Kommentar über den Hunger im Jemen Der Nachbar lebt in Saus und Braus

Warum soll uns das Elend im Jemen interessieren? Vielleicht, weil Deutschland größte Geldgeber des Landes war. Doch man hat es nie verstanden, Einfluss auf das Geschehen zu nehmen, meint Birgit Svensson.
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Der Nachbar lebt in Saus und Braus
Von Birgit Svensson

Das jetzt auch noch: Vor der Küste Jemens läuft ein Tanker leck. Eine Million Fass Öl laufen gerade aus dem Schiff ins Rote Meer. Eine Umweltkatastrophe größten Ausmaßes und ein weiteres Kapitel im Kampf zwischen der von Saudi-Arabien und den Emiraten unterstützten Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi und den Huthi-Rebellen, hinter denen Iran steht. Schon im Juli wurde vor der Katastrophe gewarnt, war der schnell erodierende Tanker ein Thema in den internationalen Medien. Das Schiff könnte bald explodieren, schrieb der britische „Guardian“. Passiert ist nichts. Beide Seiten schieben sich die Schuld gegenseitig zu – wie so oft in diesem Konflikt. Die Huthis wollten sicherstellen, dass sie den Erlös des Öls – immerhin 80 Millionen US-Dollar – bekommen, wenn der Tanker im Hafen von Hodeida löscht. Saudi-Arabien wollte dies verhindern. Jetzt hat der Nachbar die Ölpest vor seiner Haustür.

Dass der Jemen eine Horrormeldung nach der anderen produziert, ist man mittlerweile schon gewohnt und die meisten hören und schauen gar nicht mehr hin, wenn es Meldungen aus dem unteren Teil der arabischen Halbinsel in die Nachrichten schaffen. So wurde auch die Meldung vom Ausbruch des Dengue-Fiebers vor zwei Wochen kaum registriert. Neben Malaria und Cholera breitet sich demnach eine weitere Epidemie in der Krisen-Region aus. Mehr als 3500 Menschen sind an dem tropischen Fieber erkrankt.

Kein Wunder. Wer hungert, schwächt sein Immunsystem. Und Hunger leider viele Menschen im Jemen. Immer wieder war von Hungerkatastrophen die Rede und davon, dass man für verhungernde Kinder spenden solle. Besonders zu Weihnachten tauchte das Land traditionell in den Spendenaufrufen auf. Doch der seit 2015 tobende Bürgerkrieg macht die Sache noch schlimmer. Nach Uno-Angaben wurden in dem Konflikt bereits mehr als 10.000 Menschen getötet, unter ihnen Tausende Zivilisten. Mehr als drei Millionen Menschen wurden in die Flucht getrieben. Wie viele Kinder durch Bomben oder Hunger sterben, differenziert niemand.

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Warum auch sollte uns der Jemen interessieren? Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen, weil Deutschland mit Abstand über lange Jahre der größte Geldgeber Jemens war. Millionen Steuergelder sind in das Land geflossen. Die gesamte Wasserversorgung lag in deutscher Hand. Doch hat es die Bundesregierung nie verstanden, auf das politische und wirtschaftliche Geschehen im ehemals Arabia Felix – fruchtbares Arabien – Einfluss zu nehmen. Man überließ es den anderen, allen voran den USA und Saudi-Arabien. Doch genau die liefern sich jetzt einen Stellvertreterkrieg mit Iran in der gesamten Region. Aber im Jemen sind die Auswirkungen besonders verheerend.

Der zweite Grund ist die stattliche Anzahl von Jemeniten, die in Deutschland lebt. Das Bundesamt für Flüchtlinge (Bamf) hat sie zumeist im Norden angesiedelt – von Bremen bis Eckernförde. Zwar kamen die meisten seit Ausbruch des Bürgerkrieges, doch auch schon vorher trieb Langzeitherrscher Ali Abdullah Saleh viele Menschen in die Flucht, die mit ihm nicht einverstanden waren. Der sogenannte arabische Frühling trieb dann auch im Jemen die Massen auf die Straße. Das Protestcamp am Universitätsplatz in Sanaa war fast genauso groß wie das am Tahrir-Platz in Kairo. Doch anders als in Ägypten dankte der Präsident im Jemen eigentlich niemals richtig ab. Zwar einigte sich die politische Klasse mit Unterstützung der Amerikaner und Saudi-Arabiens – wo Saleh die Verletzungen eines Attentats auskurierte – auf Mansur Hadi. Doch war von Anfang an klar, dass der farblose Mann aus Aden das Land nicht einigen und voranbringen könnte. Die Präsidentenwahl 2012 war denn auch eine Farce.

Schon beim Eintritt Saudi-Arabiens in den Bürgerkrieg vor fast fünf Jahren lebten 70 Prozent der knapp 30 Millionen Jemeniten unter der Armutsgrenze von zwei US-Dollar am Tag. Jetzt sind es noch mehr. Der Nachbar Saudi-Arabien dagegen lebt in Saus und Braus und schmeißt nur so um sich mit Dollar-Scheinen. Krasser könnte der Gegensatz auf der arabischen Halbinsel nicht sein. Doch anstatt mal einige Millionen Pedro-Dollars in den Süden zu schieben, schickt Kronprinz Mohammed bin Salman lieber Bomben. Dabei würde er mit Nahrungsmitteln die Herzen und Köpfe seiner Nachbarn bestimmt leichter erobern – Huthis hin oder her. Es gilt das alte Sprichwort: „Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe.“ Ein Hoffnungsschimmer zum Schluss: Aufgrund der drohenden Ölkatastrophe im Roten Meer soll es jetzt Geheimverhandlungen zwischen den Saudis und den Huthis geben.

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