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Das Recht auf Bildung

Als Murat Cil 2006 das erste Mal nach Bangladesch reist, ist er entsetzt. Entsetzt, weil Kinder mit dünnen Armen und kleinen Händen Steine schleppen, in den Textilfabriken helfen oder auf dem Feld Schwerstarbeit leisten.
15.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Marie-Chantal Tajdel
Das Recht auf Bildung

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Als Murat Cil 2006 das erste Mal nach Bangladesch reist, ist er entsetzt. Entsetzt, weil Kinder mit dünnen Armen und kleinen Händen Steine schleppen, in den Textilfabriken helfen oder auf dem Feld Schwerstarbeit leisten. Entsetzt ist der Vater von zwei Töchtern auch, weil Mädchen in Bangladesch wertlos sind. „Ihre Eltern haben oft nicht mal eine Handvoll Reis für sie übrig“, erzählt der Oberarzt am Bremer St.-Joseph-Stift. Deshalb würden viele schon mit neun, zehn oder elf Jahren verkauft und dann für die Arbeit in reichen Haushalten versklavt.

Murat Cil hat deshalb 2014 gemeinsam mit Ali Suruz Syed, einem Freund aus Jugendtagen, die Hilfsorganisation „Kinder in Bangladesch“ gegründet. Das südasiatische Land ist eines der bevölkerungsreichsten der Welt. 161 Millionen Menschen leben auf einer Fläche, die vielleicht doppelt so groß ist wie Bayern. 70 Prozent dieser Fläche ist noch dazu regelmäßig überschwemmt. Dadurch wird die Ernte vernichtet. Das Land gilt deshalb auch als eines der ärmsten der Welt. Dabei ist Bangladesch nach China der größte Textilexporteur weltweit. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen entstammen mehr als 80 Prozent der Einnahmen aus dem Export für die Bekleidungsbranche. Der Industriezweig beschäftigt ungefähr 4,2 Millionen Arbeiter, davon sind 80 Prozent Frauen. Trotzdem werden die Waren in Bangladesch unglaublich billig produziert. Die Näherinnen in den Textilfabriken bekommen 60 Euro im Monat. Für viele reicht der Lohn nicht zum Leben.

Darüber hinaus müssen laut der Kinderhilfsorganisation Unicef fünf Millionen Kinder für den Unterhalt der Familie mitarbeiten. Sie bekommen meist nur einen Hungerlohn und werden für mühevolle und monotone Arbeiten eingesetzt. „Das Schlimmste ist jedoch, dass die Kinder dem Kreislauf der Armut aus eigener Kraft kaum entkommen können“, sagt eine Unicef-Sprecherin. Um sie auf eine normale Schule zu schicken, fehle den Familien das Geld – und die brauchen wiederum die Arbeitskraft ihrer Kinder, um zu über-
leben.

Um den Menschen aus dieser Misere zu helfen, gebe es einen Schlüssel, sagt Murat Cil: Bildung. „Wer lesen und schreiben kann, hat eine Chance“, so der Augenarzt. Bereits im Jahr 2006 hatte er gemeinsam mit seinem bengalisch-stämmigen Freund von dessen Vater die Verantwortung für die Oberschule „Saleha Katun“ übernommen. Zunächst waren 15 Kinder in einem kleinen Haus untergebracht. Da sich immer mehr Eltern und Kinder für die Schule interessierten und die beiden Freunde die Schule vergrößern mussten, gründeten sie 2014 den Verein „Kinder in Bangladesch“. Über Spenden finanzierten sie ein neues Schulgebäude. Dort wurden schließlich 500 Schülerinnen und Schüler der 5. bis 10. Klassen unterrichtet.

Dabei versucht der Verein die Eltern zu überzeugen, dass Kinder nicht in die Fabrik, sondern in die Schule gehören. „Ich möchte, dass die Kinder zu Ärzten und Lehrern werden und dort irgendwann in ihrem Land selber helfen können“, sagt Murat Cil. Monatlich etwa zwei Euro pro Kind genügen für den Schulbesuch. Das Geld reicht für Lehrergehalt, Mittagessen, Schuluniform, Bücher, Hefte und Stifte.

Unterstützt wird der Arzt bei seinem Engagement, Geld für die Schulbildung der Kinder in Bangladesch aufzutreiben von seiner zehnjährigen Tochter Eda. An der Grundschule am Baumschulenweg hatte er einen Vortrag über Kinder in Bangladesch gehalten. Die Grundschüler beteiligten sich daraufhin mit Sozialpädagoge Kiriakos Maipas mit dem Projekt „Perlen für Bangladesch“. Für die kleine Eda war das aber nicht genug. Sie packt regelmäßig ihren Bollerwagen mit Flohmarktartikeln und verkauft sie vor einem Supermarkt. „So sind schon mehrere Hundert Euro zusammengekommen“, sagt Murat Cil.

Wichtig ist der Zehnjährigen aber ein neues Projekt, das für die Oberschule ansteht. „Eine Schule braucht eine Bibliothek“, sagt die Schülerin. Dazu will sie ihren Beitrag leisten und hat „Kinder in Bangladesch mini“ gegründet. Einige Mitschüler hat sie bereits überzeugt mitzumachen. Ein Schüler schreibt seit dem Sommer einem bengalischen Jungen und schickt ihm manchmal etwas von seinem Taschengeld. Murat Cil freut sich über das Engagement der Schüler. Deshalb möchte er die Gruppe der Kinder nun auch offiziell machen und dem Verein „Kinder in Bangladesch“ zuordnen.

Stolz ist Murat Cil außerdem darauf, dass in die „Saleha Katun“-Oberschule immer mehr Mädchen geschickt werden. „Sie werden in Bangladesch stark unterdrückt“, sagt der Familienvater. Das bestätigt auch Unicef: „Jede zweite Fünfzehnjährige in Bangladesch hat nie Lesen und Schreiben gelernt“, sagt die Sprecherin. Doch der Mädchenanteil an der Oberschule liegt mittlerweile bei 65 Prozent.

Und die Schule wächst weiter. „Sie hat einen so guten Ruf, dass Eltern ihre Kinder aus der gesamten Region anmelden“, erzählt der Bremer Augenarzt. Im kommenden Schuljahr werden es deshalb sogar 650 Schüler sein. Das Schulgebäude wird daher noch um eine weitere Etage aufgestockt. Ziel des Vereins ist es außerdem, vor Ort eine Berufsschule aufzubauen, damit die Jugendlichen nach der Oberschule die Möglichkeit haben, eine Ausbildung zu machen und nicht doch als billige Arbeiter in den Fabriken enden. Murat Cil hofft außerdem, dass das Engagement des Vereins, in Bangladesch eine Schule aufzubauen, irgendwann ein Selbstläufer und ein Pilotprojekt für mehr Schulen wird. Intensivieren will er außerdem die Arbeit mit Bremer Schulen, wie der Oberschule Findorff, die im Dezember die Einnahmen aus dem Weihnachtsbasar für den Verein gespendet hat.

Wer den Verein „Kinder in Bangladesch“ unterstützen möchte, findet Informationen auf der Webseite unter www.kinder-in-bangladesch.de.

„Wer lesen und schreiben kann, hat eine Chance.“ Murat Cil, Augenarzt
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