Die ukrainische Politikwissenschaftlerin Katerina Malygina zur eskalierenden Gewalt in Kiew „Der Opposition fehlt eine zentrale Figur“

Katerina Malygina kommt aus der Ukraine und gibt für die Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen die „Ukraine-Analysen“ heraus. Mit ihr sprach Hans-Ulrich Brandt.
23.01.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Katerina Malygina kommt aus der Ukraine und gibt für die Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen die „Ukraine-Analysen“ heraus. Mit ihr sprach Hans-Ulrich Brandt.

Frau Malygina, wohin steuert Ihr Heimatland?

Katerina Malygina: Die Lage droht zu eskalieren, und es ist schwer zu sagen, wie es weitergeht. Ein Ende der Gewalt sehe ich momentan nicht – weder Opposition noch Regierung sind zu Zugeständnissen bereit.

Oppositionspolitiker Vitali Klitschko sagt, die Anti-Regierungsbewegung habe die Lage nicht mehr unter Kontrolle. Wie ist Ihre Einschätzung?

Klitschko hat recht. Die Mehrheit der Demonstranten wirft der Opposition vor, in den vergangenen zwei Monaten zu wenig erreicht zu haben. Sie wünschen sich statt drei Oppositionsführern einen, der die Verantwortung übernimmt – eine zentrale Figur des Volkes, die für den Kampf gegen das Regime von Präsident Janukowitsch steht.

Fehlt der Opposition eine Figur wie es früher Julia Timoschenko war?

Ja, obwohl auch sie nicht unumstritten ist. Aber so eine charismatische Figur fehlt den Demonstranten eindeutig.

Und Vitali Klitschko?

Nein, seine Bedeutung wird in Deutschland sehr überschätzt. Er ist ein Spitzensportler, aber als Politiker fehlt ihm Charisma, und er ist auch kein guter Redner.

Es hat Krisentreffen zwischen Regierung und Opposition gegeben: ohne Erfolg. Ist eine friedliche Lösung noch möglich?

Zur Zeit sehe ich keine Chancen für einen ernsthaften Dialog, die Lage ist zu ernst. Ohne internationale Einmischung ist dieser Konflikt nicht zu beenden. Janukowitsch wird nie sofortigen Neuwahlen zustimmen, weil er um seine Macht, sein Geld und seine Freiheit fürchtet.

Sie sprechen von einem Druck von außen. Hat die Europäische Union denn noch Einfluss auf Kiew?

Fragt man die Demonstranten, dann hat die EU mit ihren demokratischen Werten immer noch große Anziehungskraft.

Was ist mit Russland?

Moskau wird sich nicht direkt einmischen, dort hat man die Lehren aus der Orangenen Revolution 2004 gezogen. Indirekte Unterstützung des Regimes Janukowitsch, wie etwa durch günstige Kredite für die angespannte ukrainische Wirtschaft, wird es wohl geben.

Hat die Ukraine unter Janukowitsch überhaupt noch eine Zukunft?

Nein, das glaube ich nicht.

Zur Person

Katerina Malygina (27) studierte in der Ukraine Internationale Beziehungen, bevor sie 2007 nach Deutschland kam. Seit 2009 arbeitet sie an der Uni Bremen zum Thema „Ukraine als Energietransitland“.

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