Pflichtdienst-Debatte Was fehlt der Gesellschaft überhaupt?

Die Debatte um den Pflichtdienst lässt wichtige Fragen außer Acht: Was fehlt eigentlich? Wozu soll er dienen? Diskutiert werden muss auch, wie wir die Gesellschaft gestalten, meint Gastautorin Nadine Portillo.
02.07.2022, 18:56
Lesedauer: 2 Min
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Von Nadine Portillo

Die Debatte um einen Pflichtdienst, die mit schöner Regelmäßigkeit ins Sommerloch fällt, hat 2022 früher als sonst begonnen. Und sie wird angesichts vieler Krisen – Klima, Krieg, Corona – dieses Mal anders geführt als bisher, mit einer größeren Vehemenz. In Zeiten der Unsicherheit wächst der Wunsch nach gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Befürworterinnen und Befürworter sehen in einem Pflichtjahr die Möglichkeit, Engagement zu fördern und die Gesellschaft solidarischer werden zu lassen. Kritikerinnen und Kritiker wiederum sehen nicht ein, dass es hauptsächlich junge Menschen sein sollen, die dazu aufgefordert werden, sozial aktiv zu werden. Im schlechtesten Fall würde die Verpflichtung zu gemeinnütziger Arbeit dazu dienen, den Fachkräftemangel im sozialen Bereich zu vertuschen. Und dann sind da noch all die Fragen nach der Machbarkeit: Wer sollte Zigtausende Menschen im Pflichtdienst begleiten? Sollen Verweigerer ernsthaft wieder sanktioniert werden?

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Alles so weit nachvollziehbar. Aber vielleicht wird hier der dritte Schritt vor dem ersten gemacht. Der nämlich bestünde überhaupt erst einmal in der Formulierung der interessanten Fragen, die uns als Freiwilligendienstträger beschäftigen. Was ist es denn genau, was fehlt, wenn vom gesellschaftlichen Zusammenhalt gesprochen wird? Was sollte überhaupt genau mit einem Pflichtdienst erreicht werden?

Werden Menschen solidarischer, wenn sie ein wie auch immer ausgestaltetes Pflichtjahr absolvieren? Wie gehen wir mit dem Widerspruch um, dass junge Menschen dazu aufgefordert werden, Schule, Ausbildung und Universität möglichst schnell und effizient zu schaffen, um ihnen dann zu erzählen, dass sie sich sozial nicht genügend engagieren? Aber auch: Genügt Freiwilligkeit in Krisenzeiten als Grundlage für ein solidarisches Miteinander?

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Denkbar ist vieles: von einer Aufwertung bestehender Formate über eine größere Anerkennung von freiwilligem Engagement zum Beispiel in Form von Rentenpunkten bis hin zu einem Pflichtjahr. Das ist etwas anderes als Engagement. Nämlich eine temporäre Verpflichtung zu gemeinnützigem Handeln.

All diese Fragen kreisen um die große Frage, wie wir in unserer Gesellschaft leben wollen. Und es wäre gut, wenn wir die Debatte um das Pflichtjahr nutzen, um das zu diskutieren. Statt nur zu gucken, wo wir das Problem hinschieben können. Ich wünsche mir, auch wenn ich ein Pflichtjahr zurzeit ablehne, dass diese Diskussion offen und empathisch geführt wird. Im Wissen darum, dass die Antworten auf die Frage, wie wir leben wollen, in Zeiten der Krise und von politischen Umbrüchen nicht mehr die alten sein können.

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