Kommentar über den deutschen Irak-Abzug Das Problem mit der „German Angst“

Der Abzug der Bundeswehrausbilder aus dem Irak ist für Birgit Svensson eine Angstreaktion. Die Nahostkorrespondentin für den Weser-Kurier findet, dass gerade jetzt Deutschland eine wichtige Rolle dort einnehme.
12.01.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Das Problem mit der „German Angst“
Von Birgit Svensson

Die „German Angst“ ist mittlerweile fester Bestandteil der englischen Sprache. Als geflügeltes Wort charakterisiert es einen deutschen Gemütszustand. Treffend, wie es die neuerlichen Ereignisse zeigen. Da gibt es eine Entscheidung des irakischen Parlaments, wonach alle ausländischen Truppen das Land verlassen sollen. Der Beschluss besagt aber auch, dass Militärberater und Ausbilder davon ausgenommen werden. Was machen die Deutschen? Sie ziehen ihre Ausbilder ab. Angeblich, weil die Volksvertreter das so wollen. Doch diese hatten die Amerikaner im Blick, vielleicht noch die Türken, aber definitiv nicht die Deutschen.

Nun sind aber – in Windeseile und ohne eine Stellungnahme der irakischen Re­gierung abzuwarten – bereits deutsche Soldaten aus dem Irak abgezogen worden. Am Dienstag waren es 32 Soldaten aus dem Zentralirak, die nach Jordanien ausgeflogen wurden, weitere sollen ­folgen. Aus dem Nordirak sind ebenfalls 26 der derzeit 120 deutschen Soldaten nach Kuwait abgereist. Auch hier sollen weitere folgen. Sie wurden in ein sicheres Nachbarland gebracht, heißt es offiziell.

In dem Wort „sicher“ indes steckt der wahre Grund des überhasteten Abzugs. Nicht der Parlamentsbeschluss und der damit verbundene sofortige Gehorsam ist die Motivation des deutschen Rückzugs, sondern die Angst um die Sicherheit der Soldaten. Die Angst!

Deutschland hat nichts mit dem Konflikt am Hut

Angst kann hilfreich sein, aber auch hinderlich. Wer Angst hat, ist nicht leichtsinnig, sondern vorsichtig. Doch wenn sie die Seele auffrisst, dann ist sie destruktiv. Und das tut sie gerade. Die Raketen in Bagdad zielten alle auf amerikanische Ziele, die US-Botschaft oder Militärbasen, wo sich amerikanische Soldaten aufhalten. Es ist der Konflikt zwischen Amerika und Iran, der im Irak ausgetragen wird. Deutschland hat damit nichts zu tun. Und doch ist der Abzug der Deutschen für viele Iraker ein Zeichen dafür, dass sich die Bundesrepublik den Amerikanern verbunden fühlt. Warum sonst würden „die abziehen“, fragt man sich in Bagdad. Also stecken die doch unter einer Decke?

Dass die Deutschen sensibler reagieren, wenn ein Schuss fällt, ist der Geschichte zuzuschreiben. Aber es ist schwer verständlich in einem Land, in dem sogar zu Hochzeiten oder sonstigen Festen geschossen wird und das Schießeisen zum Alltag gehört. Letztendlich war es George W. Bush, der nach dem Einmarsch in den Irak gegen den Willen der britischen Besatzer im Süden durchsetzte, dass jeder Iraker das Recht auf eine Waffe haben müsse – wie in den USA auch.

Die Chance der Entwaffnung eines seit dem Iran-Irak-Krieg in den 1980er-Jahren vom Westen hochgerüsteten Landes wurde versäumt. Es war deshalb leicht, einen bewaffneten Widerstand zu organisieren, einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen, Al Kaida hochkommen zu lassen und schließlich den IS. Der Irak hatte Waffen im Überfluss. Und hat es auch heute noch. Wenn also die Deutschen mit ihren Waffen abziehen, kommt dies einer Kapitulation gleich, und nicht wenige Iraker fühlen sich im Stich gelassen.

Dabei ist gerade Deutschland jetzt gefragter denn je. Mit den Deutschen können alle reden: die Iraner, die Amerikaner und die Iraker gleichermaßen, ob Sunniten, Schiiten, Christen oder Kurden. Nicht umsonst sehen so viele Iraker Deutschland als das gelobte Land an und haben viel Schreckliches auf sich genommen, um dorthin zu fliehen. Um den Irak zu retten und die Lage nicht noch weiter eskalieren zu lassen, braucht es jemanden, der Frieden kann und nicht Krieg. Das haben die Deutschen in den vergangenen 75 Jahren bewiesen.

Europäische Außenminister sehen Handlungsbedarf im Irak

So ist es richtig, wenn Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer jetzt die Einsicht hat, dass die Ausbildungsmission der Bundeswehr im Irak weitergehen muss. Und auch die europäischen Außenminister schätzen die Lage im Irak als prekär ein und meinen, Handlungsbedarf ausgemacht zu haben. „Vor allem Irak droht unter die Räder der amerikanisch-iranischen Konfrontation zu geraten“, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas nach dem Treffen mit seinen EU-Kollegen in Brüssel am Freitag, „und damit auch die hart erkämpften Erfolge bei der Stabilisierung und der Bekämpfung des IS“.

Angesichts der Tatsache, dass Deutschland Milliarden in den Wiederaufbau und die Stabilisierung Iraks steckt, ist dies folgerichtig und gebietet dringend eine Vermittlerrolle, wenn man nicht will, dass alle Mühe der vergangenen Jahre umsonst gewesen sein soll. So gilt es, die „German Angst“ zu besiegen und die Soldaten nebst zivilen Aufbauhelfern in den Irak zurückzuschicken.

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