Kommentar über Antisemitismus

Der Ernst der Lage

Judenfeindlichkeit ist nicht wieder salonfähig geworden, aber sie ist enttabuisiert. Das bereitet der weiteren Verbreitung von Antisemitismus den Boden und muss aufgehalten werden, findet Silke Hellwig.
13.10.2019, 22:40
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Der Ernst der Lage
Von Silke Hellwig
Der Ernst der Lage

Laut Umfragen sind etwa ein Drittel der Bundesbürger der Meinung, dass unter alles, was vor 1945 geschah, ein Schlussstrich zu ziehen sei.

Peter Steffen /dpa

Eine Frage drängt sich jetzt auf: Muss man sich für diese Nation schämen, weil sie nicht in der Lage zu sein scheint, aus ihrer Vergangenheit zu lernen? Im Prinzip nicht – eine gewisse Anzahl von Rassisten, Rechtsextremen und Antisemiten, manche im Verborgenen, andere ganz offen und dritte gewalttätig, sind nicht die Stellvertreter der Bundesbürger in Gesamtheit. Sie bilden eine Minderheit. Anlass zur Sorge gibt es gleichwohl, wenn die „Süddeutsche Zeitung“ – bereits Wochen vor dem Attentat in Halle – feststellt: „Die Ablehnung von Juden breitet sich unter Deutschen nicht weiter aus, aber der Antisemitismus zeigt immer offener sein Gesicht.“

Und tatsächlich beginnt dem deutschen Bewusstsein an einer ehemals äußerst empfindlichen Stelle offenbar eine Hornhaut zu wachsen: Antisemitische Witze werden nicht nur unter Gleichgesinnten erzählt, Vorurteile und Hass werden über Tastaturen ins WWW erbrochen, auf Schulhöfen wird Jude als Schimpfwort benutzt, Wände werden beschmiert, jüdische Grabstätten geschändet, und Juden, die sich als solche zu erkennen geben, werden angepöbelt, bedroht, angegriffen, niedergeschlagen.

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Was im Keim hätte erstickt werden müssen, schon vor langer Zeit, wird nun verwaltet: Es ist indes nicht dem Hang zur Bürokratie, sondern dem Ernst der Lage geschuldet, dass das Bundeskriminalamt und das Bundesinnenministerium antisemitisch motivierte Straftaten gesondert erfassen. Dieser Artikel, nicht einmal diese gesamte Zeitungsseite reichte, um die Taten aufzuzählen. Die „Welt am Sonntag“ hat in ihrer jüngsten Ausgabe unter dem Titel „Längst wieder“ auf einer Seite eine Auswahl von Vorfällen dieses Jahres aufgelistet: einige von mehreren Hundert aus der Zeit zwischen Januar und Juni 2019. Der Bundestag sah sich im Januar 2018 dazu veranlasst, mit Felix Klein einen „Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“ zu benennen. Das heißt: höchste Alarmstufe.

Derweil erklären geschichtsverdrossene Schüler, dass sie das Thema Nationalsozialismus anödet, weil sie es im Unterricht vermeintlich zu oft durchkauen. Andere machen Selfies beim Besuch eines KZ oder benehmen sich am Holocaust-Denkmal in Berlin daneben. Etwa ein Drittel der Bundesbürger sind laut Umfragen der Meinung, dass unter alles, was vor 1945 geschah, ein Schlussstrich zu ziehen sei. Tendenz steigend.

Alles das bereitet den Boden für eine Enttabuisierung, für ein Klima, das sich durch eine gewisse Empfänglichkeit für judenfeindliche Einstellungen in muslimischen Kreisen verstärkt. Die Vorurteile haben einen anderen Hintergrund, das hilft den Opfern nur kein bisschen. 2012 wurde in der Bundeshauptstadt ein Rabbiner von vier Männern verprügelt, mutmaßlich arabischer Herkunft, wie es damals hieß. Vor wenigen Wochen wurde, ebenfalls in Berlin, ein Rabbiner beschimpft und bespuckt. Die Täter, sagte das Opfer aus, hätten „Freiheit für Palästina“ gerufen.

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„Wir müssen leider feststellen, dass die Aggressionen gegen Juden sowohl auf den Schulhöfen als auch auf den Straßen Berlins ein Eigenleben entwickelt haben“, sagte der Rabbiner. Ein Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung kommt zu dem Schluss, dass Jugendliche muslimischen Glaubens ihre antisemitische Haltung damit begründen, „dass sie durch die zunehmende Islamfeindlichkeit selbst abgewertet und diskriminiert werden“. Das verbindet Antisemiten mit unterschiedlicher Motivlage: Menschen jüdischen Glaubens werden zu Sündenböcken gemacht.

Ist Judenfeindlichkeit wieder salonfähig geworden? Gewiss gilt das für diverse Salons im Internet. Wenn jemand öffentlich als „Judensau“ beschimpft wird, zucken die meisten Bürger vermutlich zusammen. Ob sie sich auch einmischen? Da sollte man sich nicht zu sicher sein. Was geht mich das an, fragt das individualisierte Ich der modernen Gesellschaft und wendet sich wieder seinem Mobilgerät zu, ganz im Hier und Jetzt, ohne ein Gefühl für die Vergangenheit oder Zukunft.

Es muss schon Verletzte oder Tote geben, um allenthalben Bestürzung und Empörung auszulösen. Politiker besuchen Synagogen, fordern härtere Strafen, intensivere Kontrollen, null Toleranz. Die „Taz“ titelt: „Nichts tun und immer nur schockiert sein, ist tödlich“. Der Publizist Henryk M. Broder sagte im Interview mit dieser Zeitung: „Die heutige Gesellschaft hat große Sympathien für tote Juden, tut sich aber schwer damit, sich für die lebenden Juden einzusetzen.“ Dem ist zur Verteidigung nicht viel entgegenzusetzen – ein beschämender Befund.

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