Interview mit Anja Stahmann „Das Outing eines Fußballers würde uns stolz machen“

Anja Stahmann ist unter anderem Senatorin für Sport in Bremen. Im Interview spricht sie über ihre Sport-Affinität, die Sportministerkonferenz und das Vereinsleben in Bremen.
18.01.2019, 22:04
Lesedauer: 6 Min
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Von Jörg Niemeyer Mathias Sonnenberg

Frau Stahmann, Sie sind die einzige Senatorin, die keinen Dienstwagen in Anspruch nimmt. Muss eine Sportsenatorin in Bremen mit dem Fahrrad fahren?

Anja Stahmann: In diesem Job sitzt man ja wirklich viel, und ich werde dann immer rappelig. Deshalb muss ich mich zwischendurch bewegen, das geht am besten mit Radfahren und Laufen. Unterwegs treffe ich immer wieder Leute, mit denen ich kurz schnacken kann. Außerdem wohne ich in Walle, da ist die Anbindung mit der Straßenbahn an meinem Arbeitsplatz hier am Bahnhof bestens. Ich brauche keinen Dienstwagen.

Dann war das eine bewusste Entscheidung?

Ich hatte zunächst einen Dienstwagen und Fahrer, das war einfach so. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass viele Wege in der Stadt keinen Sinn machen mit dem Auto. Deshalb gibt es jetzt keinen Dienstwagen mehr. Zu Terminen im Bundesgebiet fahre ich mit dem Zug.

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Wie groß ist denn Ihre Sport-­Affinität?

Sehr groß, ich gehe aber nicht nur ins Weserstadion und schaue mir Werder-Spiele an. Ich schwimme regelmäßig, fahre Fahrrad, (lacht) allerdings keine Rennen. In meiner Studienzeit habe ich Tischtennis und Volleyball gespielt. Aber das ist dann immer weniger geworden. Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, versuche ich, wieder regelmäßig zu schwimmen. Der Bademeister im Waller Bad hat mich schon ermahnt, dass er 2019 fest mit mir rechnet. Das ist Motivation genug.

Sportsenatorin sind Sie jetzt seit knapp dreieinhalb Jahren. Ist Ihnen der Posten ans Herz gewachsen?

Auf jeden Fall, gerade das Zusammenspiel Soziales und Sport empfinde ich als großen Gewinn. Und da haben wir den Mehrwert noch nicht ausgeschöpft, es gibt noch große Synergiepotenziale. Ich bin in Bremer­haven-Wulsdorf ausgewachsen, da wur­de man von seinen Eltern einfach beim TSV Wulsdorf angemeldet, das war einfach so. Als Kind ging man in einen Sportverein. Das ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

Sind Sie vom Sport überrascht worden?

Die Vielfältigkeit hat mich schon überrascht, aber auch der Organisationsgrad der Menschen, die sich engagieren. Und wer einmal dabei ist, der bleibt seinem Sport und seinem Verein treu. Das ist ein hohes Gut. Jetzt müssen wir es schaffen, dort auch kontinuierlich für Nachwuchs zu sorgen. Und Vereine müssen bereit sein, sich auch für neue Sportarten zu öffnen.

Muss das Sportressort da nicht größere Hilfe leisten für die Vereine?

Da tun wir ja schon viel, auch im Austausch mit dem Landessportbund. Auf der Sportministerkonferenz, der Bremen ja nun bis Ende 2020 vorsitzt, geht es immer wieder darum, dass der Bund Gelder bereitstellt, um die maroden Sportstätten in den Kommunen zu sanieren. Da wünscht sich der Bürger, dass Politik aktiver wird. Ein Wunsch, den ich teile. Aber wir haben hier in Bremen auch schon einiges hingekriegt, zum Beispiel die Erhöhung der Übungsleiterpauschale.

Vorsitzende der Sportministerkonferenz, was bedeutet das überhaupt?

Wir werden erst mal viele Veranstaltungen hier in Bremen haben, zur Sportminister­konferenz 2019 wird dann hoffentlich auch Horst Seehofer als Innenminister erscheinen. Das gehört eigentlich zum guten Ton. Ich werde viel Zeit in Berlin verbringen, gerade wird die Leistungssportreform unter Dach und Fach gebracht. Wir werden die Sportreferenten der Länder häufig hier in Bremen zu Gast haben, die mögliche Reformen vorbereiten.

Welche Impulse wollen Sie setzen?

Beim Thema E-Sport habe ich den Finger gehoben und gesagt, dass wir das Thema aufgreifen. Dazu wird es im Februar eine Podiumsdiskussion in Berlin geben. Das Thema ist ja durchaus brisant, denn viele fragen sich, ob das wirklich noch Sport ist oder eine rein kommerzielle Veranstaltung. Es geht ja auch um eine interessante Werbegruppe mit den 15- bis 45-Jährigen. Dieses Thema ist polarisierend, das mag ich.

Was können denn normale Sportvereine vom E-Sport lernen?

Die Grundsatzfrage ist ja: Hat Sport nicht was mit Bewegung zu tun? Es gibt diese Debatte auch beim Schach. Beim E-Sport müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass junge Leute in einen Wettbewerb treten und sich mit Strategien beschäftigen. Es gibt auch Spiele-Plattformen, bei denen man sich vor dem Bildschirm sehr koordiniert bewegt. Kegeln zum Beispiel ist im analogen Leben vom Aussterben bedroht, vielleicht hat es aber als E-Sport eine Zukunft.

Wie stehen Sie selber zum E-Sport?

Ich tue mich da schwer, denn Sport hat für mich durchaus was mit schwitzen und anstrengen zu tun. Aber die Lebenswirklichkeit der E-Sportler ist eben eine andere, das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Da verändert sich was in der Gesellschaft. Ich finde es gut, dass beispielsweise der Bremer Fußball-Verband offensiv mit E-Sport umgeht und nicht die Klappen einfach runterlässt. Der Deutsche Olympische Sportbund dagegen spricht von Gaming, nicht von Sport. Auf jeden Fall müssen wir diese Diskussion führen.

Was steht noch auf Ihrer Vorsitz-Agenda?

Sexuelle Übergriffe im Sport sind ein wichtiger Punkt. Die Kirchen haben das Thema aufgearbeitet und arbeiten es noch auf, im Kulturbereich gibt es die Me-too-Debatte, die zu kontroversen Diskussionen geführt hat. Im Sport gibt es eine Studie, bei der zwischen 60 und 70 Prozent der befragten Männer und Frauen gesagt haben, dass sie schon mal mit dem Thema sexuelle Belästigung konfrontiert worden sind.

Was heißt das für Sie?

Im Sport geht es ja in den Nahbereich, da verwischen leicht die Grenzen. Junge Sportler fragen sich beispielsweise, was im Training noch Hilfestellung ist und was schon Fummelei. In den Bremer Sportvereinen setzt man sich schon mit dem Thema auseinander. Aber bundesweit haben nur 50 Prozent der befragten Vereine gesagt, dass das Thema etwas mit ihnen zu tun hat. Sportvereine müssen sich bewusst sein, dass es zu sexuellen Übergriffen kommen kann und deshalb sensibilisiert sein. Ist kein erfreuliches Thema, aber damit müssen wir uns beschäftigen.

Werden Sportvereine dadurch nicht stigmatisiert?

Es geht darum, dass in Sportvereinen aufgeklärt wird. Kinder und Jugendlichen sollen ermutigt werden, sich zu wehren. Stigmatisieren würde ich das nicht nennen.

Werden Sie dafür sorgen, dass mehr Geld für die Renovierung maroder Turnhallen ausgegeben wird?

Das ist ja häufig das gleiche Spiel: Wollen die Länder Geld vom Bund, dann heißt es aus Berlin: Liebe Länder, ihr legt immer Wert auf den Föderalismus, seht mal zu, wie ihr das selber hinbekommt. Diese Auseinandersetzung mit dem Bund aber wird geführt. In Bremen und vielen anderen Kommunen wurde viel Infrastruktur in den 1960er- und 1970er-Jahren errichtet und seitdem zu wenig renoviert. Wir brauchen Geld vom Bund, dem es finanziell gut geht und der deshalb eine Schippe drauflegen könnte.

Wie sehen Sie die Turnhallen-Situation in Bremen?

Die städtischen Sportstätten, für die ich verantwortlich bin, sind im mittleren bis guten Zustand, auch die Hallen. Aber es gibt im Bereich der Schulturnhallen einen Sanierungsstau. Es gibt nach wie vor Schmuddel-Turnhallen, wo es keinen Spaß macht, Sport zu treiben. Da stinkt es, man kann nicht duschen oder die Toiletten abschließen, das darf nicht sein. Bremen braucht ein Turnhallen-Kataster, damit wir sehen, wo der Renovierungsbedarf am größten ist. Ich erhoffe mir ein höheres gesellschaftliches Bewusstsein, dass wir überall gute Turnhallen für den Sport brauchen.

Überspitzt gesagt: Marode Autobahnen werden sofort renoviert, dreckige Turnhallen einfach gesperrt.

Das ist sehr überspitzt. Wir haben zahlreiche Schulturnhallen saniert, nachdem wir sie als Unterkünfte für Geflüchtete genutzt haben. Und das Bewusstsein im Senat hat sich schon verändert. Karoline Linnert hat auf dem Neujahrsempfang als Finanzsenatorin gesagt, dass mehr Geld für die Renovierung von Turnhallen ausgegeben werden soll. Es wird also noch mehr passieren.

Was können Sie versprechen?

Mit Versprechungen muss man vorsichtig sein, aber natürlich würde mich eine Erhöhung des Sporthaushalts freuen. Ich werde mich dafür einsetzen. Im Moment sind es jährlich knapp zehn Millionen Euro, und mir fallen viele Projekte ein, für die sich finanzielle Unterstützung lohnen würde.

Die Insolvenz des Hastedter TSV hat viele Bremer Sportler aufgewühlt. Ist das Vereinsleben so schwierig geworden?

Ich möchte das nicht verallgemeinern. Es gibt Vereine, die wachsen, andere haben Probleme mit Mitgliederschwund und können sich eine Fusion mit einem anderen Verein vorstellen.

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Was wollen Sie in zwei Jahren erreicht haben, wenn Ihr Vorsitz endet?

Ich möchte auf jeden Fall, dass wir dann eine intensive Debatte über Homosexualität und Transsexualität im Sport geführt haben. Mir ist an einer bundesweit einheitlichen Haltung zum Thema E-Sport gelegen, weil es da ja auch um Fördergelder geht und nicht jedes Bundesland so für sich rummuddeln sollte. Und dass alle anderen Bundesländer dann wissen, was Bremen für ein tolles Sportland ist.

Ist Homosexualität im Sport nicht in erster Linie ein Problem des Profifußballs? Es gibt viele Sportarten, in den Homosexualität längst akzeptiert und gelebt wird.

Das stimmt. Verantwortliche im Profifußball warnen dagegen vor dem Outing. Andererseits gibt es in den Stadienkurven immer häufiger Choreographien, die sich gegen Homophobie wenden. Das hat es früher ja nicht gegeben, da tut sich also was.

Würden Sie einem Fußballer von Werder Bremen raten, sich zu outen?

Ich würde ihm sagen, dass er vor nichts Angst haben muss, wir ihn unterstützen und stolz wären als Bundesland. Es wird im Fußball viel über Sexualität gesprochen. Die neue Freundin, wer noch mal Vater wird. Fünf bis zehn Prozent der Menschen sind homosexuell. Niemand soll sich schämen müssen, weil er sagt: Ich liebe Männer! Auch ein Fußball-Profi nicht.

Das Gespräch führten Mathias Sonnenberg und Jörg Niemeyer.

Info

Zur Person

Anja Stahmann (51) ist seit 2011 Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen, 2015 kamen noch die Ressorts Integration und Sport hinzu. Die Grünen-Politikerin ist verheiratet und hat zwei Kin­der. Bis Ende 2020 hat sie den Vorsitz der Sportministerkonferenz.

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