Polizei bringt Manfred S. mit sechs Toten in Verbindung

Der Serienmörder aus dem Taunus

Schwalbach. Nichts erinnert in der kleinen Gasse mitten im Taunussort Schwalbach an den schrecklichen Fund, der hier vor 20 Monaten gemacht wurde. Die weiße Garage, in der ein mutmaßlicher Serienmörder die Leichenteile einer Frankfurter Prostituierten deponiert haben soll, wirkt unauffällig.
20.05.2016, 00:00
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Schwalbach. Nichts erinnert in der kleinen Gasse mitten im Taunussort Schwalbach an den schrecklichen Fund, der hier vor 20 Monaten gemacht wurde. Die weiße Garage, in der ein mutmaßlicher Serienmörder die Leichenteile einer Frankfurter Prostituierten deponiert haben soll, wirkt unauffällig. Das Tor zum Hof ist weit geöffnet, kein Mensch ist am Donnerstag zu sehen.

Der inzwischen gestorbene Manfred S. hatte diese Garage gemietet. Fahnder ­gehen davon aus, dass ihm mindestens sechs Morde mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit zuzurechnen sind. In vielen weiteren Fällen wird noch ermittelt. Der Täter soll damit ­sexuelle Gewaltfantasien ausgelebt haben.

Die meisten Nachbarn kannten den vor zwei Jahren gestorbenen Manfred S. nur vom Sehen. Nach dem Tod ihres 67 Jahre alten Vaters räumte die Tochter im September 2014 in der Garage auf – und entdeckte ­Leichenteile. Ohne diesen Fund wäre Manfred S. weiter als „ganz normaler Familienvater“ in Erinnerung, sagt Ermittler Frank Herrmann.

Der Verdächtige ging zeitlebens einer ­Arbeit als Gärtner und Entrümpler nach, galt als gesellig und spielte in einer Band ­Saxofon. „Er führte ein perfektes Doppelleben über lange Jahre“, sagt Herrmann, der am Donnerstag im Landeskriminalamt (LKA) in Wiesbaden die Erkenntnisse der Sonderkommission „Alaska“ ausbreitet. Sie hat sich nach einem Spitznamen von Manfred S. so genannt.

Es sind entsetzliche Verbrechen, die bis in den Beginn der 70er-Jahre zurückreichen und auf die sich die Polizei nie einen ­richtigen Reim machen konnte. Die Opfer waren – bis auf eine Ausnahme – Frauen. Oft Drogenabhängige, die sich in ihre Not auf dem Strich im Frankfurter Bahnhofsviertel verdingten. Bei zwei Fällen Anfang der 70er-Jahre geht es um zwei Frauen aus einem Frankfurter Altenheim, die Manfred S. dort als Entrümpler getroffen haben könnte.

Die Leichen der Opfer wurden furchtbar zugerichtet. Glieder wurden abgeschnitten, immer unterschiedliche Körperteile und ­Organe vom Täter entnommen und mit-­genommen. Genauso war es beim Opfer ­Britta D., die in der Schwalbacher Garage gefunden wurde. Bis heute fehlt ein Körperteil. „Wenn Sie das zusammenrechnen, könnten Sie sich tatsächlich dadurch einen neuen Körper herstellen“, sagt Ermittler Herrmann in ganz nüchternem Ton bei der Pressekonferenz.

Manfred S. soll die Prostituierte etwa 2004 ermordet haben – möglicherweise nicht allein. Anregung für seine Taten hat er sich den Ermittlern zufolge auch aus dem ­Internet geholt. Auf dem Computer seien Dateien gefunden worden, die „fast eins zu eins“ auf die Morde passten. Es soll sich dabei um eine Form von Comics gehandelt haben, wie Herrmann andeutet.

Einer der spektakulärsten Fälle der letzten Jahrzehnte in Frankfurt – die Ermordung des 13-jährigen Tristan im Jahr 1998 – sieht die Polizei ebenfalls in der Reihe. Als ­Schüler passe er zwar nicht ins Muster der Opfer. Doch die Verstümmelungen der Leiche ­seien sehr ähnlich.

Die Garage von Manfred S. war nie abgeschlossen, wie Anwohner berichten. Die Mieter hätten mal ein Grillfest gefeiert und die Fässer, in denen damals noch die ­Leichenteile lagen, als Sitzgelegenheit benutzt. Nach der Party hätten sie die Fässer wieder zurück in die Garage gebracht, in der hauptsächlich Gartengeräte gelagert worden seien.

Manfred S. war im Ort als Musiker und Gärtner bekannt. Die Nordstraße, in der die Garage liegt, ist für die Anwohner seit dem Fund zur „Mordstraße“ geworden. „So ein Doppelleben zu führen, dazu gehören ­Nerven“, sagt ein 76-Jähriger. Der Mann sei ihm selbst eigentlich nur aufgefallen, weil er öfter mit dem VW-Bus an seinem Tor entlanggeschrammt sei. „Gesagt habe ich nichts. Er konnte halt nicht Auto fahren.“

Für die Ermittler ist der Fall Manfred S. aber noch längst nicht abgeschlossen. Sie erhoffen sich Hinweise zu weiteren Fällen. Bei der Pressekonferenz im LKA haben sie Fotowände platziert – eine mit Fotos von den Opfern und eine mit den Fotos aus dem ­Leben des mutmaßlichen Täters über die Jahrzehnte hinweg.

„Die Spurenlage ist schwierig“, räumt Herrmann ein. Ermittelt wird weit über den Aktionskreis von Manfred S., dessen so unauffälligen Lebenslauf die Ermittler bis ins kleinste Detail durchforstet haben. Serienmörder beschränkten sich aber in der Regel auf ihre Region, sagt der Ermittler. Auf die Frage, wieso zwischen den Morden so große zeitliche ­Abstände liegen, hat er auch keine richtige Antwort.

Viele Fragen zu Manfred S. sind also offen, die wegen seines Tode wohl nie beantwortet werden können. „Insoweit bleibt es hier für immer bei dem bereits genannten Tatverdacht“, sagt Hessens LKA-Chefin ­Sabine Thurau. Mord verjähre zwar nie. Aber die Unschuldsvermutung gelte auch in diesem Fall „über den Tod hinaus“.

Opfer von Serienmördern Prostituierte sind schon öfter Opfer von Serienmördern geworden. Einige Beispiele: Ein Fernfahrer soll mindestens neun Frauen ermordet haben. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Hof tötete er zwischen 2001 und 2006 drei Prostituierte in Spanien und zwei in Frankreich. Außerdem soll er 1974 als Jugendlicher in Plauen eine Mitschülerin umgebracht haben. Laut Polizei in Bayreuth sei ihm zusätzlich die Ermordung von drei Frauen nachgewiesen worden, darunter zwei Prostituierte. Auch bei weiteren drei Mordfällen in Tschechien und einem Fall in Frankreich deuteten Indizien daraufhin, dass er der Täter gewesen sei. 2007 wird der Mann erhängt in seiner Bayreuther Gefängniszelle gefunden. Ein später als „Rhein-Ruhr-Ripper“ bekannt gewordener Sexualverbrecher aus Bottrop (Nordrhein-Westfalen) bringt zwischen 1994 und 1998 vier Frauen auf teils bestialische Weise um. Unter seinen Opfern sind zwei Prostituierte vom Straßenstrich in Essen und aus Bottrop. Der Mann wird 2000 zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein junger Mann erwürgt zwischen 1983 und 1987 in Kiel drei Prostituierte eines Bordells und eine junge Anhalterin. Fünf Tage nach der letzten Tat wird er nach einem Hinweis festgenommen und gesteht die vier Morde. 1988 wird der 29-Jährige wegen Totschlags an drei Frauen sowie Vergewaltigung und Ermordung einer vierten zu lebenslanger Haft verurteilt. Zwischen 1980 und 1983 ermordet ein Mann im Raum Offenbach (Hessen) fünf Frauen. Er wird 1984 wegen sexueller Belästigung festgenommen. 1985 wird der 26-Jährige in einem Indizienprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Er habe wegen seines abartigen Geschlechtstriebes drei junge Frauen im Wald und zwei Prostituierte als Kunde getötet, heißt es in der Urteilsbegründung. Ein Mann aus Regensburg erdrosselt 1975 im Abstand von drei Tagen in München zwei Prostituierte. Nach seiner Festnahme 1994 gesteht der 55-Jährige außerdem fünf weitere Morde an Frauen aus dem Raum Regensburg. Der als „Würger von Regensburg“ bekannt gewordene Mann wird 1995 zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Hamburger Wachmann Fritz Honka tötet zwischen 1970 und 1974 vier Prostituierte aus Sankt Pauli. Seine Verbrechen werden 1975 durch Zufall entdeckt: Nach einem Dachstuhlbrand in seinem Wohnhaus werden bei den Aufräumungsarbeiten die verstümmelten Leichen seiner Opfer gefunden. Honka wird 1976 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit kommt er in eine psychiatrische Klinik, in der er 1998 stirbt.
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