Nur zum Vergnügen geht in Istanbul niemand mehr aus dem Haus / Das Vertrauen in den Staat ist erschüttert Der allgegenwärtige Terror

Istanbul. Am Samstagabend herrscht normalerweise das pralle Leben auf der Istiklalstraße, der aufregendsten Fußgängerzone in Europa. Unter den Lichterketten bummeln Familien mit Kinderwagen, Touristengruppen und Scharen von schwatzenden Jugendlichen so dicht gedrängt, dass alle Schulter an Schulter gehen.
21.03.2016, 00:00
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Der allgegenwärtige Terror
Von Susanne Güsten

Am Samstagabend herrscht normalerweise das pralle Leben auf der Istiklalstraße, der aufregendsten Fußgängerzone in Europa. Unter den Lichterketten bummeln Familien mit Kinderwagen, Touristengruppen und Scharen von schwatzenden Jugendlichen so dicht gedrängt, dass alle Schulter an Schulter gehen. In einigen Seitengassen fiedeln Stehgeiger über voll besetzten Tischen, in anderen dröhnt Live-Musik aus einem Dutzend Kneipen zugleich. So war es bisher in Istanbul, aber so ist es nun nicht mehr. Still und dunkel blieb die Istiklalstraße an diesem Wochenende, geisterhaft still sind auch die anderen Straßen und Plätze der sonst so quirligen türkischen Metropole.

Laut Behördenangaben wurde der 24-jährige Türke Mehmet Öztürk, ein Anhänger der Terrormiliz Daesch, als jener Täter identifiziert, der sich am Samstag auf der Istiklal neben einer Gruppe israelisch-amerikanischer Touristen in die Luft sprengte. Ob die Besucher tatsächlich Öztürks Ziel waren oder der Sprengsatz verfrüht explodierte, ist noch nicht geklärt. Mindestens drei weitere potenzielle Daesch-Selbstmordattentäter sollen sich noch in der Türkei aufhalten.

„Ich mache heute gar nicht erst auf“, sagte der Manager einer hundert Meter vom Explosionsort an der Istiklalstraße gelegenen Kneipe, der überhaupt nur gekommen war, um zu sehen, ob seine Bar noch Fenster hat. Die für den Abend engagierte Band aus Europa hatte er schon vor dem neuesten Anschlag abgesagt, denn die Kundschaft bleibt bereits seit den Anschlägen von Ankara aus: Zum Vergnügen geht niemand mehr aus in den Metropolen der Türkei. Auch in der benachbarten Nevizade-Gasse, die sonst allabendlich Tausende vergnügte Zecher abfüttert, blieben die meisten Lokale an diesem Wochenende deshalb geschlossen. Statt dessen marschierten die Lokal- und Ladeninhaber mit Nelken und Protestschildern zum Anschlagsort. „Wir werden uns nicht daran gewöhnen“, stand auf ihren Plakaten.

Arrangieren müssen sich die Türken in ihrem Alltag aber mit dem Terror, der plötzlich allgegenwärtig geworden ist in ihrem Leben: Auf der Istiklalstraße, die fast jeder Bewohner oder Besucher von Istanbul schon hinunter gelaufen ist und wo jetzt ein islamistischer Attentäter seine Bombe zündete. Auf dem zentralen Kizilay-Platz von Ankara, wo eine kurdische Gruppe letzte Woche 37 Menschen in den Tod sprengte. Auf der Stadtautobahn von Istanbul, wo linksextremistische Terroristen kürzlich mitten im Berufsverkehr ein Polizeifahrzeug ins Kreuzfeuer nahmen. Auf der Brücke über den Bosporus, wo ein ohne Sprit liegengebliebenes Auto letzte Woche eine Panik verursachte.

Die Angst vor neuen Anschlägen überschattet die Genugtuung über die Ergebnisse des EU-Türkei-Gipfels mit der Aussicht auf ein baldiges Ende der Visapflicht für Türken in Europa. Jeden kann es treffen, das war die Botschaft der jüngsten Gewalttaten, die sich nicht mehr gegen staatliche Einrichtungen und Sicherheitskräfte richteten, sondern gegen alle – Bürger und Besucher.

Die Botschaft ist bei der türkischen Bevölkerung angekommen. „Man traut sich ja nicht mehr aus dem Haus“, jammerte eine türkische Hausfrau am Wochenende. Vor allem vor den öffentlichen Verkehrsmitteln geht die Angst um, seit die Attentäter von Ankara eine Autobombe in einen voll besetzten Bus rammten. „Wir überlegen, ob wir umziehen sollen, damit mein Mann nicht mehr mit dem Bus fahren muss“, sagte eine Lehrerin.

Verstärkt wird die Verunsicherung vieler Türken durch das Gefühl, dass ihre eigene Regierung nicht mit offenen Karten spielt. Innenminister Efkan Ala sagte am Sonntag, der Selbstmordattentäter Öztürk habe auf keiner Fahndungliste gestanden. Dagegen betonten regierungskritische Medien, die Behörden hätten Öztürk im vergangenen Jahr als einen von mehreren Daesch-Mitgliedern in der Türkei identifiziert.

Mit Durchhalteparolen beschwören die Behörden die Bürger, dem Staat zu vertrauen, dem Terror nicht zu weichen und unbeirrt ihrem Alltag nachzugehen – obwohl längst überdeutlich geworden ist, dass der Staat sie nicht schützen kann. „Glaubt es nicht“, beschwor der Gouverneur von Istanbul die Bevölkerung, als die deutschen Behörden nach einer Terrorwarnung letzte Woche die deutsche Schule und das Konsulat schlossen.

„Unser Staat ist mit seinen tausenden Jahren Erfahrung und seinen Institutionen fähig und entschlossen, mit allen Widrigkeiten fertig zu werden“, hieß es in der Erklärung des Gouverneurs.

Das Volk glaubte dennoch lieber den Deutschen und blieb zuhause – neben dem Nieselregen ein Grund dafür, dass auf der Istiklalstraße am Samstag nur vereinzelte Fußgänger unterwegs waren, als die Bombe zündete. Mit dem Hashtag #DankeSchönDeutschland bedankten sich viele Türken nach dem Anschlag per Twitter für die Warnung.

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