Nach Kölner-Messerattacke

"Das ist ein gemeinschaftlich gut organisierter Hass"

Schon vor Monaten hat Andreas Zick gewarnt, dass der Rechtspopulismus darauf drängt, seine Propaganda mit Gewalt durchzusetzen. Der Attentäter aus Köln sehe sich als Vollstrecker dieser Entwicklung.
19.10.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von MARKUS DECKER
"Das ist ein gemeinschaftlich gut organisierter Hass"

Am Tatort der Messerattacke steht noch ein Plakat der schwer verwundeten Kölner Obermeisterkandidatin Henriette Reker.

dpa

Herr Zick, die rechtsextreme Gewalt im Zuge der Flüchtlingskrise schien bisher eher auf den Osten beschränkt. Jetzt hat sie die westdeutsche Hochburg der Liberalität erreicht. Verwundert Sie das?

Andreas Zick: Nein, denn erstens gab es ja auch schon Hasstaten, vor allem Angriff auf Asylunterkünfte, im Westen. Die Gewalt macht nicht vor Landesgrenzen Halt. Zweitens ist die Stimmung in radikalen Gruppen im Westen ebenso auf Aggression und Gewalt orientiert. Wir haben es mit einem deutschen Problem zu tun. Wir sollten uns nicht einreden, dass es irgendwo radikaler als hier ist.

Der Täter von Köln ist 44 Jahre alt, langzeitarbeitslos und war Anhänger der verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei. Ist das ein typisches Profil?

Warten wir ab, wie die psychologische Diagnostik ausfällt. Eventuell kommen psychische Probleme dazu. Allerdings passen, Geschlecht und prekäre soziale Lage ins Bild. Typisch ist die lange Einbindung in eine rechtsextreme Gruppe. Neu ist dagegen die Einzeltat, die wir eher aus dem islamistischen sogenannten Lone-Wolf-Terror kennen, also dem Terror des einsamen Wolfes. Wir werden sehen, der Täter hat sich über Jahre erst in Gruppen, dann zunehmend alleine radikalisiert. Die Tat selbst ist eine ideologische Botschaft und im Amokstil in aller Öffentlichkeit ausgeführt.

Sie haben schon vor Jahren eine starke Zunahme der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit diagnostiziert. Nun wird Gewalt nicht nur propagiert wie beim Pegida-Galgen in Dresden, sondern auch offen ausgelebt. Ist das eine neue Qualität?

Wir haben vor Monaten gewarnt, dass der Rechtspopulismus auf eine gewaltorientierte Durchsetzung der eigenen Propaganda drängt. Wir haben 179 Todesopfer rechtsextremer Gewalt und eine Rechtsterrorgeschichte mit dem NSU. Wir haben allein in diesem Jahr über 500 vorurteilsbasierte Hasstaten. Das ist der Bezugsrahmen, auf den sich der Täter beruft. Er wird sich als Vollstrecker sehen. Er ist ähnlich wie Anders Breivik in Norwegen der Typus des Einzeltäters, den wir eher aus dem islamistischen Terror kennen.

Wie kommt es, dass die Hemmschwelle zur Gewalt derart gesunken ist – auch der verbalen Gewalt? Woher kommen dieser Frust und dieser Hass?

Der Frust und Hass kommt eher später. Menschen, die sich ohnmächtig und unfair behandelt fühlen, können durch Propaganda in einen Zustand überführt werden, indem sie die Art und Weise, wie der Staat Konflikte reguliert, infrage stellen. Frust ist Folge von fehlendem sozialem Einfluss. Lassen sich die Menschen dann durch Propaganda aufheizen, sind alle anderen an der Misere Schuld und man schlägt zu, um das Böse zu beseitigen. Im Netz, auf den Spaziergängen von Pegida ging es immer um Feinde, die bekämpft werden sollen. Wir wollten Sorgen sehen und haben die Aggression nicht bedacht.

Der Verfassungsschutzchef von Sachsen-Anhalt, Jochen Hollmann, hat kürzlich gesagt, die Radikalisierung erreiche zunehmend die bürgerliche Mitte. Und er wisse nicht, wo das noch hingehe. Ist das im Westen auch so?

Das ist überall so. Es gibt höhere Zustimmungen für rechtsextreme und menschenverachtende Meinungen im Osten, aber ein aggressiver Rechtspopulismus ist ebenso im Westen zu finden. Vergessen wir auch nicht, dass die Hassgemeinschaften sehr gut vernetzt und verbunden sind. Ein Kennzeichen war immer, dass dort alle Landesflaggen gezeigt werden. Das ist ein gemeinschaftlich gut organisierter Hass. Im Osten verdichtet, im Westen anschlussfähig.

Es gibt ja Menschen, die behaupten, wenn wir die Flüchtlingskrise in den Griff bekommen – also die Zahl der Flüchtlinge begrenzen –, dann erledigt sich auch das Problem mit dem Rechtsextremismus. Stimmen Sie dem zu?

Hat es sich erledigt, als zu Beginn der 1990er Jahre die Asylgesetze verschärft wurden? Die Zahl der Todesopfer erzählt eine andere Geschichte. Zynischer Weise ist die Vielfalt, die durch Zuwanderung zustande kommt, ein besserer Garant der Demokratiekontrolle. Die alte Idee der Politik, nach rechts zu rücken, ist ein Trugschluss. Man muss die Zivilgesellschaft stärken, die hoch ideologisierte und gewaltorientierte Personen in ihrem Umfeld erkennt. Man sollte daran denken, dass massive Anteile von Nichtwählern radikale Einstellungen haben. Wer mit Vorurteilen spielt, beflügelt sie.

Wie Demokratie-gefährdend ist das alles?

Die Gefahr hat sich doch nun bewahrheitet, oder? Wie viele Opfer brauchen wir noch, um anzuerkennen, dass die Konflikte kaum mehr zu regulieren sind? Die Decke der Zivilgesellschaft ist dünn geworden. Vorurteilsbasierte, ideologische Hasstaten sind ein Ausdruck tiefer Risse und einer weiten Verbreitung von Ungleichwertigkeitsideologien. Solche Taten berufen sich auf ein Umfeld.

Das Gespräch führte Markus Decker

Zur Person: Andreas Zick (53), Sozialpsychologe, leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Mit Wilhelm Heitmeyer veröffentlichte er die Studie „Deutsche Zustände“.

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