In der Stadt macht sich Widerstand gegen die Olympia-Pläne breit / Vorwurf: Kosten schöngerechnet Der Berliner Bär in Ketten

Heute befasst sich das Berliner Abgeordnetenhaus mit der geplanten Olympia-Bewerbung für 2024. Gleichzeitig formiert sich der Widerstand. Erinnerungen an die Anti-Olympia-Bewegung der frühen 90er- Jahre werden wach,
18.09.2014, 00:00
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Der Berliner Bär in Ketten
Von Norbert Holst

Heute befasst sich das Berliner Abgeordnetenhaus mit der geplanten Olympia-Bewerbung für 2024. Gleichzeitig formiert sich der Widerstand. Erinnerungen an die Anti-Olympia-Bewegung der frühen 90er- Jahre werden wach,

In Ketten, aus den Olympischen Ringen gemacht, wird ein traurig dreinblickender Berliner Bär abgeführt. Verhaftet von drei Männern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die extra aus Lausanne angereist sind. Die Herren tragen dunkle Anzüge und schwarze Sonnenbrillen. Sie drängen das Opfer in ihr Auto, Kennzeichen IOC 007. Der Bär wehrt sich nicht.

Das soll nun anders werden. Die Aktion gehört zu einer Kundgebung von Olympia-Gegnern am Alexanderplatz. „Lieber wat jutet statt Olympia“, steht auf einem Transparent des Bündnisses „Nolympia“ – Bildung zum Beispiel. „Berlin braucht vieles, aber sicher keine Olympischen Spiele, mit denen vor allem Gigantomanie und Korruption, Flächenverbrauch und weitere Verschuldung einhergehen werden“, sagen die Aktivisten. Unter ihnen ist Judith Demba (57). Sie war die Ikone der Anti-Olympia-Bewegung in den frühen 90er-Jahren, als sich Berlin für die Ausrichtung der Sommerspiele 2000 beworben hatte. Am Ende bekam Sydney den Zuschlag.

Auch die alten Symbole erleben nun ein Comeback. Zum Beispiel ein Teddybär mit einem blutenden Kopfschuss. Ein Hinweis auf mögliche Gewaltbereitschaft? Nein, versichern die Aktivisten. Nach dem IOC-Votum für Sydney habe der Bär wahrscheinlich Selbstmord begangen. Die Frage hat jedoch einen Hintergrund: Teile der alten Anti-Olympia-Bewegung waren militant, es kam zu Straßenschlachten und Brandanschlägen.

Szenenwechsel: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) redet auf dem Sommerfest des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI). Rund 1200 Gäste sind in den prächtigen Kronprinzenpalais Unter den Linden gekommen – das Who is Who aus Berliner Politik und Wirtschaft. Wowereit legt sich mächtig ins Zeug. „Auch ich habe überlegt: Kann man das der Stadt zumuten“, sagt er. Doch hätten die Sommerspiele 2012 in London gezeigt, wie eine Metropole durch die Spiele gewinnen könne. Der Bürgermeister spricht von einer „großen Chance“ und gibt sich überzeugt: „Berlin kann Olympia.“ Wowereit bekommt satten Beifall für seine engagierten Worte.

Doch ob die Hauptstadt solch ein Riesenprojekt wirklich wuppen kann, daran haben nicht wenige Menschen spätestens nach dem Desaster um den Großflughafen ihre Zweifel. Laut einer Forsa-Umfrage begrüßen nur 52 Prozent der Berliner die Pläne des Senats, 46 Prozent sind dagegen. Und wirklich angekommen scheint das Thema in der Stadt auch nicht zu sein: In Cafés und Kneipen reden die Berliner über alles Mögliche, aber nicht über Olympia.

Wowereit weiß also, dass er für seine Olympia-Idee kämpfen muss. Die Stadt plant nachhaltige Spiele, überwiegend sollen vorhandene Sportstätten genutzt werden. Auf rund 2,4 Milliarden Euro beziffert der Senat die Kosten. Geld für die Verbesserung der Infrastruktur und für die Sicherheit kommt noch oben drauf. Die Gegner halten die Summe aber ohnehin für schöngerechnet. Zum Vergleich: Die Spiele in London kosteten 11,5 Milliarden Euro, Athen gab 2004 für das Event rund zehn Milliarden aus.

Die Kosten dürften eine Hauptrolle spielen, wenn – wie von Wowereit versprochen – die Bürger im kommenden Jahr ihr Votum für oder wider Olympia abgeben können. Ob es dazu aber tatsächlich kommt, entscheidet sich voraussichtlich am 6. Dezember. Dann will der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) darüber entscheiden, ob Berlin für Deutschland ins Rennen gehen kann – oder Mitbewerber Hamburg mit seinem Konzept von citynahen Olympischen Spielen entlang der Elbe. Weltstadt-Flair gegen Waterkant-Atmosphäre.

Willi Lemke, UN-Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden, macht sich für die Bundeshauptstadt stark. „Wenn alle die Olympischen Spiele wollen, hat Berlin gute Chancen. Und wenn Berlin zusammenhält, hat Hamburg keine Chance“, meint der frühere Werder-Manager in einem Vortrag beim VBKI.

Auf das „wenn“ könnte es ankommen. Denn der DOSB will die Stimmungslage in der Bevölkerung berücksichtigen. Das könnte am Ende ein Nachteil für die Berliner Pläne im Duell mit der Hansestadt sein. Denn DOSB-Präsident Alfons Hörmann will verhindern, dass nach München eine weitere deutsche Olympia-Kandidatur die Rote Karte bekommt. Die geplante Bewerbung Münchens für die Winterspiele 2022 war im November 2013 gescheitert. Die Menschen in der Landeshauptstadt und in drei Partnergemeinden hatten per Bürgerentscheid die Pläne beerdigt.

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