Kommentar über Original und Fake

Das Plagiat hat keine Chance

Die CSU versucht verkrampft, in der Asylpolitik gegen die AfD zu punkten. Das kann nicht klappen, meint Norbert Holst. Im Zweifel entscheidet sich der Wähler für das Original - nicht für die Kopie.
28.07.2018, 20:31
Lesedauer: 3 Min
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Das Plagiat hat keine Chance
Von Norbert Holst
Das Plagiat hat keine Chance
Marco Petig

Original ist Original. Das ist beim Schwarzwälder Schinken so, beim Cognac aus dem gleichnamigen Weinbaugebiet, und echter Feta ist nur in einer Salzlake gereifter Schafskäse aus Griechenland. Bei Lebensmitteln ist die Unterscheidung zwischen Original und Kopie vergleichsweise einfach – vor allem seitdem es die EU-Herkunftsbezeichnung mit Gütesiegel gibt. In der Politik allerdings ist die Unterscheidung ein wenig schwieriger.

So versucht die CSU in Bayern seit Monaten, der AfD in der Asylpolitik Paroli zu bieten. Es geht Schlag auf Schlag: eigene Grenzpolizei, ein neues Landesamt für Asyl, am Mittwoch nehmen die umstrittenen Transferzentren ihre Arbeit auf. Die Eile hat einen Grund: Im Oktober wird gewählt, die Christsozialen fürchten Ungemach.

Dabei haben sie sich verdammt viel Mühe gegeben. In Berlin wurden Landesgruppenchef Alexander Dobrindt und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer von der Leine gelassen, schwurbelten über „Anti-Abschiebe-Industrie“ und „Asyltouristen“, Parteichef Horst Seehofer entfachte eine veritable Regierungskrise in Berlin, Ministerpräsident Markus Söder hängte Kreuze auf. Alles für die Katz: Die CSU rutschte in Umfragen sogar unter die 40-Prozent-Marke. Eine Katastrophe für eine Partei, die glaubt, ein naturgegebenes Recht auf die absolute Mehrheit im Landtag zu haben.

Im Zweifelsfall folgt die Masse der Wähler eben jener Partei, die er für das Original hält. Das Plagiat hat keine Chance. Ein Blick nach Sachsen hätte die CSU-Strategen warnen können. So versuchte die CDU unter Ministerpräsident Stanislaw Tillich, die aufstrebende AfD mit ihrer damaligen Chefin Frauke Petry in Schach zu halten. „Die Menschen wollen, dass Deutschland Deutschland bleibt“, so einer von Tillichs sinnent­leerten Lieblingsparolen. Das Ergebnis: Die AfD wurde bei der Bundestagswahl mit 27 Prozent der Zweitstimmen die stärkste Kraft, der Ministerpräsident musste zurücktreten. Gegenwärtig ist die Lage noch bitterer: Es bräuchte ein Vier-Parteien-Bündnis, um in Sachsen eine stabile Regierung ohne AfD bilden zu können.

Der Hang zum politischen Plagiat ist keine Erfindung der Gegenwart. So versuchten CDU und SPD in den 80er-Jahren, die damals noch jungen Grünen klein zu halten. Tenor: Die stellten zwar die richtigen Fragen, hätten aber die falschen Antworten. Die SPD zauberte im Saarland den Anti-Akw-Aktivisten Jo Leinen als Umweltminister aus dem Hut, Helmut Kohl machte auf Bundesebene Klaus Töpfer zum Ressortchef – der sprang sogar in den Rhein, um für christdemokratisches Öko-Know-how zu werben. Genutzt hat der Fake nichts, die Grünen zogen in immer mehr Landtage ein.

Auch auf der linken Seite des politischen Spektrums bleibt das Original das Original. SPD-Spitzenmann Wolfgang Jüttner hatte im niedersächsischen Landtagswahlkampf 2008 keck bei der Linken geklaut: Er ging mit der Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn an den Start. Ergebnis der Usurpation: Jüttner verlor krachend gegen CDU-Ministerpräsident Christian Wulff, die Linke schaffte überraschend den Sprung in den Landtag.

Das Original für eine Mitte-orientierte CDU ist Angela Merkel. Das sah die FDP im Bundestagswahlkampf 2013 auch so. Wenige Tage vor der Wahl, als die Umfragen einbrachen, kamen die Liberalen auf die wenig kreative Idee, mit der Kanzlerin auf Zweitstimmenfang zu gehen. Das konnte nicht gut gehen: Wer Merkels dritte Amtsperiode wollte, wählte die CDU-Chefin auf direktem Weg. Und die FDP verbrachte vier Jahre in der außerparlamentarischen Opposition.

Eigentlich ist es ganz banal: Wenn man beim Eiersuchen zu Ostern nur den älteren Geschwistern hinterherläuft, die die Eier finden, dann ist das keine gute Strategie für den eigenen Erfolg. Ebenso wenig ist es ratsam, dem Wähler einzubimsen, dass man doch selbst das Original sei. So machte es Martin Schulz im vergangenen Bundestagswahlkampf. O-Ton: „Wenn Frau Merkel als geschäftsführende Vorsitzende einer stark sozialdemokratisch geprägten Bundesregierung sozialdemokratische Politik macht, ist das schön. Daher sollten die Bürger besser das Original wählen – und das bin ich.“ Die Wähler schickten Schulz daraufhin in den wohlverdienten politischen Vorruhestand.

Geht’s noch schlimmer? Ja. Etwa wenn SPD-Chefin Andrea Nahles ihre Genossen warnen muss, nicht die Grünen zu imitieren. So geschehen am Sonnabend im Interview mit dem „Münchner Merkur“. Arme, arme ehemalige Volkspartei.–

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