Countdown im Königreich Der Brexit rückt bedrohlich näher

Im Vereinigten Königreich kippt die Stimmung: Gleich vier Umfragen sehen jene in Führung, die aus der EU austreten wollen. Unsere Korrespondentin besuchte die Hochburgen beider Lager.
15.06.2016, 00:00
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Der Brexit rückt bedrohlich näher
Von Katrin Pribyl

Im Vereinigten Königreich kippt die Stimmung: Gleich vier Umfragen sehen jene in Führung, die aus der EU austreten wollen. Unsere Korrespondentin besuchte die Hochburgen beider Lager.

Die Schlacht um Europa begann an einem Mittwoch. Es war kein besonders schöner Tag. Stundenlang prasselte Regen auf London nieder, und auch im Rest des Königreichs konnte man kaum ahnen, dass der Mai bereits vorangeschritten war. Jetzt schwirrten auch die letzten Freunde und Feinde der Europäischen Union in alle Ecken eines Landes aus, das in Kürze über seine Zukunft abstimmen soll. Die EU verlassen? Oder bleiben? Die Diskussion dreht sich viel um Bananen und Banales, um Staubsauger und Selbstbestimmung, um Freiheit und Fakten-Verdreherei, um Einwanderung und Egomanentum.

Der ehemalige Premierminister Gordon Brown präsentiert sich an diesem Mittwoch zum ersten Mal auf einer Bühne der renommierten London School of Economics and Politics. Als Labour-Mann betont er die wirtschaftlichen Vorteile der EU-Mitgliedschaft – das stärkste Argument der „Remain“-Kampagne – und dass 45 Prozent aller Exporte nach Europa fließen. Dass der Zugang zum Binnenmarkt der Schlüssel zum Wohlstand ist, dass tausende Jobs bei einem Austritt wegfallen würden und Großbritannien als Teil der Gemeinschaft reicher und sicherer dastehe angesichts der gegenwärtigen Terrorgefahr.

Boris im „Battlebus“

Es sind die üblichen Argumente, und doch vermeidet es Brown, in den Kanon vieler EU-Befürworter wie etwa Premierminister David Cameron einzustimmen, denen täglich „Angstmacherei“ vorgeworfen wird. Brown packt die Zuhörer dagegen bei ihrem Nationalstolz, ihrer Geschichte, Großbritanniens Stellenwert in der Welt. Manchen Zuhörern stehen beim historischen Rückblick kurz die Tränen in den Augen. „Er war ein verdammt furchtbarer Premier, aber er ist ein verdammt guter Ex-Premier“, sagt später ein Mann.

Mehr als 400 Kilometer entfernt rollt Boris Johnson im „Battlebus“, einem knallroten „Kampfbus“, in Truro in Cornwall ein. Die Gegend mit ihrer rauen Steilküste, den strahlenden Blüten in den Vorzeigegärten und den malerischen Landschaften ist Fernsehzuschauern vor allem aus Rosamunde-Pilcher-Filmen bekannt. An diesem Maitag hält hier Johnsons Brexit-Tour zum ersten Mal.

„Wir senden 350 Millionen Pfund pro Woche an die EU“, steht auf dem Bus, der in Polen und von einer deutschen Firma gebaut wurde. Die Ironie macht nur kurz Schlagzeilen. Längst ist derweil die 350-Zahl von Experten und Instituten widerlegt, da sie weder den Beitragsrabatt von fast 100 Millionen Pfund noch die Subventionen berücksichtigt, die die Briten erhalten. Ganz abgesehen von den indirekten Vorteilen. Trotzdem bedient sich ihr das „Leave“-Lager, um auf Brüssel zu schimpfen.

Ausgerechnet Bananen

Der Ex-Bürgermeister Londons, dem vorgeworfen wird, er unterstütze die Brexit-Seite nur aufgrund seiner Ambitionen auf das Amt des Premierministers, steigt aus seinem Gefährt und wedelt mit einer Cornish Pasty. Es handelt sich um die Spezialität der wirtschaftsschwachen Region, die von der EU Fördermittel erhält. Der beliebte Blondschopf hat vielleicht absichtlich ausgelassen, dass ausgerechnet die EU die kornischen Blätterteigtaschen als geografische Angabe geschützt hat. Seit 2011 dürfen die Cornish Pasties unter diesem Namen nur noch in Cornwall hergestellt werden.

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Doch Johnson kommt mit seiner Rede, gespickt mit Witz und Charme, in Cornwall gut an. Sie handelt von Freiheit, Demokratie und Unabhängigkeit. „Wir können uns die Kontrolle zurückholen“, ruft er. Es sei „absurd, dass uns gesagt wird, dass wir Bananen nicht in einem Bündel von zwei oder drei Stück verkaufen können“. Boris, wie er nur genannt wird, gehört neben dem konservativen Justizminister Michael Gove und dem Vorsitzenden der rechtspopulistischen Unabhängigkeitspartei Ukip, Nigel Farage, zu den lautstärksten Brexit-Befürwortern.

Eine halbe Zugstunde von London entfernt liegt der Bezirk Havering: Vor einigen Wochen machte das Meinungsforschungsinstitut YouGov die Gegend als die europa-skeptischste im gesamten Königreich aus. Die Spurensuche in deren größten Stadt Romford beginnt an einem Gebäude, das den Namen Margaret-Thatcher-Haus trägt, und sie endet, wie meistens in Großbritannien, im Pub.

Das Hauptquartier der Konservativen, das gleichzeitig als Basis der parteiübergreifenden „Leave“-Kampagne dient, ist unschwer zu erkennen. Dutzende Plakate kleben an den Fenstern, der Union Jack bläht sich im Wind. Eine große Gedenktafel erinnert an die Eiserne Lady, Fotos von ihr schmücken die Wände im Inneren und einen altar-artigen Tisch. Aber ihre legendären Worte zur Durchsetzung des sogenannten Briten-Rabatts, „I want my money back“, haben sich überholt. Die Europaskeptiker fordern jetzt: „We want our country back“.

Es empfängt Andrew Rosindell, konservativer Abgeordneter und Austrittsbefürworter. Zu Ruhm gelangte er während des Wahlkampfs 2001, als er an der Seite eines in eine Union-Jack-Weste gekleideten Bullterriers auftrat. Ein Hund-in-Flagge-Keramik-Türstopper erinnert an die tierische Episode.

„Wir sind in einer traditionellen Marktstadt, wo ein instinktiver Glaube an das Land und ein tiefsitzender Patriotismus herrschen“, erklärt Rosindell die EU-Ablehnung in der Region und nimmt einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse in britischen Nationalfarben. Für ihn ging der europäische Weg völlig schief. „Uns wurde Stück für Stück unsere Demokratie weggenommen und das Recht, unsere eigenen Entscheidungen in unserem eigenen Land zu treffen.“ Als Parlamentarier fühle er sich, als stempele er nur noch EU-Gesetze und Regelungen ab. Mehr nationale Souveränität und weniger Fremdbestimmung – es ist eines der zentralen Argumente der Austrittsbefürworter.

Camerons wunder Punkt

Doch den Ausschlag könnte am Ende das Thema Immigration geben. „Wir werden überrannt“, sagt Steve Golden. Er lehnt an der dunklen Holztheke des lokalen Pubs „Golden Lion“ in Romford und trinkt Pale Ale. Der 57-Jährige arbeitet in der Baubranche, zusammen mit vielen Einwanderern. Aber Großbritannien halte den Zustrom der Migranten nicht aus. „Unsere Grenzkontrollen funktionieren nicht.“ Darunter litten Schulen und Krankenhäuser, es mangele an Wohnraum.

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Tatsächlich trifft er damit den wunden Punkt des Premierministers Cameron. Dieser hatte seinen Landsleuten zugesagt, die Gesamtzahl der Einwanderer auf unter 100 000 Neuankömmlinge pro Jahr zu senken. Stattdessen zogen mehr als 300 000 Menschen jährlich auf die Insel, der Großteil stammt aus anderen EU-Staaten. Die sogenannten Brexiteers nutzen das gebrochene Versprechen geschickt, um Stimmung im Land zu machen. Und die Rechtspopulisten profitieren von der Anti-Einwanderungsdebatte.

In der Fußgängerzone schreien Gemüsehändler derweil um die Wette und nahe der Essenstände riecht es nach „Fish & Chips“. Es ist Markttag. An einer Ecke sitzt ein Straßenmusikant und schmettert Elvis Presleys Hit „It‘s Now Or Never“. Eine Frau mit einem „In“-Aufkleber auf dem Rucksack wirft eine Ein-Pfund-Münze in den Hut.

Universitätsstädte wie Cambridge oder Oxford gehören zu den europafreundlichsten Orten auf der Insel. Vor allem wegen des großen Anteils junger Menschen, die sich Umfragen zufolge in der Mehrheit gegen den Brexit aussprechen – auch, weil sie Nachteile auf dem internationalen Arbeitsmarkt befürchten. Aber werden sie auch ihre Stimme abgegeben?

„Dass die Menschen nicht wählen gehen, ist unsere größte Sorge“, sagt Lucasta Bath. Die 19-Jährige studiert Französisch und Deutsch in Oxford. Mehrmals pro Woche klopft die Vorsitzende der „Oxford Students for Europe“ an unzählige Türen in den typischen Reihenhaussiedlungen. So eilt sie von der Helen Road in die Alexandra Road: „83 Prozent ‚in‘, null Prozent ‚out‘“, liest einer von seiner selbst erstellten Umfrageliste ab. Gibt es sie etwa hier, die wahre Liebe zum Kontinent?

„Aggressive Nostalgie“

Julian LeVay ist an diesem lauen Abend der einzige Nicht-Student in der Gruppe, sein Rucksack quillt vor Flyern und Plakaten über. Der 65-Jährige stellt sich als „ehemaliger Euroskeptiker“ vor. Zu Beginn habe er sich nur für seine Kinder engagieren wollen, die auf dem Kontinent leben. Mittlerweile betrachtet der Historiker die EU zwar immer noch als chaotische Organisation, aber es sei besser, aus dem Inneren heraus daran zu arbeiten als von außen zuzuschauen und Auflagen diktiert sowie Rechnungen gestellt zu bekommen, wie das etwa bei Norwegen der Fall sei – eines der Länder, dessen Modell von der Austritts-Seite häufig gepriesen wird.

Zudem stoßt ihn die Rückwärtsgewandtheit vieler Anhänger des „Leave“-Lagers ab. Julian LeVay bescheinigt ihnen eine „aggressive Nostalgie“. Dabei sei die Zeit von vollkommen autarken Nationen vorbei. Ein Brexit, so befürchtet nicht nur er, könnte der „Anfang vom Ende“ der europäischen Idee bedeuten. LeVay klingelt bei der Nummer 198 und findet einen Unternehmer vor, den er nicht mehr überzeugen muss. Natürlich stimme dieser für den Verbleib. Immerhin habe er eine Dänin, eine Ungarin und eine Italienerin angestellt, sagt LeVay. „Ohne sie kann ich mein Geschäft schließen.“ Am 23. Juni entscheidet sich dann nicht nur sein Schicksal.

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