Kommentar über die deutsche Teilung Das schwierige Erbe der DDR

Die bittere Teilung in zwei deutsche Staaten mit völlig konträren Systemen prägt unsere Gesellschaft vielerorts bis heute, meint unser Kommentator Peter Gärtner.
06.01.2019, 20:40
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Gärtner

Mit den drei Großbuchstaben DDR können immer mehr junge Menschen kaum noch etwas anfangen. Das ist nicht weiter verwunderlich: In diesem Jahr liegt der Mauerfall 30 Jahre zurück, längst wächst zusammen, was zusammen gehört. Das hat in vielen Bereichen hervorragend geklappt. Gleichwohl hat sich der damals voller Hoffnung und Sehnsucht von Willy Brandt formulierte Ausspruch als schiefes Bild erwiesen: Die Gesellschaftsordnung, die Normen und Gesetze der alten Bundesrepublik sind Ostdeutschland einfach nur übergestülpt worden. Die gelernten DDR-Bürger mussten sehen, wie sie damit zurechtkamen.

Heute fühlt sich ein großer Teil der Bevölkerung in den neuen Bundesländern als Bürger zweiter Klasse. Das schafft auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer neuen Verdruss: Im Westen wird damit das Klischee vom Jammer-Ossi bedient, der trotz oft modernerer Infrastruktur und einem Lebensstandard, von dem er vor 30 Jahren nur träumen konnte, unzufrieden ist. So prägt die bittere Teilung in zwei deutsche Staaten mit völlig konträren Systemen unsere Gesellschaft vielerorts bis heute.

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Gerade deshalb lohnt sich ein Blick zurück auf das letzte Jahr des anderen deutschen Staates. Es war ein Land ohne jede Hoffnung, das seit dem Amtsantritt Erich Honeckers 1971 kontinuierlich heruntergewirtschaftet wurde. Die Altstädte zerfielen genauso wie die meisten Indus­trieanlagen. Die damals noch sehr überschaubare Bürgerrechtsszene prägte den Begriff „Ruinen schaffen ohne Waffen“. Die Arbeitsproduktivität lag im Schnitt bei gut 20 Prozent des Westniveaus. Nur durch den enormen Arbeitsaufwand bei der Herstellung und den gesicherten Absatzmärkten in der UdSSR und den sozialistischen Bruderländern war Vollbeschäftigung möglich. Doch ohne die Sowjetunion war der „erste sozialistische Staat auf deutschem Boden“ nicht lebensfähig.

Immer mehr spürten wie es um die DDR tatsächlich stand

Wie es um die DDR vor drei Jahrzehnten tatsächlich stand, spürten viele, immer mehr ahnten es und manche wussten es. Bis Silvester 1988/89 hatten 113 000 DDR-Bürger innerhalb eines Jahres einen Ausreiseantrag gestellt – trotz der damit verbundenen Schikanen und anderer Nachteile. Intellektuell blutete das Land immer stärker aus. Unter den Ausreisewilligen stand DDR für „der doofe Rest“. Die damalige Ausreisewelle nahm die spätere Massenabwanderung vorweg.

Auch die Staatspartei SED zerfiel zusehends, nachdem die greise DDR-Führung den Reformkurs Michail Gorbatschows strikt abgelehnt hatte. Das Verbot der sowjetischen Auslandszeitschrift „Sputnik“ Ende 1988 führte vor 30 Jahren zu nie zuvor gekannten Parteibuch-Rückgaben in großem Stil. In dieser Hoffnungslosigkeit und unter den Augen der Stasi wuchs die rechte Szene. Sie war im Osten schon immer in Teile der Mehrheitsgesellschaft eingebettet, weil zu DDR-Zeiten weder eine Aufarbeitung der NS-Zeit, noch eine Integration der rund 100 000 ausländischen Vertragsarbeiter stattfand.

Der SED-Staat leugnete oder verdrängte jegliche Verbindung zum Nationalsozialismus und präsentierte sich gern als Opfer der Ausbeuter und Faschisten im Westen. Schon im NS-Staat angelegt, hatten die meisten Menschen nach 40 Jahren DDR die Diktatur der Gleichheit längst verinnerlicht. Egal ob Landarbeiter oder Arzt – alle sollten gleich wohnen, gleich verdienen, gleich wählen. Alle anderen – Oppositionelle, Christen, Hippies, Nichtsesshafte, Punks, Schwule, Lesben, – standen unter enormem Druck und steter Beobachtung, nicht nur durch die Stasi. Sie mussten in der egalitären sozialistischen Gesellschaft mit Ausgrenzung, Gefängnis und Ausbürgerung rechnen.

Hohe Zustimmungsrate zur gesellschaftlichen Homogenität im Osten

In Umfragen zeigt sich heute im Osten eine im Vergleich zum Westen enorm hohe Zustimmungsrate zur gesellschaftlichen Homogenität – und zwar quer durch alle Parteien und Berufsgruppen. Vielfalt, immerhin ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie, wird häufig nicht als Bereicherung empfunden. Und zwar nicht nur von jenen, die aus Frustration, Unsicherheit und rassistischen Gründen gar nicht mehr erreicht werden.

Dass Unterschiede von den Menschen im Osten so schwer auszuhalten sind, hat also nicht nur mit jahrzehntelanger Diktaturerfahrung und späteren sozialen Verwerfungen zu tun. Denn außerhalb des im Laufe der DDR-Zeit marginalisierten Kirchen­milieus, unter dessen Dach sich gleichwohl der größte Widerstand gegen die SED-Herrschaft regte, sind mit dem Glauben fest verbundene Werte wie die Nächstenliebe weitgehend verloren gegangen. Auch das gehört zum schwierigen Erbe DDR, das noch lange nachwirken wird.

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