Kommentar über die Kirche und Corona

Hoffnung in Zeiten der Krise

Das Coronavirus trifft den kirchlichen Alltag und die Glaubenspraxis an ihrer empfindlichsten Stelle. So kann das Gemeinschaftserlebnis im Gottesdienst nicht gelebt werden, schreibt Marc Hagedorn.
05.04.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Hoffnung in Zeiten der Krise
Von Marc Hagedorn
Hoffnung in Zeiten der Krise

Ein digitaler Gottesdienst ist nur eine von vielen digitalen Möglichkeiten, die die Kirche gerade benutzt.

Sebastian Gollnow

Es war klar, dass die notorischen Spötter sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen würden. Als Papst Franziskus am Freitag vor einer Woche auf den Stufen des Petersdoms im Vatikan den Segen „Urbi et orbi“ sprach, war der Petersplatz leer. Dort, wo sich sonst zu diesem Anlass zehntausende Menschen drängen, war diesmal niemand zu sehen.

Vor allem in den sogenannten sozialen Medien fanden das viele Schreiber sehr lustig. Die Zyniker nutzten dieses Bild, um den Zustand der katholischen Kirche zu illustrieren. Seht her, da steht er, der alte Mann, allein und verlassen. Was für einen traurigen Anblick diese Kirche doch bietet.

Beeindruckendes Zeichen

Wer so denkt, hat allerdings nur wenig oder gar nichts verstanden. Die Corona-Krise ist nicht die Zeit für billige Polemiken oder das Begleichen offener Rechnungen. Das Bild vom einsamen Papst, der vor dem Petersdom den Segen spendet, kann nämlich auch ganz anders gedeutet werden: als Symbol der Hoffnung in einer schweren Zeit für viele Menschen. Der Segen „Urbi et orbi“ ist der feierlichste Segen, den die katholische Kirche kennt, normalerweise wird er nur an Weihnachten und Ostern gespendet. Wenn der Papst dieses nun auch an einem Tag tut, an dem 919 Menschen in Italien an Corona gestorben sind, ist das ein beeindruckendes Zeichen.

Der Mensch sehnt sich in Zeiten wie diesen nach Orientierung und Hoffnung. Sorgen und Nöte bedrücken ihn. Es zählt zu den Kernkompetenzen von Kirche, sich um die Menschen zu kümmern und Halt und Orientierung zu geben. Kirche kann Trost spenden.

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Aber es gibt auch ein großes Problem: Die Kirche hat in der Vergangenheit durch Finanzskandale und Missbrauchsfälle viel Vertrauen verspielt. Und dort, wo sie doch nach dem Vorbild Jesu gehandelt hat, hat sie es nicht flächendeckend vermitteln können. Die katholische und die evangelische Kirche stecken seit Jahren in einer tiefen Krise. Sie verlieren jedes Jahr durch Austritte tausende Mitglieder. Die Zahl der Gottesdienste an den Wochenenden nimmt kontinuierlich ab. Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinkt in einem noch schnelleren Tempo. Gläubige zweifeln, sie sind traurig und wütend.

Und nun treffen auch noch das Coronavirus und seine Auswirkungen den kirchlichen Alltag und die Glaubenspraxis an ihrer empfindlichsten Stelle. Das Teilen von Gottes Wort und das Gemeinschaftserlebnis im Gottesdienst sind zentrale Elemente des christlichen Glaubens, der in dieser Form im Moment nicht gelebt werden kann. Auch wichtige Feste für junge Christen wie Erstkommunion, Firmung und Konfirmation können aktuell nicht stattfinden.

Online-Gottesdienste und Glaubensimpulse über WhatsApp

Trotzdem wenden sich die Menschen nicht ab. Es ist die Zeit der digitalen Alternativen. Pastore verschicken Texte und Glaubensimpulse über WhatsApp oder per Mail. Gemeinden streamen Online-Gottesdienste. Die Menschen entzünden virtuelle Kerzen im Netz und stellen echte Kerzen auf ihre Balkone. Menschen singen am geöffneten Fenster Kirchenlieder, lesen zu Hause in der Bibel und beten mit ihren Familien am Küchentisch.

Dass der Glaube noch lebt, lässt sich sogar messen. Das „Wort zum Sonntag“ spätabends in der ARD und der sonntägliche Gottesdienst am Vormittag im ZDF erreichen für ihre Verhältnisse Top-Quoten zurzeit. Doppelt so viele Menschen wie sonst schalten jetzt dafür den Fernseher ein. Das sollte allen, denen die Kirche am Herzen liegt, Mut machen. Aber es sollte auch nicht dazu verleiten, nun anzunehmen, dass mit der Kirche schon wieder alles gut wird.

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So einfach ist das nicht. Die Kirche wird auch nach Corona in einer Legitimationskrise stecken. Die Gläubigen werden weiterhin Transparenz und Teilhabe fordern. Sie verlangen eine lückenlose Aufklärung der Missbrauchsskandale und eine angemessene Entschädigung für alle Opfer. Hier gibt es noch viel zu tun.

Die Kirche muss auch nach Corona nach starken Bildern suchen, die weit in die Welt hinausstrahlen. Das Problem: Die Bilder verlieren in digitaler Zeit an Kraft. Der Papst allein vor dem Petersdom beim „Urbi et orbi“ war ikonisch, aber das nächste ausdrucksstarke Bild ist nur einen Klick oder einen Post entfernt.

Die Kirche steht weiterhin am Scheideweg. Gut möglich, dass diejenigen, die schon vorher gezweifelt haben, nach Corona feststellen, dass sie die Kirche in dieser Zeit gar nicht vermisst haben. Diese Menschen hätte die Kirche für immer verloren. Denkbar ist aber auch, dass es Menschen gibt, die ihr nach Corona eine neue Chance geben. Sie darf die Kirche nicht enttäuschen.

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