Kommentar über den Libanon Dauerstress im Zedernstaat

Der Streit um Geflüchtete im Libanon zeigt mal wieder: Das Land ist wie kein anderes in der Region geplagt von politischen Wirren und Krisen. Welche Gründe das hat, analysiert Korrespondentin Birgit Svensson.
08.04.2019, 10:38
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Dauerstress im Zedernstaat
Von Birgit Svensson

Warum konnte sich der Islamische Staat (IS) nicht im Libanon ausbreiten? Diese Frage taucht immer wieder auf, analysiert man die Lage im Nahen Osten. Fast fünf Jahre lang tobte die Terrormiliz im Nachbarstaat Syrien und vier Jahre lang im Irak, rief das Kalifat aus und expandierte in die umliegenden Länder Ägypten und Libyen, verübte Anschläge in Saudi-Arabien, Iran, der Türkei, Jordanien. Nur nicht im Libanon. Nur ein einziges Mal, 2015, zündeten zwei Selbstmordattentäter ihre Sprengsätze in dem als Hochburg der schiitischen Miliz Hisbollah geltenden Stadtviertel von Beirut, Bourdsch al Baradschneh, und rissen 43 Menschen mit in den Tod. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, wer für den Anschlag verantwortlich ist: Al Qaida, der IS oder die syrischen Aufständischen?

Auf die Frage, warum der IS keinen Fuß im Libanon fassen konnte, lautete die Antwort eines westlichen Diplomaten in Beirut: „Die wissen nicht, wen sie stürzen sollten.“ Tatsächlich ist der Libanon von Dauerkrisen und politischen Wirren geplagt wie kein anderes Land der Region.

Der 15 Jahre währende Bürgerkrieg, der 1990 zu Ende ging, hat ein sensibles Machtgeflecht hervorgebracht, das immer wieder zusammenbricht und dann mühsam wieder geflickt werden muss. Die Balance zwischen dem christlichen Staatspräsidenten, dem sunnitischen Premier und dem schiitischen Parlamentspräsidenten ist oft nicht aufrechtzuerhalten und doch ist sie der Kitt, der das Gefüge zusammenhält. Der Proporz, der im Irak zum Verhängnis wurde, rettet den Libanon. Bestes Beispiel war der Versuch Saudi-Arabiens 2017, einen Keil zwischen die Volksgruppen zu treiben, indem Riad den sunnitischen Premierminister Saad Hariri dazu zwang, abzudanken. Als Begründung für seinen Rücktritt wurde Druck seitens der Schiiten deklariert: Die Hisbollah sei schuld, der Premier werde bedroht. Doch dieser ging gestärkt aus der Situation hervor. Zurück in Beirut verkündete er den Rücktritt vom Rücktritt und ließ sich von Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah bestätigen, er stehe zu ihm.

Was den Saudis nicht gelang, versuchen jetzt deren Verbündete, die Vereinigten Staaten. Mike Pompeo, ihr Außenminister, rief die Libanesen bei seinem Besuch in Beirut Ende März dazu auf, sich gegen die Hisbollah zu stellen. Die Schiitenmiliz sei kriminell, unterstütze Terror und bedrohe die Region. Allerdings stieß der Amerikaner bei seinen Gesprächspartnern auf taube Ohren. Staatspräsident Michel Aoun, Parlamentssprecher Nabih Berri und Libanons Außenminister Gebran Bassil verteidigten die Hisbollah als Teil der libanesischen Gesellschaft und Politik: „Hisbollah ist eine libanesische Partei mit Parlamentsabgeordneten, die vom Volk gewählt wurden.“ Pompeos Nahost-Tour zur Eindämmung des iranischen Einflusses stieß im Zedernstaat auf wenig Verständnis, denn Hisbollah und deren Unterstützer Iran sind in der Region zu einer nicht mehr wegzudenkenden Größe geworden. Und daran ist auch der Bürgerkrieg in Syrien schuld.

Auf den Interventionismus George W. Bushs im Irak, der dort verbrannte Erde hinterließ und Al Qaida im Nahen Osten erst groß machte, folgte die krampfhafte Nicht-Einmischung von Barack Obama, der Soldaten nach Hause holen und sich auf kein weiteres Abenteuer in der Region mehr einlassen wollte. Beide Extreme hatten für Syrien jedoch verheerende Auswirkungen. Bush bereitete Al Qaida im Irak, aus der später ISIS und der IS hervorgingen, den Boden. Und Obama sah zu, wie sich die Dschihadisten in Syrien breitmachten, weil gemäßigte Rebellen nicht genügend Unterstützung bekamen. Den Europäern gelang es nicht, eine eigene, effektive Nahostpolitik zu Syrien zu entwerfen und zu verfolgen. Das Feld war bereit für Iran und deren libanesische Verbündete Hisbollah – später dann Russland, die sich an die Seite des Diktators in Damaskus stellten und seitdem alles tun, um das Gewaltregime Bashar al-Assads wieder im ganzen Land durchzusetzen. Leidtragende sind die vielen syrischen Zivilisten, die dem Versagen des Westens machtlos ausgesetzt blieben.

Über eine Million Syrer sind im Libanon gestrandet. So gegensätzlich die Machtverhältnisse im Zedernstaat sind, so unterschiedlich sind auch die Haltungen über die Zukunft der Schutz suchenden Menschen. Anhänger der Hisbollah wollen, dass die Syrer zurückgehen. Andere, die kritisch gegenüber Assad gestimmt sind, möchten es den Menschen selbst überlassen, wann der geeignete Zeitpunkt für eine Rückkehr erscheint. So, wie der Libanon gestrickt ist, wird es hierzu nie eine einheitliche Haltung geben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+