Kommentar zur deutschen Geschichte Die Dekolonialisierung beginnt gerade erst

Deutschland hat seine koloniale Vergangenheit lange Zeit verdrängt. Erst in den vergangenen Jahren hat man begonnen, sich dem historischen Erbe zu stellen. Es gibt noch viel zu tun, meint Peter Gärtner.
18.12.2020, 05:00
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Von Peter Gärtner

Es ist gerade einmal gut einhundert Jahre her, da lag der höchste deutsche Berg in Ostafrika – und nicht in Bayern. In Kaiser-Wilhelm-Spitze hatten die deutschen Kolonialherren den Kilimandscharo kurzerhand umgetauft. Damals wurde für Usambara-Kaffee aus Ost-Afrika, Straußenfedern aus Deutsch-Südwest, Zigarren der Marke Herero und feinste Pflanzenbutter der Marke Palmin geworben. „Kauft deutsche Bananen“ konnte die geneigte Kundschaft bis zum Ende des Ersten Weltkriegs lesen, mit dem auch die deutschen „Schutzgebiete“ verloren gingen.

Sinnbildlich für den Streit über den deutschen Kolonialismus steht das Humboldt-Forum in Berlin. Offiziell soll das nachgebaute Berliner Schloss zu „Demokratie und Verständigung“ beitragen. Doch Kritiker monieren, dass im gerade erst eröffneten Forum auch Raubkunst ausgestellt wird, die afrikanische Staaten bereits seit vielen Jahren zurückfordern.

Auch in anderen Museen werden Übersee-Sammlungen gezeigt, von denen viele Schmuckstücke einst als koloniale Raubkunst ins Land kamen. Präsent ist die lange Zeit verdrängte, wenngleich auch kurze deutsche Kolonialgeschichte (1884 bis 1918) vor allem in Straßennamen.

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Besonders geballt tritt sie im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding auf. Die Petersallee erinnert weiterhin an einen der Gründer von Deutsch-Ostafrika, der für seine Gewaltausbrüche gegenüber der indigenen Bevölkerung als „Hänge-Peters“ berüchtigt war. Die Lüderitzstraße wiederum ehrt noch immer – und nicht nur in Berlin - den Bremer Tabakhändler Adolf Eduard Lüderitz, der mit einem betrügerischen Kaufvertrag die Gründung des deutschen Kolonialreichs erst richtig in Schwung brachte. Lüderitz sowie andere Kaufleute und Reeder aus Hamburg und Bremen drängten schon frühzeitig das Kaiserreich zum Erwerb von Übersee-Gebieten – teils aus Furcht vor Zöllen der Kolonialgroßmächte Großbritannien und Frankreich, teils aus der Erfahrung heraus, auf Kosten der Einheimischen und ihrer Rohstoffe glänzende Geschäfte machen zu können.

Eine zumeist lächerlich geringe Kaufsumme stand einem vagen militärischen Schutzversprechen gegenüber, das sich im Zweifelsfall auch gegen die Kolonisierten richtete. So endete die Niederschlagung des Herero- und Nama-Aufstands durch die sogenannte kaiserliche Schutztruppe mit einem Vernichtungsbefehl. Während hierzulande gern auf den türkischen Genozid an den Armeniern hingewiesen wird, bleibt der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) oft unerwähnt. 2018 haben sich CDU/CSU und SPD als erste Bundesregierung überhaupt die „Aufarbeitung des Kolonialismus“ in den Koalitionsvertrag geschrieben.

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Doch die Auseinandersetzung kommt nur schleppend voran. Dabei wirken die kolonialen Machtverhältnisse bis in die Gegenwart. Dazu gehören auch Migrations- und Fluchtbewegungen. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) weist nicht nur auf diese Zusammenhänge hin, sondern verfolgt mit seinen Forderungen für Afrika-Hilfen auch ein aufklärerisches Ziel. Tatsächlich beginnt die Politik der Dekolonialisierung gerade erst. Die entscheidenden Anstöße kamen von der „Black Lives Matter“-Bewegung und von Demonstranten, die Statuen von berüchtigten Sklavenhändlern vom Sockel holten wie im englischen Bristol.

In Deutschland wird inzwischen über die Rückgabe kolonialer Beute gestritten sowie über die Rückführung von Schädeln und Gebeinen, die einst zu rassistischen Forschungszwecken ins Land gebracht wurden. Über die symbolische Umwidmung von Straßennamen, die an weiße deutsche Kolonialverbrecher erinnern, aber ursprünglich als eine besondere Ehrung gedacht waren, wird hingegen schon lange debattiert. Viele Carl-Peters-Straßen wurden umbenannt, aber die Chance für einen Perspektivwechsel hin zur Verwendung der Namen von schwarzen Bürgerrechtlern wurde zumeist vertan. Doch zur Aufarbeitung der Geschichte gehört vor allem die konkrete Aussöhnung. Und die hat ewig gedauert: 2015 erkannte das Auswärtige Amt erstmals die Massaker an Herero und Nama als Völkermord an.

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