Marina Silva ersetzt verunglückten Sozialisten Eduardo Campos bei Präsidentenwahl Das grüne Gewissen Brasiliens

Knapp eine Woche nach dem tragischen Tod des Präsidentschaftskandidaten Eduardo Campos müht sich Brasilien weiter damit, das Unglück zu verarbeiten. Während Präsidentin Dilma Rousseff Staatstrauer verordnet hatte und der Wahlkampf bis zum heutigen Montag ruhte, sortierten Analysten und Parteien das politische Puzzle 50 Tage vor der Wahl eines neuen Staatsoberhauptes am 5. Oktober.
18.08.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Klaus Ehringfeld

Knapp eine Woche nach dem tragischen Tod des Präsidentschaftskandidaten Eduardo Campos müht sich Brasilien weiter damit, das Unglück zu verarbeiten. Während Präsidentin Dilma Rousseff Staatstrauer verordnet hatte und der Wahlkampf bis zum heutigen Montag ruhte, sortierten Analysten und Parteien das politische Puzzle 50 Tage vor der Wahl eines neuen Staatsoberhauptes am 5. Oktober.

Als Nachfolgerin des bei einem Flugzeugabsturz getöteten Eduardo Campos soll seine Vize-Kandidatin Marina Silva nun ins Rennen um Brasiliens Präsidentschaft gehen, wie am Wochenende inoffiziell bekannt wurde. Die offizielle Nominierung der grünen Ex-Präsidentschaftskandidatin und Umweltaktivistin durch die Gremien der sozialistischen Partei PSB muss spätestens Ende der Woche erfolgen. Silva, die hohes Ansehen in der Bevölkerung genießt, kann Amtsinhaberin Dilma Rousseff die Wiederwahl deutlich schwerer machen, als es Campos geschafft hätte. Schon bei der vergangenen Abstimmung 2010 erzielte die Grüne im ersten Wahlgang als Drittplatzierte unerwartete 20 Prozent der Stimmen und zwang so die spätere Präsidentin Rousseff in eine Stichwahl gegen den damaligen konservativen Bewerber.

Silva bringt eine Biografie und Qualitäten mit, die sie für einen großen Teil der Bevölkerung wählbar machen. Die 56-Jährige stammt aus ärmsten Verhältnissen, war bis zum Alter von 16 Jahren Analphabetin, hat Charisma und gilt als skandalfrei und prinzipientreu. Etwas, das in Brasilien gerade bei Politikern sehr selten vorkommt. Zudem ist sie vom Katholizismus zu einer der evangelikalen Freikirchen konvertiert, wodurch sie auch bei den vielen Millionen Anhängern dieser Religionsströmung gute Karten hat.

Ursprünglich wollte Silva auch dieses Mal wieder wie vor vier Jahren allein kandidieren. Aber die Partei, die sie extra dafür gründete, bekam die notwendigen Unterschriften nicht zusammen. Überraschend schloss sie dann vor zehn Monaten das Bündnis mit Campos und seiner PSB: Das Tandem war am Anfang interessant für Wähler, die vor allem von Rousseff und der regierenden Arbeiterpartei PT enttäuscht waren. Aber in den letzten Umfragen vor seinem Tod blieb Campos weit hinter der Amtsinhaberin und dem konservativen Bewerber Aécio Neves von der PSB zurück. Das könnte sich nun ändern.

Marina Silva ist so etwas wie das grüne Herz der brasilianischen Politik. Hinter der fast zerbrechlich wirkenden Fassade der dunkelhäutigen Frau versteckt sich ein großes Kämpferherz. Silva, die aus einem kleinen Dorf im Bundesstaat Acre mitten im Amazonas stammt, kämpft dafür, dass der Umweltschutz beim zügigen und manchmal auch zügellosen Wachstum Brasiliens nicht völlig unter die Räder kommt. Dafür brach sie vor sechs Jahren mit ihrem langjährigen politischen Gefährten Lula da Silva und anschließend auch mit seiner Arbeiterpartei PT, der sie seit den 80er-Jahren angehörte. Silva war von Januar 2003 bis Mai 2008 Umweltministerin in Lulas Kabinett und kam sich am Ende vor wie das grüne Feigenblatt in seiner Regierung. „Es ist besser, den Job zu verlieren als den gesunden Menschenverstand“, sagte sie damals und verließ die Regierung.

Ihr Frust hatte seinerzeit schon mit Dilma Rousseff zu tun. Die damalige Präsidialamtschefin paukte in Lulas Auftrag ein Programm zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums durch, das teure Staudämme im Amazonas und Flussumleitungen im trockenen Nordosten vorsah. Das wollte Silva nicht mittragen. Ein Jahr später schloss sie sich den Grünen an.

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