Homosexuelle fordern in vielen Ländern mehr Rechte „Das wird ein langer Kampf“

Während der frühere Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger in der vorigen Woche viel Anerkennung für sein Coming out erhalten hat, geraten Homosexuelle in Osteuropa, Afrika und muslimischen Staaten immer weiter unter Druck. Bremen.
15.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Das wird ein langer Kampf“
Von Ben Zimmermann

Während der frühere Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger in der vorigen Woche viel Anerkennung für sein Coming out erhalten hat, geraten Homosexuelle in Osteuropa, Afrika und muslimischen Staaten immer weiter unter Druck.

Es war kein besonders gutes Jahr, das für viele Homosexuelle in einigen Ländern der Welt vor einigen Tagen zu Ende ging: Ugandas Politiker beschlossen ein Gesetz, das Schwule und Lesben mit lebenslanger Haft bedroht, Indiens Oberstes Gericht erklärte Homosexualität für illegal, und Russland stellte „homosexuelle Propaganda“ und positive Äußerungen über Homosexualität vor Minderjährigen unter Strafe.

Die weltweite Empörung über Wladimir Putins Vorgehen lässt allerdings etwas vergessen, dass sich der russische Präsident in guter – oder eher schlechter – Gesellschaft befindet. In 78 Staaten dieser Erde werden Homosexuelle kriminalisiert, listet der internationale Dachverband ILGA auf, unter dem sich weltweit Organisationen von Schwulen und Lesben versammeln. Die Palette der Strafen reicht von Peitschenhieben über Gefängnisstrafen (mitunter auch lebenslänglich) bis zur Todesstrafe, die in Saudi-Arabien, Mauretanien, Iran, Sudan und Jemen verhängt wird.

Dabei gab es im vergangenen Jahr in anderen Ländern genau entgegengesetzte Entwicklungen: In Frankreich etwa dürfen Homosexuelle jetzt heiraten und Kinder adoptieren, der Oberste Gerichtshof der USA verbot die Ungleichbehandlung verheirateter Schwulen und Lesben, das britische Unterhaus machte den Weg für die Homo-Ehe frei, als erstes Land in Ozeanien erlaubte Neuseeland die gleichgeschlechtliche Ehe. Und in Deutschland outete sich erst in der vergangenen Woche mit Thomas Hitzlsperger ein ehemaliger Fußballprofi und Nationalspieler als schwul. Bislang hatte sich das noch kein prominenter Fußballer getraut.

Volker Beck, menschenrechtspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, macht denn auch zwei globale Entwicklungen aus: In Amerika sowie West- und Mitteleuropa habe sich die Lage verbessert; in Osteuropa, Afrika und muslimischen Ländern sei das Gegenteil der Fall.

Beide Entwicklungen verlaufen jedoch nicht unabhängig voneinander. Die Diskussionen liberaler Staaten des 21. Jahrhunderts würden andernorts von Gesellschaften aufgenommen, die noch in den Anschauungen des 19. Jahrhundert verharren, so Beck im Gespräch mit unserer Zeitung. Demagogen nutzten dort die Bilder aus westlichen Ländern, um vor dem angeblichen sittlichen Niedergang zu warnen. Außerdem diene die Hetze dazu, vorhandenen Unmut zu kanalisieren. Beck, der als Schwulen-Aktivist auf einer Demonstration in Russland bereits selbst von Rechtsradikalen angegriffen wurde, spricht von einer „Ventilfunktion“. Auch andere Experten betonen, dass gerade autoritär herrschende Führer gern mit homophober Propaganda von innenpolitischen Problemen ablenken.

Dabei sind es nicht nur Politik und Justiz, die gegen sexuelle Minderheiten vorgehen. „Unsere Gesellschaft ist meine größte Bedrohung“, sagt die Aktivistin Kasha Jacqueline Nabagesera aus Uganda in einem Interview mit der Deutschen Welle. Als Beispiel nennt die Aktivistin Südafrika: Die Gesetze dort seien zwar sehr fortschrittlich, trotzdem würden viele Homosexuelle vergewaltigt oder ermordet – der Staat könne sie nicht schützen.

Doch was lässt sich gegen die Verfolgung Homosexueller tun? So paradox es klingt: Ein allzu forderndes Drängen des Westens könnte kontraproduktiv wirken, glaubt Grünen-Politiker Beck. Es müsse alles vermieden werden, was nach einem Zusammenprall der Kulturen aussehe, sagt Beck. Vielmehr müssten die gebildeten Schichten in den Ländern als Bündnispartner gewonnen werden. Sie könnten „als eine Art Resonanzboden“ dort aufklärerisch tätig werden. Sicher ist: Sie werden einen langen Atem brauchen. In kurzer Zeit sind kaum Veränderungen zu erreichen. Kasha Jacqueline Nabagesera zeigt sich zwar optimistisch, dass es gelingen wird. Doch sie weiß: „Das wird ein langer Kampf.“

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