G7-Gipfel: Obama trifft Atombomben-Opfer Das Stigma der Opfer

Am 6. August 1945 warf die US-Luftwaffe eine Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima ab. Ein Überlebender erinnert sich.
27.05.2016, 00:00
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Das Stigma der Opfer
Von Felix Lee

Am 6. August 1945 warf die US-Luftwaffe eine Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima ab. Ein Überlebender erinnert sich.

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Hören Sie die Spatzen zwitschern?“, fragt Okihiro Terao und zeigt auf die Vögel, die um den Springbrunnen herumfliegen. Für ihn klinge das wie peace, peace, peace. „Hiroshima lebt ein ruhiges Leben“, sagt der 75-Jährige und blickt auf den sanft fließenden Motoyasu-Fluss vor dem Gembaku Dome, der Atombombenkuppel, wie die Menschen von Hiroshima die Ruine nennen. Es handelt sich um das einzige Gebäude in einem Radius von zwei Kilometern, das am 6. August 1945 nach dem Abwurf der Atombombe durch die US-Luftwaffe nicht komplett pulverisiert wurde.

„Die Kinder sind gesund und wohlbehütet, die Spatzen zwitschern“, sagt Terao. Er sei dankbar dafür, dass in Japan seit 70 Jahren Frieden herrsche und der Schrecken des Krieges für die meisten Japaner inzwischen eine ferne Erinnerung sei. „Das ist gut“, betont Terao. Aber die Ereignisse dürften nicht in Vergessenheit geraten. Und deswegen sei er froh, dass Barack Obama als erster amtierender US-Präsident an diesem Freitag Hiroshima besuchen und vor dem Friedensdenkmal einen Kranz niederlegen wird. „Ich halte viel von Obama“, erklärt Terao. Er meine es ernst mit der nuklearen Abrüstung. „Er macht die Welt ein kleines bisschen besser.“

Vater rettete seine Kinder

Okihiro Terao war damals fünf Jahre alt, als er die Atombombe von Hiroshima überlebte. Er ist ein Hibakusha wie die Überlebenden in Japan bis heute genannt werden. Fast jeden Tag kommt er an den Springbrunnen im Friedenspark, klappt einen Tisch auf und stellt darauf seine zwei selbst angefertigten Modelle aus buntem Glas. Das eine Modell zeigt die Ruine, das andere das Gebäude als es noch der Prunkbau der Industrie- und Handelskammer war. Letzteres hat Terao auf einem Foto in die heutige Silhouette der Innenstadt montiert. „So würde Hiroshima aussehen, wenn es den Krieg nicht gegeben hätte.“

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Terao ist fest davon überzeugt, dass er und seine beiden Brüder ihre Rettung vor der Atombombe ihrem Vater zu verdanken haben. Hiroshima war zu Kriegszeiten Hauptquartier von mehreren Militäreinheiten. Über die ganze Stadt verteilt gab es Dutzende Kasernen. Teraos Vater hatte den Rang eines Leutnants. Das Haus der Familie stand auf der anderen Flussseite nur wenige Hundert Meter vom Zentrum der Explosion entfernt. Am 26. Juni 1945 erfuhr die Familie, dass der Vater im Krieg in China gefallen sei. Wegen der ständigen Bombardierungen der Amerikaner beschloss die Mutter, mit ihren drei Söhnen zu ihrer Schwester aufs Land zu ziehen, rund vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

„Es war zwei Wochen nach unserem Umzug“, erinnert sich Terao. An jenem Sommertag brach seine Mutter frühmorgens zum Einkaufen in die Innenstadt auf. Sie hatte die Morgenfrische nutzen wollen, bevor es vormittags heiß werden würde. Terao und seine beiden Brüder spielten draußen im Garten als sie plötzlich einen grellen Blitz sahen. „Erst war gar nichts zu hören“, erinnert er sich. Einige Sekunden später riss eine gewaltige Druckwelle sie zu Boden. Alle Glasscheiben gingen zu Bruch. Niemand wusste, was passiert war. Woher auch? „Wir hatten noch nie etwas von einer Atombombe gehört.“

Es blitzte, dann prasselte schwarzer Regen nieder

Sie sahen die pilzförmige Wolke aufsteigen, wie sich der gesamte Himmel verdüsterte. Es blitzte und donnerte, dann prasselte schwarzer Regen auf sie nieder. Terao, seine Brüder und seine Tante blieben unverletzt. Sie sorgten sich aber um die Mutter und machten sich auf die Suche. Was ­Terao die nächsten Stunden sehen musste, weiß er auch 71 Jahre später kaum in Worte zu fassen. Er zeigt auf Zeitungsbilder von damals. Zu sehen ist eine komplett ausgelöschte Innenstadt. Überall lagen verkohlte Leichen, erzählt er. Schwerverletzte mit ­tiefen Brandwunden flohen aus der Stadt. „Das sind nur Geister“, versuchte die Tante zu beschwichtigen. Sie weinte. „Ich glaubte das damals“, sagt Terao. Dann fanden sie seine Mutter. Sie hatte überlebt. „Hätten wir kurz zuvor nicht die Todesmitteilung des Vaters erhalten, wären wir nicht aus der Stadt gezogen“, sagt Terao. „Wie 80.000 andere wären auch wir binnen weniger Sekunden pulversiert worden.“

Die Nachkriegsjahre verbrachte Terao mit seiner Familie in einem anderen Teil von ­Japan. Willkomen waren sie nicht. „Die Leute vermieden es uns zu berühren“, erinnert sich Terao, aus Angst, dass Strahlung ansteckend sein könnte. In der Schule wollte niemand mit ihm spielen. Einmal kam er weinend nach Hause und sagte zu seiner Mutter: „Ich wünschte, der Feuerball hätte auch mich verschluckt.“ Sie weinte. Am nächsten Tag schwor sie ihre Söhne darauf ein, niemandem ein Sterbenswort über ihre Herkunft zu sagen. „Niemand will ein Atom-opfer zum Mann“, warnte sie. „Wir dachten uns gar keine komplizierte Legende aus, sondern sprachen gar nicht mehr darüber“, berichtet Terao.

Für das Schweigen musste die Mutter 20 Jahre später einen hohen Preis bezahlen. 1969 erkrankte sie an Krebs. Die Ärzte operierten sie zweimal. Anerkannte Atombombenopfer hätten kostenlose medizinische Versorgung erhalten. Aber weil sie still hielt, blieb die staatliche Unterstützung für sie aus. Sie starb. Erst Jahre nach dem Tod der Mutter setzten sich die Brüder zusammen und beschlossen, sich als Hiroshima-Opfer anerkennen zu lassen. Teraos älterer Bruder starb ebenfalls an Krebs, der Jüngere musste sich mehrfach an der Schilddrüse operieren lassen. Terao zeigt auf eine lange Narbe, die sich vom Hinterkopf bis zu seiner Schulter zieht. 2001 erhielt er die Diagnose, dass sich Bindegewebe in Nacken und Schultern zu Knochen verwandelt haben. Acht Stunden lang schnitten Chirurgen an ihm, um die knöchernen Wucherungen zu entfernen. Heilbar ist die Krankheit nicht.

Funktionsträger tun sich immer noch schwer mit Überlebenden

Auch heute tun sich viele japanische Funktionsträger schwer im Umgang mit Überlebenden. Als Terao seine beiden Glasmodelle dem Gedenkmuseum nur einige Meter weiter von der Atombomben-Kuppel anbieten wollte, nahm die Museumsleitung sie dankend an. Aber ausstellen wollte sie seine Kunstwerke nicht. Nur Originalgegenstände von damals wie etwa geschmolzene Plastikflachen würden gezeigt, lautete die Begründung. Terao forderte die Modelle zurück und stellt sie nun selbst jeden Tag aus. Zu Obamas Besuch am Freitag haben die Stadtoberen ihn nicht eingeladen. Im Gegenteil: Er muss sein Stand abbauen.

Ob er Groll auf die Amerikaner hege? „Die Waffe war unmenschlich und grausam“, antwortet Terao. „Doch Zorn bringt uns nicht weiter.“ Er erwartet nicht einmal eine Entschuldigung. „Präsident Obama stammt aus Hawaii, dort liegt auch Pearl Harbour. Nicht ein politischer Repräsentant aus Japan hat es jemals nach Hawaii geschafft, um sich für den Angriff zu entschuldigen“, kritisiert er die Funktionsträger seines Landes. „Schon allein der Besuch eines US-Präsidenten bedeutet für uns Überlebende sehr viel.“

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