Interview zur Lage im Südsudan Mareike Schomerus: „Die Lage ist dramatisch“

Mareike Schomerus forscht seit Jahren über kriegerische Konflikte und Friedensprozesse im Südsudan. Im Interview schildert sie, vor welchen Herausforderungen die junge Nation steht.
21.02.2021, 05:00
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Mareike Schomerus: „Die Lage ist dramatisch“
Von Silke Hellwig

Frau Schomerus, der Südsudan gehört laut Unicef und International Rescue Committee aktuell zu den zehn größten Krisen­herden der Welt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Mareike Schomerus: Absolut. Die Lage ist dramatisch. Das Land wird gebeutelt von anhaltenden Bürgerkriegskonflikten, von großer Armut, Wüstenheuschrecken und Überschwemmungen, die Lebensmittelpreise steigen. Millionen Menschen sind von akuter Hungersnot bedroht. Corona verschärft die Krise weiter. Im Südsudan treffen Risiken und die Folgen verschiedenster Krisen und die Auswüchse verschiedenster negativer Entwicklungen aufeinander. Man muss sich die größten Sorgen machen, nicht nur für den Südsudan, auch für Zentralafrika.

Können Sie die Lage bitte genauer schildern?

Der Südsudan steckt gerade – in dieser ex­tremen Form vielleicht als letztes Land der Erde – in der Umwandlung von einer auf Landwirtschaft und Selbstversorgung konzentrierten in eine kapitalistische Gesellschaftsordnung. Was in Europa einige Jahrhunderte gedauert hat und von gewaltsamen Konflikten geprägt war, vollzieht der Süd­sudan in einem Mordstempo von ein paar Jahrzehnten. Bis vor wenigen Jahren hatten viele Südsudanesen kaum Zugang zu Bargeld. Jetzt müssen sie einen großen Teil ihrer Nahrung kaufen. Es gibt, insbesondere für junge Männer, nur wenige Möglichkeiten, um das nötige Geld verdienen zu können. Sie müssen das Land verlassen, sich als Soldaten verdingen oder einer Miliz anschließen. Das Gleichgewicht des Landes ist aus den Fugen geraten, auch durch negativen Einfluss von außen.

Internationale Entwicklungspolitik hilft nicht?

In der internationalen Entwicklungszusammenarbeit wird derzeit viel darüber nachgedacht und geredet, wie man Menschen, Institutionen, Gesellschaften und Kommunen widerstandsfähig macht gegenüber Krisen und Schocks. Viele Entwicklungsprogramme haben zur Aufgabe, diese Widerstandsfähigkeit zu stärken. Das ist im Fall des Südsudan absurd arrogant: Die Bevölkerung ist seit der Unabhängigkeit des Sudans im Jahr 1956, spätestens seit dem Bürgerkrieg von 1983 pausenlos gebeutelt und von den Herrschenden missachtet worden, und sie hat das ausgehalten und durchgestanden. Widerstandsfähigkeit muss man da niemandem beibringen. Man kann aber Programme so gestalten, dass sie helfen, gegen Risiken zu schützen, so dass diese Widerstandsfähigkeit nicht ständig bewiesen werden muss.

Es gibt konkrete humanitäre Hilfe im Südsudan, von den Vereinten Nationen, vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes, von vielen anderen Organisationen – was ist mit diesen Bemühungen?

Humanitäre Hilfe ist viel kleiner, als man oft denkt. Es wird ja oft der Eindruck der Abhängigkeit von humanitärer Hilfe erzeugt. Dabei zeigen Studien, dass die Bevölkerung sich nur zu einem winzigen Prozentsatz von verteilten Lebensmitteln ernähren kann. Humanitäre Hilfe kann auch Teil des Systems sein, das dem Land schadet. Humanitäre Organisationen können nicht einfach in ein Kriegskrisengebiet spazieren und sagen: Da sind wir, wo können wir die Lebensmittel verteilen? Sie müssen mit denjenigen verhandeln, die das Gebiet kontrollieren, sie müssen sich den Zugang oft erkaufen. Das heißt, dass Lebensmittel bei den Milizen oder Regierungstruppen landen oder verkauft werden. Damit wird, ohne es zu wollen, die Geldwirtschaft vorangetrieben, unter der das Land ohnehin schon leidet. Das ist das Dilemma, in dem viele arme Länder stecken.

Was hilft Ihrer Meinung nach stattdessen?

Weil Lebensmittelverteilung problematisch ist, arbeiten humanitäre Organisationen immer mehr mit Bargeld-Transfers: Wenn es schon Geldwirtschaft gibt, sollte man den Menschen auch Geld geben. So werden loka­le Märkte gefördert, die Menschen kaufen sich das, was sie wirklich brauchen, und es wird von den Empfängern oft als deutlich respektvoller empfunden, Geld anstatt Lebensmittel zu erhalten. Ein anderer wichtiger Diskurs dreht sich um Hyperlokalisierung. Das heißt, dass humanitäre Hilfe von lokalen, kleinen Organisationen übernommen werden muss, um Hilfe in die spezifischen lokalen Verhältnisse und Entwicklungen einbinden zu können.

Warum geschieht das nicht längst?

Das Konzept gibt es schon lange, aber es ist schwer umzusetzen. Es setzt voraus, dass Kontrolle abgegeben wird an die Menschen vor Ort und dass die Geldgeber nicht in Excel-­Tabellen nachverfolgen können, wo jeder Cent geblieben ist. Damit tun sich Organisationen sehr schwer. Aber wer dem Südsudan helfen will, muss die Bereitschaft haben, die Organisation dieser Hilfe abzugeben. Und es würde natürlich helfen, die Kriegstreiber in der Politik zur Verantwortung zu ziehen.

Wie verändert die Corona-Krise die Lage?

Niemand weiß genau, wie viele Menschen im Südsudan infiziert sind. In einem Land, in dem Millionen hungern, fehlt es auch an Verkehrs- und Gesundheitsinfrastruktur, an Tests, an Masken, an allem. Aber es gibt offenbar weniger Tote zu beklagen als beispielsweise in Europa. Das mag am Durchschnittsalter der Bevölkerung liegen oder an einem abgehärtetem Immunsystem. Die Menschen im Südsudan sind nicht von Covid-­19 bedroht, sondern von Hunger. Die Abwägung zwischen Wohlstand und Gesundheit, die bei uns getroffen wird, ist dort nicht möglich. Dort geht es so oder so ums Überleben.

Der Südsudan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Ist es ihm möglich, an Impfstoffe zu kommen?

Soweit ich weiß, sind vier Millionen Impf­dosen geordert worden, mithilfe des Covax-­Programms, also von anderen Staaten mitfinanziert. Aber die Chance, die Vakzine weltweit gerecht zu verteilen, ist vertan worden. Dabei gilt humanitäre Hilfe an sich denen, die es am nötigsten haben, den vulnerablen Gruppen. Bei der Verteilung von Impfstoffen geht es nur um die vulnerablen Gruppen im eigenen Land. Das ist eine schreiende Ungerechtigkeit, und die Empörung darüber hält sich sehr in Grenzen.

Sie sind Südsudan-Spezialistin und arbeiten für das Busara-Center. Gäbe es das Virus nicht, säßen Sie längst in Nairobi. Wie sieht Ihre Forschungsarbeit aus?

Das Busara-Center ist ein Forschungsinstitut mit Hauptsitz in Kenia, mit Büros in Uganda, Nigeria und Indien. Unsere Mission ist, unser Wissen über menschliches Verhalten zu verändern. Der Löwenanteil an Daten und Wissen über menschliches Verhalten, das ungeheuer einflussreich ist auf die Politik und die Gesellschaft – also auch auf die Entwicklungspolitik –, basiert auf verhaltenswissenschaftlicher Forschung über US-­amerikanische College-Studenten. Das nennt man „the WEIRD-Problem“, wobei WEIRD nicht für seltsam steht, sondern für „Western, educated, industrialized, rich, democratic societies“, grob gesagt also für Menschen, die in einer Demokratie und im Wohlstand groß geworden sind und leben, genauer: US-amerikanische College-Studenten. Unser Wissen über die Mehrheit der Weltbevölkerung ist damit extrem gering, denn die Mehrheit ist eben nicht WEIRD. Die Mission unsere Organisation ist es, die Verhaltensforschung zu erweitern und zu ergänzen, mit Erkenntnissen über die Menschen im globalen Süden, die alles andere als WEIRD sind.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Mareike Schomerus ist Vizepräsidentin am Busara Center for Behavioral Economics. Sie hat an der Fakultät für internationale Entwicklung der London School of Economics and Political Science promoviert und forscht seit Jahren über kriegerische Konflikte und Friedensprozesse in Uganda und im Südsudan. Sie ist in Ritterhude aufgewachsen und war einige Jahre „buten un binnen“-Moderatorin. In wenigen Wochen erscheint ihr Buch über den Friedensprozess mit der „Lord’s Resistance Army“, einer bewaffneten Gruppe, unter deren Krieg mit der Regierung Ugandas seit Jahren Zivilisten im zentralen Afrika leiden.

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