zu spalten, zeigt sich immer deutlicher. Es reicht ein Blick an die Orte, an denen das Virus zuletzt im großen Stil ausgebrochen ist, und man ahnt, dass es in der Corona-Krise einen Risikofaktor für eine Ansteckung gibt: Armut.

Anfangs spielte sich das Infektionsgeschehen in den Skihütten der Ferienorte ab, wo sich meist gutsituierte Reisende ansteckten und das Virus mit nach Hause schleppten. Die Schauplätze der Krise sind längst andere. Das Virus ist gewandert, von den Urlaubsorten in die sozialen Brennpunkte, von den Touristen zu den Billiglöhnern. Es ist in deutschen Schlachtfabriken angekommen, auf Spargelhöfen und in Paketzentren. In Wohnblocks und Flüchtlingsunterkünften. Wo Menschen unter prekären Umständen leben und arbeiten, auf engem Raum, dicht an dicht, entstehen Corona-Hotspots. Dort wird deutlich, dass man sich Infektionsschutz leisten können muss. Dass Abstand halten zu können ein Privileg ist, das einigen Menschen vorenthalten bleibt. Dass nicht alle gleich sind vor dem Virus, weil eine Pandemie nicht gleichmacht, was vorher schon ungleich gewesen ist, sondern soziale Ungerechtigkeiten eher noch verstärkt.

Homeoffice für die Besserverdienenden

Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt, dass während der Pandemie vor allem die Besserverdienenden im Homeoffice bleiben. Wer eine schlechter bezahlte Stelle hat, ist oft einem höheren Risiko ausgesetzt, sich mit dem Virus anzustecken. An der Kasse sitzen, Pakete zustellen, Menschen pflegen: Das alles funktioniert nicht vom heimischen Schreibtisch aus. Die Risiken sind ungleich verteilt in dieser Pandemie, die damit auch eine Krise der Armen ist.

Die Ausbrüche in Schlachthöfen zeigen besonders deutlich, welche Rolle der soziale Status beim Infektionsgeschehen spielt. Nicht nur, dass die meist osteuropäischen Arbeiter gedrängt am Fließband stehen, in gekühlten Hallen, wo Viren leichteres Spiel haben. Oft wohnen sie auch in beengten Sammelunterkünften, in denen sie sich mindestens das Bad teilen. Viele dürften in den Fabriken auch dann noch Fleisch zerlegt haben, als sie längst Symptome bemerkt hatten. Sie wissen, ihr Werksvertrag bedeutet, dass es ohne Arbeit kein Geld gibt, auch im Krankheitsfall. Wer so lebt, ist grundsätzlich gefährdet, während einer Pandemie ganz besonders.

Für Hartz-IV-Empfänger steigt das Risiko

Schon vor Corona galt: Wer wenig Geld hat, lebt ungesünder, stirbt deutlich früher. Arme Menschen leiden häufiger an Übergewicht, Herzbeschwerden und Asthma. Alles Krankheiten, die einen schweren Corona-Verlauf begünstigen. Klar ist: Die Chance, gut durch die Pandemie zu kommen, sinkt mit dem Einkommen. Das Risiko, wegen des Virus ins Krankenhaus zu müssen, erhöht sich bei Hartz-IV-Empfängern im Vergleich zum Erwerbstätigen um fast 85 Prozent, wie eine Analyse des Instituts für medizinische Soziologie am Uniklinikum Düsseldorf zeigt. Für Großbritannien und die USA gibt es Studien, die belegen, dass Arme ein höheres Risiko haben, an Corona zu sterben. Das macht deutlich: Der Kampf gegen das Virus kann erst wirklich effektiv sein, wenn Armut als Risikofaktor ernst genommen wird. Ansonsten wird die Pandemie die Gesellschaft nur weiter spalten.

Die bisherigen Maßnahmen sprechen nicht dafür, dass sich diese Einsicht in der deutschen Politik durchgesetzt hat. Geringverdiener gehören nicht zu den Gewinnern des Konjunkturpakets, und die Corona-App grenzt ganze Teile der Gesellschaft aus, weil die Anwendung nur auf neuen Geräten funktioniert, die sich nicht jeder leisten kann. Gesundheitsvorsorge darf aber kein Luxus sein. Ein Staat, der die Schutzlosen nicht besser schützt, darf sich nicht wundern, dass er die Pandemie nicht kontrollieren kann.

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