US-Vorwahlkampf der Demokraten

Das Stehaufmännchen

Das politische Wunder, das Joe Biden am Super-Dienstag erreichte, steht wie ein Ausrufezeichen hinter einer Biografie zwischen Niederlage und Triumph.
11.03.2020, 18:45
Lesedauer: 4 Min
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Das Stehaufmännchen
Von Thomas Spang

Richard Komi (52) hat immer viel von Joe Biden gehalten. Als Biden Sicherheitspolitiker im US-Senat war, als treuer Vizepräsident Barack Obamas und nun als Kandidat um die Präsidentschaftswahlen-Nominierung der Demokraten. Doch so schwer hatte es ihm Biden noch nie gemacht, an seinen Erfolg zu glauben, wie an diesem Sonntag Anfang Februar im „Rex Theater“ von Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire. Komi bekam ohne Mühe einen Platz in der ersten Reihe neben anderen „Joe“-Fans, die Biden verehrten oder aus Mitleid kamen. Er sei der Einzige, der ein breites Bündnis an Unterstützern habe, so Komi über Biden. Dies werde ihm in Staaten wie Nevada und South Carolina helfen, die viel weniger „weiß“ seien als die beiden ersten Vorwahl-Staaten. „Da wird Joe richtig gut abschneiden.“

Während Komi damals auf ein Wunder hoffte, dachten Freunde des ehemaligen Vizepräsidenten bereits über ein würdevolles Ausstiegsszenario nach. Beim „First-in-the-South“-Dinner der Demokraten in Charleston schien der 77-Jährige selbst nicht mehr an einen Weg zur Nominierung zu glauben. Nach dem enttäuschenden fünften Platz in New Hampshire, dem vierten in Iowa und dem zweiten in Nevada begann auch seine Front aus loyalen schwarzen Wählern in South Carolina zu bröckeln. Der Linke Bernie Sanders war bis auf wenige Punkte an ihn herangerückt. „Ich bin Joe Biden und trete als US-Senator an“, verplapperte sich der Präsidentschaftskandidat. Dann bedankte er sich artig bei James Clyburn, dem ersten schwarzen Abgeordneten South Carolinas, und ratterte ein paar Namen von Unterstützern herunter.

Abgeschlagen in den Umfragen und ausgebrannt an Ideen, umgab Biden die Aura des Verlierers. Dann kam das „Wunder vom Super-Dienstag“, das mit einem unerwartet deutlichen Wahlsieg drei Tage vorher in South Carolina begann. Mithilfe der schwarzen Wählerschaft trat Biden am Super-Dienstag einen Siegeszug durch den Süden an, überraschte mit ersten Plätzen in Massachusetts und Minnesota, bevor er Sanders‘ Hoffnung auf einen Delegierten-Vorsprung mit seinem Triumph in Texas einen Dämpfer verpasste.

Plötzliche Schubumkehr

Die beste Erklärung für die „Joementum“ genannte Schubumkehr war die panische Frucht der Demokraten, mit dem Linken Sanders an der Spitze die Wiederwahl Donald Trumps zu riskieren. Plötzlich ist der neue Hoffnungsträger der Demokraten wieder der alte. Ein mit Mängeln behafteter Kandidat, der nicht viel mehr als eine Rückkehr zur Normalität verspricht. „Wir sind ganz schön lebendig“, bejubelte Biden am Super-Dienstag unter dem Sternenhimmel von L.A. sein Comeback und festigte auch bei der nächsten größeren Vorwahlrunde in der Nacht zum Mittwoch seinen Ruf als Stehaufmännchen der amerikanischen Politik. Tatsächlich geben sich auf seinem Lebensweg Niederlagen und Erfolge in schöner Regelmäßigkeit die Hand.

Geboren in Scranton, Pennsylvania, als Sohn eines Autoverkäufers und einer Hausfrau schaffte Biden als Erster in der Familie den Weg an die Universität. Eine ganz und gar unwahrscheinliche Entwicklung für Joe, den Lehrer und Mitschüler hänselten, weil er keinen Satz zu Ende bringen konnte. Aus „Dash“, dem Stotterer, entwickelte sich ein begabter Redner. Die örtlichen Demokraten entdeckten das Talent des jungen Mannes und überredeten ihn, 1972 für den Senat anzutreten. Der 29-Jährige holte einen Rückstand von 30 Prozentpunkten auf und zog am Wahltag hauchdünn an seinem republikanischen Konkurrenten vorbei. Ein Triumph, den Joe Biden nicht lange genießen konnte. Kurz vor Weihnachten kamen seine Frau Neilia und Baby Naomi bei einem Autounfall ums Leben. Seine beiden Söhne, Beau und Hunter, überlebten das Unglück schwer verletzt.

Mit zäher Entschlossenheit versuchte der neue Senator, seine Aufgabe am Kapitolhügel mit der des alleinerziehenden Vaters zu vereinen. Fünf Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er die Lehrerin Jill Jacobs. Danach ging es für den Jungstar der Demokraten wieder steil bergauf. Eine Karriere, die 1987 in seinen ersten Anlauf auf das Weiße Haus mündete. Der große Rückschlag im Rennen für die Kandidatur kam, als die „New York Times“ Biden dabei erwischte, Teile einer Wahlkampfrede abgekupfert zu haben. Blamiert stieg er aus dem Rennen aus. Kurz darauf erlitt er einen Schlaganfall und kehrte für sieben Monate der Politik den Rücken.

Obamas loyaler Partner

Das war ein Doppelschlag, der den Senator einmal mehr zwang, seine Prioritäten im Leben neu zu ordnen. Nach Bidens Scheitern im zweiten Anlauf auf die Nominierung kürte ihn Obama 2008 zu seinem Mitkandidaten, weil er dessen Expertise als Sicherheitspolitiker schätzte. Biden erwies sich über acht Jahre als treuer Vizepräsident. Dann traf ihn erneut ein Schicksalsschlag: Sein Sohn Beau starb im Alter von nur 46 Jahren an Krebs. Das traf ihn so sehr, dass er Hillary Clinton den Vortritt für die Nominierung ließ. Viele Analysten dachten, damit habe Biden den Zeitpunkt verpasst, für das Weiße Haus anzutreten. Nicht so der am Superdienstag wie Lazarus von den Toten neu zum Leben erwachte Kandidat: „Für alle, die auf dem Boden liegen, die ausgezählt und zurückgelassen wurden – das ist Eure Wahlkampagne“, richtete sich Biden in der Stunde seines überraschenden Triumphs in Los Angeles an seine Landsleute.

„Onkel Joe“ mag nicht mehr besonders agil sein, aber er ist ein Mensch, der ehrlich ist und mitfühlen kann. Das Stehaufmännchen weiß aus Lebenserfahrung, was es bedeutet, von ganz unten wieder hochzukommen.

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