Der Bosporus kann warten!

Man darf natürlich Urlaub machen, wo man will. Deshalb darf man auch in die Türkei fliegen.
19.07.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Der Bosporus kann warten!
Von Sabine Bickmeier

Man darf natürlich Urlaub machen, wo man will. Deshalb darf man auch in die Türkei fliegen. Aber wer will das schon unter den derzeitigen politischen Bedingungen? 2016 war ein schwarzes Jahr für den türkischen Tourismus. Aus Empörung über Nazi-Vergleiche von türkischen Politikern, aus Angst vor Attentaten und vielleicht auch aus Protest gegen Einschränkungen von demokratischen Grundfreiheiten sind die Buchungen aus Deutschland im vergangenen Jahr um 40 Prozent zurückgegangen. Für diesen Sommer soll es noch düsterer aussehen: Die Türkei sei „derzeit kaum gefragt“, konstatiert der Präsident des Deutschen Reiseverbandes. Sollte man gegen den Strom schwimmen und seinen Urlaub in diesem Sommer eben doch in der Türkei verbringen? Eine Türkeireise wäre momentan sensationell billig. Allerdings sollte man sich sein gutes Gewissen manchmal etwas kosten lassen.

Darf man die türkische Tourismus-­branche kollektiv für das verantwortlich machen, was Recep Tayyip Erdogan und seine Parteigänger sagen und tun? Ja, man darf. Erstens brauchen Urlaubsländer wie Griechenland und Portugal ebenfalls Devisen. Und zweitens gibt es in der Türkei nicht nur Gastronomen, sondern auch Oppositionelle. Denen ist durch eine gezielte Protestaktion im Netz mehr geholfen als durch exzessives Sonnen-­baden an einem türkischen Strand. Das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus wirbt mit garantiertem Sonnenschein, langen Stränden, klarem Meerwasser und last but not least mit einer „von Herzen kommenden Gastfreundschaft“.

Aber wer kann gelassen in den Wellen baden, wenn er gleichzeitig von einer neuen Entlassungswelle an türkischen Universitäten, Gerichten und Schulen lesen muss? In einer überregionalen Tageszeitung wurde vor wenigen Wochen berichtet, dass ein Mann einer jungen Frau in einem Istanbuler Bus ins Gesicht geschlagen habe, die dort im Fastenmonat Ramadan mit einer kurzen Hose saß. Die Frau war wohl keine Touristin. Aber wer will die schönste Zeit des Jahres in einem Land verbringen, in dem die Polizei bei derartigen Angriffen auf Frauen demonstrativ stillhält? Hotpants in roter Lacklederoptik muss man nicht mögen, aber frau sollte sie tragen können, wenn sie will.

Sonne, Strände, Meer und freundliche Menschen gibt es auch in Portugal und Griechenland. Nur den Bosporus gibt es nur in der Türkei, und der ist sicher eine Reise wert. Aber glücklicherweise kann der Bosporus warten, bis das Land eines Tages vielleicht doch den Weg zu mehr Freiheit von Presse und Wissenschaft zurückgefunden hat. Im Urlaub will man sich schließlich wohl fühlen.

Zur Person

Unsere Gastautorin ist Professorin für Philosophie an der Universität Potsdam. Dort lehrt sie seit 2002 Ethik und Religionsphilosophie. Ihre letzte Buchveröffentlichung befasst sich mit dem moralischen Dilemma.
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