Nach der Thürigen-Wahl

Den Grünen fehlt das Großstadtmilieu

Die Grünen hatten gehofft, im Osten aus der Angstzone raus zu sein. Doch die Landtagswahl in Thüringen zeigt: So weit ist es noch nicht.
28.10.2019, 18:33
Lesedauer: 2 Min
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Von Cordula Eubel und Teresa Dapp
Den Grünen fehlt das Großstadtmilieu

Nach der für die Grünen enttäuschenden Wahl in Thüringen wolle die Partei noch stärker gegen ihr Image als Öko-Partei für Großstädter vorgehen, sagte Parteichefin Annalena Baerbock.

nietfeld/DPA

Die Zeit der Zitterpartien sei im Osten vorbei, so lauteten die optimistischen Prognosen von Spitzen-Grünen in den vergangenen Wochen. Die Landtagswahl in Thüringen hat die Partei nun eines Besseren belehrt. Die Grünen sind zwar wieder im Landtag, aber doch gefährlich nah an der Fünf-Prozent-Hürde. Und das trotz Regierungsbeteiligung, trotz der beliebten Spitzenkandidatin Anja Siegesmund, die im Wahlkampf als Umweltministerin auf eine ordentliche Erfolgsbilanz verweisen konnte. Die Partei hat nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis 0,5 Prozentpunkte verloren und kam auf 5,2 Prozent der Stimmen.

Parteichefin Annalena Baerbock sprach anschließend von einer „Enttäuschung“ und zeigte sich selbstkritisch. „Wir haben es offensichtlich nicht geschafft, wirklich die Breite der Gesellschaft gerade auch in strukturschwachen Regionen zu erreichen“, sagte sie am Montag in Berlin. „Daran werden wir weiter arbeiten.“ Die Grünen wollten über ihre Kernthemen hinaus etwa die Versorgung des ländlichen Raums stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Co-Parteichef Robert Habeck erklärte, den Grünen sei es nicht gelungen, ihr Kernthema Klimaschutz „als gemeinschaftliches Thema für die Breite der Gesellschaft mehrheitsfähig zu machen“. Zudem habe die Botschaft der Partei, sie wolle die Gesellschaft zusammenführen und Bündnisse schmieden, in Thüringen nicht gezogen: „Keiner wollte ein Bündnis haben. Alle wollten nur harte Sprüche“, sagte er. „Und da sind wir ein bisschen zerrieben worden.“

Habeck betonte, man werde nun Fehleranalyse betreiben, aber das Ergebnis sei angesichts des Wahlkampfs auch „keine Vollkatastrophe“, die Grünen müssten „nicht zu sehr in Sack und Asche gehen“. „Es ist im Grunde unentschieden“, sagte Habeck. „Wir haben allerdings auf Sieg gespielt, und deswegen sind wir damit nicht zufrieden.“ Manchmal, das merken die Grünen jetzt, braucht es eben doch einen längeren Atem. Das bekamen sie schon im September zu spüren, bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen. Auch dort zeigte sich, dass der Osten für die Partei nach wie vor ein anderes Terrain ist als Teile Westdeutschlands. Zwar konnten die Grünen in beiden Ländern zulegen, erzielten sogar Rekordwerte. Aber das Wachstum war auch dort nicht unbegrenzt.

Und in Thüringen ist die Lage offensichtlich noch schwieriger. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen: In Thüringen ist etwa ein Drittel der Bewohner mehr als 60 Jahre alt, in dieser Bevölkerungsgruppe haben die Grünen es schwerer als bei den Jüngeren. Außerdem fehlt der Speckgürtel rund um Berlin, von dem die Grünen in Brandenburg profitieren konnten. Hinzu kommt, dass es in Thüringen mit Jena und Erfurt eher (kleinere) Großstädte gibt. Es fehlt ein ausgeprägtes grünes Milieu in einer Größenordnung wie in Leipzig und Dresden, das den Grünen dort bei der Wahl in Sachsen drei Direktmandate verschaffte. Dabei haben die Grünen in Thüringen ihren Wahlkampf nicht in erster Linie auf Städter ausgerichtet, sondern auf ein ländliches Publikum – etwa mit dem Versprechen einer Mobilitätsgarantie, mit besseren Bus- und Bahnverbindungen auf dem Land.

Doch offenbar gibt es im ländlich und kleinstädtisch geprägten Thüringen noch Vorbehalte gegenüber den Grünen. Die Partei konnte nicht in die „Breite der Gesellschaft“ vordringen, wie Parteichefin Baerbock selbstkritisch sagt. Dennoch setzt sie darauf, auch künftig im Osten nicht nur die städtischen Hochburgen zu adressieren, sondern auch Politik für abgehängte Regionen anzubieten. Gut möglich, dass sich das auf lange Sicht auszahlt.

+++ In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, etwa jeder zweite Bewohner sei älter als 60 Jahre. Wir haben den Fehler korrigiert. +++

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