Kairo

Das Volk bejubelt Präsident Al-Sisi – Ägyptens Opposition schmort im Gefängnis

Kairo. Die Ägypter nehmen es mit der Zeit nicht so genau. Selten, dass jemand pünktlich zu einer Verabredung kommt.
19.10.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Birgit Svensson

Die Ägypter nehmen es mit der Zeit nicht so genau. Selten, dass jemand pünktlich zu einer Verabredung kommt. Eine Stunde Verspätung ist normal. So hat sich auch niemand der 83 Millionen Nilbewohner aufgeregt, als innerhalb von vier Monaten vier Mal die Uhr um eine Stunde hin und her gedreht wurde.

Als der ehemalige Feldmarschall Abdul Fattah al-Sisi sein Amt als Staatsoberhaupt vor 120 Tagen antrat, ließ er kurzerhand die Sommerzeit wieder einführen und die Uhren eine Stunde vorstellen. Vorgänger Mohammed Mursi hatte dies strikt abgelehnt. Es sei ein Relikt aus Husni Mubaraks Zeiten, hieß es als Begründung. Allerdings währte die erste Sommerzeit der Al-Sisi-Ära nicht lange, denn der Fastenmonat Ramadan begann schon drei Wochen später. Die Zeit wurde für einen Monat wieder auf Winter gestellt, damit die Gläubigen nicht noch eine Stunde länger ohne Wasser und Essen auskommen mussten. Am Ende des Fastenmonats herrschte dann wieder Sommerzeit, um schon einen Monat später wieder auf Winter zu drehen, so wie es zu Zeiten Mubaraks üblich war. Da wurde Ende September umgestellt.

Der absurde Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit ist bezeichnend für den Zustand des Landes, 120 Tage nach dem Amtsantritt Al-Sisis. Nach wie vor ist die Zukunft Ägyptens äußerst ungewiss, sucht das Nilland nach Orientierung. Für Beobachter bietet sich das Bild eines Schlingerkurses, der zuweilen tiefes Erstaunen auslöst. Bei den bürgerlichen Freiheiten wird dies besonders deutlich. Es gebe in Ägypten keine Einschränkung der Redefreiheit, heißt es aus dem Büro des Präsidenten.

Das sehen manche allerdings ganz anders. Unter dem Titel „Wer wagt es, zu sprechen?“ kritisiert der bekannte Schriftsteller Alaa Al-Aswany in einer der wenigen noch unabhängigen Tageszeitungen die repressive Atmosphäre, die an die Zeit um 1967 erinnere. Auch damals habe man mit Gamal Abdel Nasser einen Herrscher verherrlicht, niemand habe sich getraut, sich kritisch zu äußern. Auch gegenüber Ausländern sei man misstrauisch gewesen. Al-Aswani lobt zwar die Rolle von Al-Sisi beim Sturz Mursis, kritisiert aber die folgenden Entwicklungen, insbesondere die Unterdrückung von Meinungsfreiheit und Folter in Gefängnissen.

In der vergangenen Woche haben die Behörden die gesamte Mittwochausgabe einer Zeitung konfisziert und abgeändert, weil sie ein Interview mit einem ägyptischen Spion veröffentlichen wollte, der Interna über den Umgang mit dem israelischen Geheimdienst Mossad ausgeplaudert hat. In fast allen Zeitungen erscheint täglich der Präsident auf den Titelseiten. Auch Fernseh- und Rundfunkstationen loben seine Taten. An der katastrophalen Strom- und Wasserversorgung, die vor allem Kairo seit Wochen hart trifft, sind die Muslimbrüder schuld, hallt es nahezu einstimmig aus dem Blätterwald. Diese sitzen allerdings mehrheitlich im Gefängnis.

Insgesamt wurden 41 000 Menschen innerhalb des letzten Jahres verhaftet. Die Gefängnisse sind so voll wie seit Nassers Zeiten nicht mehr. Neben Muslimbrüdern, ihren Anhängern und Mitgliedern ihrer verbotenen Freiheits- und Gerechtigkeitspartei findet man inzwischen auch immer mehr Anhänger der Revolution in den Gefängniszellen. Die Bewegung 6. April, die 2011 entscheidend zum Sturz des damaligen Machthabers Husni Mubarak beigetragen hat, ist ebenfalls verboten worden. Ihre führenden Köpfe sitzen hinter Gittern.

Doch die Mehrheit der Ägypter und vor allem der Ägypterinnen liebt ihren Al-Sisi nach wie vor uneingeschränkt. Wer etwas gegen den Präsidenten sagt, beleidigt damit zugleich das Land und seine Einwohner und wird niedergeschrien. Besonders Ausländer müssen sich mit Kritik am Staatschef zurückhalten. Sonst kann es passieren, dass Drohbriefe und Anrufe zum Verlassen des Landes auffordern.

Wie groß die Unterstützung für den zweiten Nachfolger Mubaraks ist, zeigt die Aktion Suez-Kanal II. Die Zertifikate, die die Regierung zur Finanzierung einer zweiten Trasse des momentan wichtigsten Devisenbringers ausgegeben hat, waren innerhalb von acht Tagen vollständig vergriffen. Lange Schlangen vor Banken und Postschaltern, jeder wollte an dem gigantischen Projekt teilhaben. Die erste Volksaktie Ägyptens war geboren. 10, 100 oder 1000 ägyptische Pfund (100 EGP entsprechen etwa elf Euro) waren der Einsatz. Taxifahrer, Kindermädchen und Zigarettenverkäufer kauften ebenso wie Großgrundbesitzer, Industriebosse und Politiker. Der Staat nahm 61 Milliarden Pfund ein.

Bisher ist die meist befahrene Wasserstraße der Welt lediglich eine Einbahnstraße. Der zweite Kanal soll die Kapazität verdoppeln. In einem Jahr soll er fertig sein. Man muss kein Experte sein, um zu ahnen, dass ein gigantisches Projekt wie dieses nicht innerhalb eines Jahres realisiert werden kann. Aber mit der Zeit nehmen es die Ägypter ohnehin nicht so genau.

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