Impfstoff-Hersteller in der Kritik Rückschlag im Kampf gegen die Pandemie

Im Kampf gegen Corona soll bald ein dritter Impfstoff helfen - doch bei den Einsatzmöglichkeiten und der Lieferung des Präparats des Herstellers Astrazeneca sind wichtige Fragen offen.
27.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Finn Mayer-Kuckuk

Die Sorgen um die Impfstoffe nehmen an mehreren Fronten weiter zu, statt nachzulassen. Die Lieferungen mehrerer Anbieter kommen spärlicher und später als angekündigt. Zu Wochenbeginn mehrten sich zudem die Zweifel an der Wirksamkeit eines wichtigen Produkts. Der politische Zoff um die Verantwortung dafür erreicht derweil ein neues Level, während die Ungeduld der Bevölkerung mit der Seuchenbekämpfung immer größer wird.

Der Druck auf die Politik hatte am Wochenende zugenommen, als der große Anbieter Astra-Zeneca erklärte, dass angeblich vorproduzierter Impfstoff zu einem großen Teil nicht existiert. Statt 80 Millionen Einheiten kann das Unternehmen in den kommenden Monaten nur 31 Millionen liefern. „Sollten wir noch in diesem Monat eine bedingte Marktzulassung von der Europäischen Kommission erhalten, werden wir in der Lage sein, monatlich nach und nach mehrere zehn Millionen Dosen zu liefern“, sagte eine Sprecherin von Astra-Zeneca am Dienstag. „Die ersten Millionen Dosen“ werden demnach noch in der ersten Februarhälfte ausgeliefert, nachdem sie die Qualitätskontrolle durchlaufen haben. Von einer Million Einheiten entfallen jedoch nur rund 180.000 auf Deutschland – genug, um die Impfquote um 0,2 Prozentpunkte hochzutreiben. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte bereits einen „spürbaren“ Effekt auf den Impffortschritt durch den Eintritt von Astra-Zeneca ins Liefergeschehen angekündigt.

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336 Millionen Euro im Voraus

Für die EU ist daran besonders ungünstig, dass sie bereits 336 Millionen Euro vorausbezahlt hat, damit Astra-Zeneca nach der Zulassung schnell liefern kann. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides ist vor allem irritiert davon, dass die Belieferung Großbritanniens derweil uneingeschränkt weitergeht. „Die EU möchte wissen, welche Dosen von Astra-Zeneca bisher wo produziert wurden und an wen sie geliefert wurden“, sagte Kyrikiades. Die Zulassung des Produkts in der EU wird für Freitag erwartet.

Astra-Zeneca konnte am Dienstag auf Anfrage nicht erklären, wie die Verteilung der vorhandenen Chargen auf die verschiedenen Märkte geregelt ist. Für Kyrikiades und Spahn ist der Aussetzer bei Astra-Zeneca besonders unangenehm, weil die EU sich in ihrer gemeinsamen Bestellung vor allem auf das britisch-schwedische Unternehmen verlassen hat. Kyrikiades hat dort 400 Millionen Dosen vorbestellt. Das war mehr als bei allen anderen Anbietern. Erst durch Nachverhandlungen hat sie die Zahl beim Konkurrenten Biontech von 300 auf 600 Millionen Einheiten hochgeschraubt. Die Extra-Dosen kommen jedoch erst nach und nach im Jahresverlauf. Die Bundesregierung hatte die Lieferungen von Astra-Zeneca fest eingeplant. Spahn hatte ein Impfangebot für alle Bürger bis Juni in Aussicht gestellt, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bis September; „…wenn alles nach Plan geht“, hatte sie noch hinzugefügt.

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Spahn brachte bereits die Idee von Ausfuhrkontrollen aus der EU ins Spiel. Bisher können die Hersteller den Impfstoff in andere Weltgegenden verschiffen, ohne dass die Behörden die exakten Mengen kennen. Eine Ausfuhrkontrolle würde bedeuten, dass die Anbieter eine Genehmigung für den Export einholen müssen. Das bedeutet kein Ausfuhrverbot, schafft aber zusätzliche Bürokratie. Hintergrund ist die Unterstellung, dass Astra-Zeneca in Europa Wirkstoff produziert, diesen aber anderswohin verkauft hat.

Unterdessen kam erhebliche Verwirrung um die Wirksamkeit des Astra-Zeneca-Impfstoffs bei älteren Menschen auf. Das „Handelsblatt“ hatte unter Berufung auf die Bundesregierung gemeldet, er weise bei Senioren nur eine Wirksamkeit von acht Prozent auf – eine viel zu niedrige Zahl, die sich mit dem offiziellen Durchschnittswert von ungefähr 70 Prozent kaum vereinen ließe. Der Impfstoff wäre für seinen angestrebten Zweck, die gefährdetsten Gruppen zu schützen, damit unbrauchbar.

Zweifel an Wirksamkeit

Vom Bundesgesundheitsministerium kam teilweise Entwarnung. Es sei richtig, dass der Impfstoff an verhältnismäßig wenig Testpersonen über 65 Jahren erprobt sei. Doch eine Wirksamkeit von nur acht Prozent konnte das Ministerium nicht bestätigen. „Auf den ersten Blick scheint es so, dass in den Berichten zwei Dinge verwechselt wurden“, sagte ein Sprecher. Rund acht Prozent der Probanden der Wirksamkeitsstudie waren zwischen 56 und 69 Jahre alt, nur drei bis vier Prozent über 70. Das alles habe aber mit der Wirksamkeit nichts zu tun.

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Tatsächlich haben die Konkurrenten Biontech und Moderna ihre Impfstoffe wesentlich gründlicher an Senioren erprobt. Biontech hat 18.000 Personen über 55 Jahren in seine Studie aufgenommen, das waren 40 Prozent der Teilnehmer. Aufgrund des angestrebten Einsatzgebiets haben die Wissenschaftler auch darauf geachtet, Tests an bettlägerigen Pflegeheimbewohnern durchzuführen. Biontech konnte daher vergleichsweise guten Gewissens eine Wirksamkeitsrate von 94 Prozent für die Hauptzielgruppe verkünden, während Astra-Zeneca hier bis heute etwas unklar bleibt. Daher ist es tatsächlich möglich, dass die europäische Arzneibehörde EMA die Zulassung für Senioren nun infrage stellt.

Astra-Zeneca selbst wehrte sich derweil vehement gegen Unterstellungen, der Impfstoff sei fast unwirksam und die Zulassung in Großbritannien sei zu Unrecht erfolgt. Eine Sprecherin verwies auf Daten aus der zweiten Studienphase vom November. Das Immunsystem der älteren Teilnehmergruppe habe zuverlässig auf den Wirkstoff angesprochen. Der „Handelsblatt“-Bericht sei „völlig falsch“.

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Merkel plädiert für faire globale Verteilung

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich für eine möglichst rasche Verteilung der knappen Corona-Impfstoffe auch in ärmeren Ländern der Welt ausgesprochen. Ausdrücklich wandte sich Merkel am Dienstag beim digitalen Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums gegen Nationalismus bei den Massenimpfungen als Weg aus der Pandemie. „Hier geht es um eine faire Verteilung und eben nicht nur um die Verteilung von Geld“, betonte Merkel. Sie begrüßte, dass bei der internationalen Corona-Impfinitiative Covax erste Verträge abgeschlossen seien. „Wir werden natürlich alles dafür tun, dass jetzt auch schnell die Verteilung beginnen kann“, sagte Merkel. „Die Frage, wer auf der Welt welchen Impfstoff wann bekommt, wird natürlich auch Verbundenheiten und neue Erinnerungen schaffen.“ Merkel beschwor die enge weltweite Zusammenarbeit der Staaten. „Es ist die Stunde des Multilateralismus“. Sie mahnte, „dass ein Abschottungsansatz uns nicht helfen wird, die Probleme zu lösen“.

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