Bischof Huber über die deutsche Wirtschaft

„Das Lügen muss ein Ende haben“

Wolfgang Huber, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, spricht über Wirtschaftsethik - und verrät, weshalb er von der Entwicklung des Kirchentags enttäuscht ist.
11.08.2017, 19:49
Lesedauer: 4 Min
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Von Benjamin Lassiwe
„Das Lügen muss ein Ende haben“

Bischof a.D. Wolfgang Huber feiert heute seinen 75. Geburtstag.

dpa

Bischof Huber, als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland haben Sie sich immer um gute Kontakte zur Wirtschaft und ein intensives Engagement der Kirche in der Wirtschaftsethik bemüht. Wie sehen Sie den Dieselskandal?

Wolfgang Huber: Ich habe mit so etwas nie gerechnet. Das kann ich sogar für mich ganz persönlich sagen, denn ich fahre seit vielen Jahren ein Dieselauto. Deswegen fühle ich mich heute auch mitbetrogen. Aber das ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, dass die Notwendigkeit wirtschaftsethischer Klärung und Orientierung vor zehn Jahren in der Finanzmarktkrise offenkundig geworden ist. Heute kommt heraus: Diejenigen, die gemeint haben, wir hätten diese Krise schnell überwunden und gehen nun zu „Business as Usual“ über, und wieder interessieren nur die „Stakeholder Values“ und keine inhaltlichen Werte – die haben nun die Quittung dafür bekommen.

Wer trägt Ihrer Meinung nach die Schuld an dem Skandal?

Es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Ursache der Krise in Deutschland liegt. Die Ursache liegt in der Wirtschaft. In der Finanzmarktkrise wurde ja noch über Staatsversagen gesprochen – aber der Dieselskandal ist eindeutig Wirtschaftsversagen. Natürlich muss sich der Staat fragen lassen, ob er wirksam den Augiasstall ausmistet. Aber der Dieselskandal zeigt, dass es eine eigenständige Verantwortung der Wirtschaft dafür gibt, mit Fragen der Compliance und mit eigener Verantwortung umzugehen.

Was sollte die Wirtschaft nun machen? Was wäre jetzt dran?

Nachhaltigkeit, Verantwortung und Transparenz sind für mich die drei Leitgedanken. Es muss jetzt an einem Konzept der Mobilität gearbeitet werden, das nachhaltig ist. Die Automobilindustrie wird in Deutschland nur dann eine Schlüsselindustrie bleiben, wenn sie über die Jahre 2030 und 2040 hinaus schaut, mit einem Konzept, das umweltverträglich und zugleich sozial verträglich ist. Es muss Verantwortung übernommen werden. Es darf nicht nur an den eigenen Profit gedacht werden, es muss auch an die Zulieferer und Händler gedacht werden, die sich heute oft selbst betrogen fühlen. Und natürlich an die Verbraucher. Vor allem aber muss das Lügen ein Ende haben. Man darf nicht weiterhin Geräte so programmieren, dass sie lügen, um selbst vermeintlich ein gutes Gewissen zu haben.

In Ihre Zeit als Ratsvorsitzender fällt die Eröffnung der Lutherdekade 2008 in Wittenberg. Damals sagten Sie, die folgenden Jahre sollten in der Kirche eine „Dekade der Reform“ sein. Ist das eingetreten?

Rückblickend muss man einräumen, dass der Aspekt des Reformationsjubiläums in diesem Jahrzehnt stärker war als der Aspekt der Reformen in der Kirche. Die Hoffnung, dass sich beides miteinander verbinden würde, hat sich nicht ganz erfüllt. Es sind zwar viele wichtige Dinge aus den Reformanstößen der Vorjahre weitergeführt worden. Aber die nötigen Folgeschritte wurden durch die großen Anstrengungen für das Jubiläum überlagert. Wir hatten uns ja das anspruchsvolle Konzept einer Dekade mit zehn Jahresthemen und einer Steigerung hin auf das Jubiläumsjahr vorgenommen. Aber im Blick auf nötige Reformen lässt sich feststellen: Es gibt auch nach dem Jubiläumsjahr noch etwas zu tun.

Ein Ereignis im Rahmen des Reformationsjubiläums war die Begegnung von Papst Franziskus mit dem Lutherischen Weltbund im schwedischen Lund. Wie bewerten Sie heute diesen Moment?

Dieser Moment hat mich berührt, weil er in der ganzen Welt Auswirkungen hat. Ich habe in Neuseeland einen Gottesdienst zur Feier des Reformationsgedenkens miterlebt, bei dem eine dänische lutherische Pfarrerin und ein katholischer Bischof die liturgische Leitung hatten, und in dem ich predigen durfte. Befremdlicherweise lehnt die lutherische Kirche Neuseelands die Frauenordination ab. Aber eine reformierte Gemeinde hatte die dänische lutherische Pastorin für Neuseeland eingeladen – und der katholische Bischof hatte keine Probleme, sich darauf einzustellen. Die Weite und Großzügigkeit, die Papst Franziskus in seinem Umgang mit der Ökumene ausstrahlt, drückte sich im fernen Neuseeland in einem Gottesdienst, dem die Liturgie von Lund zugrunde gelegt wurde, in einer überzeugenden Weise aus.

Glauben Sie, dass aus Lund noch mehr erwachsen kann – beim Stichwort Eucharistie und Abendmahl zum Beispiel?

Ich glaube, dass die nächsten Schritte eher dezentral passieren werden. Mein Gefühl ist, dass Papst Franziskus die Spielräume einzelner Bischofskonferenzen für ökumenisch relevante Entscheidungen erweitern möchte, und diesen Weg für erfolgversprechender ansieht, als einen zentralen Weg für die ganze Weltkirche und einen Durchbruch durch ein Machtwort des Papstes.

Ist das nicht ein Weg, den die EKD schon immer angemahnt hat?

Ja, das ist so. Und für unseren Bereich gibt es dazu einen dringenden Anlass: Wir bereiten uns auf den Dritten Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt/Main 2021 vor. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir diesen Kirchentag begehen werden, ohne dass im Bereich der eucharistischen Gastbereitschaft ein Durchbruch erzielt worden ist oder bei diesem Anlass erzielt wird. Bis zum Dritten Ökumenischen Kirchentag muss sich hier etwas bewegen. Und wenn man vermeiden will, dass dieses Thema die Wirkung dieses Ereignisses völlig überschattet, muss man dafür sorgen, dass von dem Ökumenischen Kirchentag eine Wirkung ausgeht, die es mit Licht und nicht mit Schatten zu tun hat.

Sie waren selbst Kirchentagspräsident. Wie sehen Sie die Kirchentagsbewegung heute?

Bevor ich 1993 zum Bischof gewählt wurde, war es für mich selbstverständlich, aus dem Präsidium des Kirchentags auszuscheiden. Denn für mich ist die Kirchentagsbewegung davon geprägt, dass sie eine Laienbewegung ist, die mit der verfassten Kirche kooperiert – aber auf der Basis wechselseitiger Freiheit. Im Vergleich mit dieser Tradition hat das Reformationsjubiläum dazu beigetragen, dass man in diesem Jahr das Gefühl bekam, der Kirchentag in Berlin und Wittenberg sei eigentlich gemeinsame Veranstaltung von verfasster Kirche und Kirchentag. Vom alten Gegenüber von Kirche und Kirchentag war nach außen nichts mehr erkennbar.

Vermissen Sie den Stachel des Kirchentags im Fleisch der Kirche?

Man kann die Dynamik der öffentlichen Diskussionen der 1980er-Jahre sicher nicht mit der Dynamik der 2010er-Jahre vergleichen. Sicher ist es heute schwieriger, diesen Stachel zur Geltung und dieses unabhängige Feuer zum Leuchten zu bringen. Wenn ich mir das Miteinander von Kirchentag und verfasster Kirche anschaue, wünschte ich mir heute etwas mehr Reibung. Denn Reibung erzeugt Feuer.

Das Interview führte Benjamin Lassiwe.

Zur Person: Wolfgang Huber ist einer der wichtigsten Vordenker des deutschen Protestantismus. Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende und Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz wird an diesem Sonnabend 75 Jahre alt.

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