EKD-Ratsvorsitzender im Interview

„Den Menschen Trost und Hoffnung geben“

Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, über die Bedeutung des Osterfestes in Corona-Zeiten und die Haltung seiner Kirche zu Suizid-Assistenz.
01.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Benjamin Lassiwe
Bischof Bedford-Strohm, was bedeutet Ihnen der Gründonnerstag?

Heinrich Bedford-Strohm: Der Gründonnerstag ist der Tag, an dem Jesus die Gemeinschaft mit den Jüngern im Abendmahl gehabt hat und das Abendmahl eingesetzt hat. Deshalb ist der Gründonnerstag ein sehr bewegender Tag im Osterzyklus. Er weckt viele Gefühle: zum Beispiel das Gefühl der Gemeinschaft. Es gibt eine sehr bekannte Abendmahlsdarstellung von Leonardo da Vinci. Sie wurde in der Corona-Pandemie verfremdet: Nun sitzen die Jünger nicht mit Jesus am Tisch, sondern sind per Videokonferenz zugeschaltet. Eine Aktualisierung, die mich sehr ins Nachdenken bringt. Oder das Gefühl der Angst – die Szene im Garten Gethsemane, in der Jesus Angst hat, in der er betet, er die Jünger braucht: „Wachet mit mir und betet!“ Und die Jünger schlafen, und Jesus fühlt sich alleingelassen. Jesus begegnet uns da sehr menschlich. Das ist vielleicht auch das Entscheidende der ganzen Passionswoche: Alles, was da passiert, ist nicht irgendwie abgehoben, sondern spricht direkt hinein in unser Leben, in unsere Gegenwart.

Sind physische Präsenzgottesdienste in diesem Jahr an Ostern möglich – oder zu riskant?

Die Entscheidung, neben digitalen Gottesdienstformaten auch Gottesdienste in Präsenz anzubieten, wird in den Gemeinden im Blick auf die jeweilige Situation vor Ort sehr verantwortungsvoll getroffen. Der Gesundheitsschutz geht vor. Aber überall dort, wo durch klare Sicherheits- und Hygienekonzepte sichergestellt werden kann, dass ein Ansteckungsrisiko auch mit dem mutierten Virus weitestgehend ausgeschlossen wird, kann ein Gottesdienst in oder vor der Kirche eine gute Möglichkeit sein, gerade den einsamen Menschen Hoffnung und Trost zu geben.

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Ostern ist ein Fest, das von der Hoffnung auf Auferstehung lebt. Bezogen auf ein Ende der Pandemie hat sich gerade diese Hoffnung in diesem Jahr nicht erfüllt, wir steuern auf einen neuen Lockdown zu. Das heißt für Sie?

Die Karwoche und dann das Osterfest sind ganz eng verknüpft mit den ganz konkreten Erfahrungen der Menschen heute. Der Ruf Jesu am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!“, das ist ja das, was viele Menschen heute empfinden. Die auf der Corona-Station liegen. Die im Alltag nicht mehr können. Die keine Geduld mehr haben. Die sich Sorgen um ihre Kinder machen, die über ein Jahr unter solchen Bedingungen aufwachsen müssen. Da fühlt sich schon der eine oder andere von Gott verlassen. Ihnen sagt aber das Osterfest: Entgegen dem, was Du jetzt siehst, gibt es noch mehr. Weil die Verzweiflung nicht das letzte ist, weil die Auferstehung Jesu Christi am Ende gezeigt hat, dass nicht die Dunkelheit, sondern das Licht das letzte Wort hat. Ich glaube schon, dass das eine ganz starke Hoffnungsquelle ist.

Wenn wir über Verzweiflung sprechen: Die Kirchen und die Gesellschaft diskutieren derzeit über die Suizid-Assistenz. Wie werden die Kirchen künftig damit umgehen?

Der Schrei Jesu am Kreuz ist leitend für uns, auch beim Thema assistierter Suizid. Er bedeutet nämlich, dass wir die Not der Menschen, die sich die Frage stellen, ob sie ihrem Leben ein Ende bereiten wollen, ernst nehmen müssen. Wir dürfen nicht mit moralischen Fundamentalgrundsätzen über die konkrete Not dieser Menschen hinweggehen. In meinem Buch „Leben dürfen. Leben müssen“ habe ich bereits 2015 auf das Prinzip der „Kontextsensibilität“ hingewiesen: Wir müssen sensibel sein für die konkrete Not dieser Menschen.

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Aber es geht jetzt nicht um Einzelfälle, sondern um eine gesetzliche Regelung.

Gerade deswegen müssen wir uns fragen: Was heißt es jetzt, wenn wir aus dieser Not die Konsequenz ziehen, dass wir gesetzliche Regelungen schaffen, die den assistierten Suizid, oder dann womöglich die Sterbehilfe, wie es gerade in Spanien passiert, zur normalen Option machen. Das ist der falsche Weg. Denn es würde ignorieren, dass es beim Suizid immer um eine tragische Ausnahmesituation geht. Man darf keinen gesetzlichen Freibrief für die Suizid-Assistenz geben. Es gibt immer Grenzsituationen, in denen man Gewissensentscheidungen treffen muss. Ich bin der Meinung, dass es solche Spielräume immer geben muss, dass Ärzte und Patienten diese Frage ansprechen und darüber reden können. Das ist aber etwas fundamental anderes als gesetzliche Regelungen, die öffentlich sichtbar machen: Das ist jetzt eine der Optionen, für die Du Dich entscheiden kannst.

Aber was machen die Kirchen?

Als Kirchen versuchen wir, eine bessere Alternative ins Zentrum zu rücken. Wir sagen, wir müssen sehen, wo die Situationen herkommen, in denen die Menschen eine solche Ausweglosigkeit sehen. Wir müssen die Palliativmedizin verstärken und Mut zum Leben machen.

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In der Diakonie gibt es auch Stimmen, die auf ein neues Angebotsfeld hoffen. Können Sie sich den assistierten Suizid als Angebot der Diakonie vorstellen?

Ich kann mir keine Suizid-Assistenz als Teil der Angebotspalette eines diakonischen Heims vorstellen. Das wäre das falsche Zeichen. Für mich ist aber völlig klar: Menschen müssen begleitet werden, unabhängig davon, was sie tun, denken oder handeln. Einfach, weil sie Menschen sind, die sich in einer Notsituation befinden. Da müssen wir an ihrer Seite stehen. Das heißt aber nicht, dass wir zu allem, was sie sich an Handlungen von uns wünschen, „ja“ sagen werden. Die Rechtfertigungslehre Martin Luthers ist für mich da die Grundlage: Der Mensch wird bedingungslos angenommen. Aber zu seinen Taten muss man nicht immer ja sagen.

Wenn jetzt jemand käme und Sie fragen würde, ob Sie ihn oder sie in die Schweiz zum Sterben begleiten würden, was würden Sie sagen?

Als Seelsorger möchte ich Menschen in Not begleiten, aber ich möchte nicht zu allem „ja“ sagen, was sie sich wünschen. Als Pfarrer habe ich ähnliche Situationen gehabt, und auch jetzt wenden sich Menschen mit solchen Fragen an mich als Bischof. Und ich habe die Erfahrung gemacht: Es geht, dass ich die Person annehmen kann und das auch ausstrahle und dennoch kritische Fragen an die Option des Suizids stelle. Ich habe sogar die Erfahrung gemacht, dass man in so einer Situation von mir erwartet, dass ich diese Option kritisch hinterfrage. Auf so eine ernsthafte Begleitung hat jeder Mensch Anspruch. Aber nicht darauf, dass ein diakonisches Heim alle Vorkehrungen dafür trifft, und sich aktiv daran beteiligt, dass die Pille oder der Giftbecher für den Menschen zur Verfügung gestellt werden kann.

Das Gespräch führte Benjamin Lassiwe.

Info

Zur Person

Heinrich Bedford-Strohm (61)

ist noch bis zum Herbst als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) das Gesicht des deutschen Protestantismus. Er ist bayerischer Landesbischof und überzeugter Verfechter einer öffentlichen Theologie.

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