Interview

„Der Erfolg gibt dem Vorgehen recht“

Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen Thomas Bliesener bewertet im Interview den Schritt, zur Fahndung mit Fotos eines Opfers an die Öffentlichkeit zu gehen.
10.10.2017, 21:48
Lesedauer: 2 Min
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Von Helge Hommers
„Der Erfolg gibt dem Vorgehen recht“

Thomas Bliesener

dpa

Herr Bliesener, war der Schritt, mit Opferfotos an die Öffentlichkeit zu gehen, so etwas wie die letzte Option, die dem Bundeskriminalamt (BKA) in einem Fall wie diesen noch blieb?

Thomas Bliesener: Vor so einem Vorgehen stehen viele Überlegungen. Es sind mehrere Konsequenzen zu berücksichtigen: Einerseits muss der Persönlichkeitsschutz des Opfers, das auf den veröffentlichten Fotos zu sehen ist, gewährleistet sein. Denn sein Schicksal wird für alle Zeit im Internet verfügbar sein. Auf der anderen Seite war es in diesem Fall sehr wahrscheinlich, dass es zu weiteren Missbrauchsfällen kommen könnte. Es gibt also weitere potenzielle Opfer, die es zu schützen gilt. In solchen Fällen muss man abwägen.

Wie bewerten Sie in diesem Fall die Entscheidung des BKA?

Der Erfolg, der mit der Veröffentlichung erzielt wurde, gibt dem Vorgehen recht. Das Gefährdungsmoment für das Opfer und weitere Fälle war definitiv gegeben.

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Was ist nun im Umgang mit dem Opfer zu beachten?

In erster Linie ist es wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, wie man es vor den Nebenwirkungen schützt. Bei so einem jungen Kind ist die berechtigte Hoffnung da, dass die veröffentlichten Bilder später nicht mehr mit seiner Person in Verbindung gesetzt werden. Solch ein Stigma darf keine weiteren Ausmaße annehmen.

Im Juli dieses Jahres hat das BKA im sogenannten Darknet eine Plattform für Kinderpornografie abgeschaltet, die fast 90.000 Nutzer hatte. Wie ist es möglich, dass sich ein Ring in dieser Größenordnung entwickeln kann?

Bereits vor Zeiten des Darknet existierten Tauschbörsen, auf denen Materialien von Kinderpornografie weitergegeben wurden. In diese Austauschkreise kam man aber nur mit einer Empfehlung herein. Tipps, wie man Zugang zu diesen erhält, werden weiterhin wie früher vergeben. Es scheint im Darknet aber eine Art von inneren Zirkeln zu geben, die in gewisser Weise miteinander verbunden sind.

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Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik kam es deutschlandweit im vergangenen Jahr zu 12.000 Ermittlungsverfahren wegen Kindesmissbrauch.

Im Vergleich zu den Vorjahren sind die Zahlen rückläufig. Es handelt sich hierbei aber nur um eine Dunkelziffer. Die tatsächlichen Zahlen sind sicherlich deutlich höher anzusiedeln.

Die Fragen stellte Helge Hommers.

Zur Person:

Thomas Bliesener ist Diplom-Psychologe und Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover.

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