Kommentar über die Grünen

Der Erfolg der Grünen ist kein Zufall

Die Bündnisgrünen haben momentan einen richtig guten Lauf, der bei der Landtagswahl in Hessen weitergehen könnte. Der Erfolg ist kein Zufall, meint unser Kommentator Norbert Holst.
20.10.2018, 20:54
Lesedauer: 2 Min
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Der Erfolg der Grünen ist kein Zufall
Von Norbert Holst
Der Erfolg der Grünen ist kein Zufall

Heute sind die Grünen in ganz unterschiedlichen Konstellationen an Landesregierungen beteiligt.

Stefan Sauer/dpa

Sind die Grünen noch zu bremsen? Beinahe wöchentlich stellen sie, die bei der Bundestagswahl nur mit 8,9 Prozent ins Parlament eingezogen sind, Umfrage-Rekorde auf. Nun kommt die Ökopartei aktuell sogar auf 20 Prozent und hält die kriselnde SPD (14 Prozent) deutlich auf Distanz. Eine Woche vor der hessischen Landtagswahl zeigen die Ausschläge der Bayern-Wahl Wirkung auf die Stimmung in Hessen: Die CDU käme nur noch auf 26 Prozent, die SPD schrumpft auf 20 Prozent, die Grünen könnten auf 22 Prozent klettern.

Nichts scheint unmöglich. Hält die Glückssträhne an, könnte Tarek Al-Wazir sogar zum zweiten Ministerpräsidenten in der Geschichte seiner Partei avancieren. 2011 hat es Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg vorgemacht. So richtig vergleichbar wäre das aber nicht: Kretschmann, ohnehin Landesvater-Typ, profitierte damals auch von schwächelnden Konkurrenten. In Hessen liegen Al-Wazir, Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Oppositionschef Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) in den Sympathiewerten gleichauf.

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Sollte die Sensation gelingen, würde sich ein Kreis schließen. 1985 wurde im hessischen Landtag Joschka Fischer zum ersten grünen Minister überhaupt vereidigt – in Turnschuhen. Es bedeutete eine Zäsur für die Partei, die sich in jungen Jahren vor allem als Fundamentalopposition verstand.

Es war der Startschuss für das „rot-grüne Projekt“. SPD und Grüne sahen sich als linkes Lager, quasi als natürliche Verbündete. Zeitweise träumten Sozis, Ökopaxe und Dunkelrot-Linke sogar von einem Dreierbündnis. Ebenfalls in Hessen sollte es vor zehn Jahren besiegelt werden. Die SPD-Ministerpräsidentin in spe, Andrea Ypsilanti, und ihr Gefolge sprachen von einer „Mission“ mit Signalcharakter für den Bund. Es wurde eine „Mission impossible“. Vier SPD-Abgeordnete ließen die geplante Minderheitsregierung mit Duldung der Linken platzen.

Heute sind die Grünen in ganz unterschiedlichen Konstellationen an Landesregierungen beteiligt. Es reicht von Schwarz-Grün, über Jamaika in Kiel bis zu Kenia in Sachsen-Anhalt. Die Öffnung hin zur Mitte ist auch ein Grund für die aktuellen Erfolge. Hinzu kommt die klare Positionierung bei Themen wie Flüchtlinge, Diesel-Gate oder Kohleausstieg. Das wiederum unterscheidet die Grünen vom gegenwärtigen Erscheinungsbild, wie es CDU und SPD bieten. Auch das neue Führungsduo sorgt für den guten Lauf. Annalena Baerbock und Robert Habeck wirken frisch und unverkrampft, machen ihrer Truppe gute Laune vor.

Auf einem ähnlichen Höhenflug befanden sich die Grünen schon 2011, nach der Atomkatastrophe von Fukushima. Der Absturz folgte jäh. Mit Linksruck und Veggie-Day war er hausgemacht. Aber Geschichte muss sich ja nicht wiederholen.

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